, wie es schien , für den Augenblick alle Lust und Kraft zu irgend welchem selbstständigen Entschlusse verloren . Wo aber der Hausherr krank , wo das Oberhaupt der Familie selbst der Schonung bedürftig ist , muß die Hausfrau nothwendig an seine Stelle treten , und Angelika fand sich unter des Caplans Beistand schnell und leicht in diese Pflicht . Je näher die Ankunft der Ihrigen herankam , um so freudiger sah sie ihr entgegen . Sie wünschte , vor ihrer Familie Ehre mit den Besitzungen ihres Mannes einzulegen , als deren Theilnehmerin sie sich jetzt fühlte , und sie hatte eben die lange Reihe der Zimmer mit Wohlgefallen an ihnen durchschritten , als sie sich zu ihrem Manne begab , um ihn zu einer gleichen Besichtigung aufzufordern . Bei dem Freiherrn eintretend , fand sie ihn aber mit dem Caplan in einem Gespräche , das plötzlich abgebrochen wurde . Der Caplan steckte einen Brief in seine Tasche , der Baron wendete sich flüchtig ab , Jener verließ das Zimmer , und voll Bestürzung fragte Angelika , ob etwas Unangenehmes gemeldet , etwas Schlimmes vorgefallen sei ? Der Freiherr versicherte , daß dies nicht der Fall sei ; sie ersuchte ihn , ihr zu sagen , wovon er eben jetzt mit dem Caplan gesprochen habe , und dies zu thun , schlug er ihr ab . Weil sie aber grade heiter und guten Muthes war , wollte sie ihren Willen durchsetzen . Sie bat , sie schmeichelte , sie umarmte ihren Mann , es half ihr nicht , und wie man denn , eben wenn man in guter Laune ist , eine abschlägige Antwort oft um so schwerer fühlt , rief sie plötzlich betrübt und gegen ihre Gewohnheit heftig werdend , die Worte aus : Es ist aber wirklich , als sollte ich mich nie mehr recht von Herzen freuen ! Ihr Ton , ihre Mienen waren noch bezeichnender für ihre Traurigkeit , als ihre Worte . Der Freiherr wurde davon gerührt . Er ging an sie heran , nahm ihre beiden Hände , sah ihr lange und prüfend in die Augen , und fragte dann mit einem Ausdruck ernster Trauer : Siehst Du wohl , daß Deine Ahnung Dich nicht betrogen , daß Dein erstes Empfinden bei dem Begegnen mit mir Dich nicht getäuscht hat ? Sie war auf solche Frage nicht vorbereitet , und dieselbe fand sie daher fassungslos . Was mußte seither in dem Herzen des Freiherrn vorgegangen sein , daß er diese Frage an sie richten konnte ? Sie hätte ihm mit einem Worte sagen mögen , was sie fühlte , aber das war mit einem Worte nicht auszusprechen . Hatte er denn nicht gesehen , wie sie ihn liebte , nicht gemerkt , wie sie sich um ihn sorgte ? Beachtete er denn nur ihr äußeres Thun ? Der Gedanke , daß er vielleicht seit langer Zeit zum ersten Male an ihr Empfinden denke , überwältigte sie , und verstummend lehnte sie den Kopf an seine Brust . Er zog sie an sich und küßte ihre Stirne . Armes Weib ! sagte er , ja ! Du hättest ein heiteres Loos , einen anderen Mann verdient ! Angelika erschrak vor dieser Gedankenfolge des Barons , und beide Arme um seinen Hals schlingend , rief sie : Franz ! Um Gotteswillen , das sage , das denke nicht ! Was fehlt mir denn , als nur Dich wieder heiter zu sehen ? Was peinigt mich denn , als die Sorge , Dich von einem Kummer beherrscht zu wissen , den Du mich nicht theilen läßt ? Ich sehe , daß Dich etwas drückt , daß Du mir etwas verbirgst , daß auf Deinem Leben etwas lastet , und ich darf Niemanden fragen , was es ist , da Du es mir verschweigst . Oft ist es mir , als wisse es ein Jeder außer mir , als könne , als müsse ich es erfahren , es ablesen können von diesen Wänden , es geschrieben finden in den Mienen derer , die mir nahen , und ich verzage dann an mir selbst , an meinem Herzen , an meinem Verstande , an meiner Liebe zu Dir ; denn ich meine , die Liebe müsse mich seherisch machen - aber es ist Alles umsonst ! Du bist und bleibst unglücklich , seit wir hier sind , und ich ahne nicht , wodurch ! Die Thränen traten ihr in die Augen , der Baron sah finster aus und war sehr bleich geworden . Kaum bemerkte sie das , so fielen ihr die Rathschläge des Caplans ein . Sie nahm sich zusammen , warf scherzend den Kopf zurück , zerdrückte die Thränen in ihren Augen und sagte mit lächelndem Munde : Aber wie komme ich mir denn vor ? Ich wollte Dir erzählen , wie glücklich und wie stolz ich bin , die Eltern übermorgen hier in unserem Schlosse zu empfangen , und ich weine , weil Du es mir verweigerst , mir einen Brief zu zeigen , der mich sicherlich nichts angeht . Vergieb mir , geliebter Mann , und sei wieder gut ! Sie reichte ihm ihren Mund zum Kusse , er drückte ihr ernst die Hand . Armes Weib , wiederholte er , Du duldest , was Du nicht verschuldet hast , und wir sprechen von einer himmlischen Gerechtigkeit ! Er wendete sich von ihr und entfernte sich schnell . Rathlos blickte sie ihm nach . Die Ahnung , daß irgend eine schwere Verschuldung das Gewissen ihres Mannes belaste , regte sich wieder in ihr . Aber was konnte es sein ? Was war geschehen ? Wann war es geschehen ? Sie wollte ihm nacheilen , ihn auf ihren Knieen beschwören , ihr zu vertrauen . Jung , wie sie war , fühlte sie die Kraft , Alles mit dem Manne zu tragen , den sie liebte ; indeß die Gewohnheit der Achtung hielt sie ab , ihrem Gatten auszusprechen , daß sie ihm ein Schuldbewußtsein zuerkenne