besonders verherrlichen , weil sie mit ihm die glückliche Rückkehr des Vielgereisten zu feiern gedenke . An diesem Tage sollte er sie zum erstenmal nach langer Zeit wieder spielen hören ; sie wußte , daß sie ihn damit freudig überraschen würde . Elisabeth sah diesen Uebungsstunden stets mit einem Gemisch von Freude , Angst und Widerwillen entgegen ... Sie wußte selbst nicht warum , aber Schloß und Park waren ihr plötzlich lieb und vertraut geworden ; ja , sie fühlte sogar für jene Bank , auf der sie mit Herrn von Walde gesessen hatte , eine Art zärtlicher Zuneigung , wie für einen alten Freund , so daß sie stets , um an derselben vorüberzukommen , einen kleinen Umweg machte ... Angst und Widerwillen dagegen flößte ihr Herrn von Hollfelds Benehmen ein . Nachdem sie einigemal seine Versuche , ihr in den Weg zu treten , durch schleuniges Ausweichen vereitelt hatte , kam er eines Tages ohne weiteres auf Fräulein von Waldes Zimmer und bat um die Erlaubnis , der Stunde beiwohnen zu dürfen . Zu Elisabeths Schrecken versicherte ihm Helene mit freudestrahlenden Augen , sie heiße ihn doppelt willkommen als einen Bekehrten , der ja früher der Musik keinen Geschmack habe abgewinnen können ... Er erschien nun beharrlich jedesmal , legte stillschweigend bei seinem Kommen einige frischgepflückte Blumen vor Helene auf das Klavier nieder , infolgedessen sie konsequent verschiedene falsche Akkorde griff , und setzte sich in eine Fensterecke , von wo aus er den Spielenden gerade in das Gesicht sehen konnte . Er hielt , solange musiziert wurde , die Hand über die Augen , als wolle er sich gänzlich den Eindrücken der Außenwelt entziehen , um im Reiche der Töne zu versinken . Elisabeth bemerkte jedoch sehr bald zu ihrem Verdrusse , daß er sein Gesicht nur so weit bedecke , als es von Helene gesehen werden konnte ; hinter der vorgehaltenen Hand starrte er unausgesetzt zu ihr selbst hinüber und verfolgte jede ihrer Bewegungen . Sie erbebte unter diesen Augen , die , sonst so nichtssagend und leer , ihr gegenüber stets in einem eigentümlichen Feuer aufglühten , so daß sie oft die größte Selbstbeherrschung nötig hatte , um unbeirrt weiter zu spielen . Helene hatte augenscheinlich keine Ahnung von der Hinterlist , mit welcher Hollfeld seinen Zweck zu erreichen suchte . Sie machte öftere Pausen und unterhielt sich lebhaft mit ihm , das heißt sie sprach dann fast immer allein und meist sehr hübsch . Jede seiner einsilbigen Antworten , so banal und gewöhnlich wie sie waren , nahm sie auf wie eine Gunst , wie einen Orakelspruch , dessen Sinn man stets tiefer zu suchen habe . Wenige Minuten vor dem Schlusse der Stunden entfernte er sich stets . Gleich das erste Mal jedoch hatte ihn Elisabeth beim Nachhausegehen bemerkt , und zwar durch eines der Korridorfenster im ersten Stocke , von wo aus man einen bedeutenden Teil des Parkes überblicken konnte , wie er wartend vor dem Waldwege auf und ab ging , den sie passieren mußte . Sie durchkreuzte seinen Plan , nicht ohne heimliches Lachen , indem sie Miß Mertens besuchte , und sich über eine Stunde bei ihr aufhielt . Dort wurde sie stets mit offenen Armen aufgenommen und gewann die Gouvernante allmählich so lieb , daß sie zuletzt gar nicht mehr an deren Thür vorbeigehen mochte , ohne auf ein Plauderstündchen einzukehren . Miß Mertens war meist traurig und niedergeschlagen . Sie fühlte , daß ihr Bleiben in Lindhof immer unmöglicher wurde . Die Baronin , ihrer Herrschermacht und der damit verknüpften Thätigkeit plötzlich enthoben , langweilte sich jetzt öfter bis zum Sterben . Ihren Verwandten gegenüber mußte sie die Maske der Harmlosigkeit und Zufriedenheit vornehmen , was ihr wohl herzlich sauer werden mochte , sie war also gezwungen , ihre üble Laune hinter den verschlossenen Thüren ihrer Appartements zu lassen , dort aber wurde sie nachgerade unerträglich ; nicht für Bella , denn dem Kinde gegenüber , in welchem sie bereits mehr die geborene Baronesse , als ihre Tochter sah , ließ sich die Dame nie zu Ausschreitungen hinreißen ; vor ihrer alten Kammerfrau aber hatte sie , man wußte nicht warum , » einen heillosen Respekt « , wie der Hausverwalter Lorenz sich ausdrückte , und der niederen Dienerschaft durfte sie nicht zu nahe treten , ohne den Herrn des Hauses herauszufordern ; mithin wurde all der verbissene Groll gegen die unglückliche , wehrlose Gouvernante geschleudert . Um ihr Opfer recht gründlich zu quälen , befahl die Dame , daß die Unterrichtsstunden von nun an unter ihrer höchsteigenen Aufsicht stattfinden sollten . In Gegenwart der Schülerin wurde die Methode der Lehrerin vom ersten Momente an unausgesetzt getadelt . Man wunderte sich jetzt durchaus nicht mehr , daß das Kind bei dem Unterricht nicht vorwärts komme , auch mußten ja die Nerven der Kleinen in steter Aufregung sein , denn Miß Mertens hatte beim Dozieren die widerlichste Stimme von der Welt ; und wie sollte Bella jemals graziös werden , wenn sie immer die eckigen Bewegungen vor Augen haben mußte , mit denen ihre Gouvernante das Buch hielt , die Blätter umwendete u.s.w. ? In der Geschichte zeigte Miß Mertens hier zu sentimentale , dort fast lächerlich spießbürgerliche Anschauungen und war bisweilen sogar so maßlos unverschämt , eine freie Ansicht zu haben . In solchen Fällen wurde die Stunde förmlich unterbrochen ; die Frau Baronin setzte sich auf den Lehrstuhl , und die Gouvernante mußte eine mit Hohn , aristokratischem Hochmut und Bosheit gesättigte Vorlesung in Devotion anhören . Fühlte sich die Dame nicht sattelfest genug , so wurde Herr Kandidat Möhring zu diesem Gerichte herbeigerufen . Die Nadelstiche ihrer eigenen Vorträge aber verschwanden neben dieser Grausamkeit , die alle bisher unterdrückten Predigten , alle heimlich verschluckte Galle des vermeintlichen Märtyrers in einem unabsehbaren Redestrome auf die bedauernswürdige Gouvernante herabbeschwor . Die Baronin wußte , daß der Kandidat ein abscheuliches Französisch sprach ; gleichwohl wurde er gebeten , solange er noch im Schlosse Lindhof sei , den Sprachstunden