wieder im Lande sein ? Ist er auf Reisen gewesen ? fragte Oswald mit angenommener Gleichgültigkeit . Er ist seit zehn Jahren eigentlich fortwährend auf Reisen , erwiderte Herr Bemperlein ; vor drei Jahren trafen ihn Frau von Berkow und Herr von Barnewitz und dessen Gemahlin in Rom , und sie sind dann mit ihm durch Süd-Italien gereist . In Sicilien haben sie sich getrennt . Die Herrschaften traten die Rückkehr an , und der Baron ging weiter nach Aegypten , Nubien , und Gott weiß , wohin ihn sein unruhiger Geist noch sonst getrieben haben mag . Aber wir sind schon wieder von unserm Thema abgekommen . Herr Bemperlein fing mit der ihm eigenthümlichen Redseligkeit abermals zu erzählen an , aber wenn Oswald schon vorher nur mit halbem Ohr zugehört hatte , so schweiften seine Gedanken jetzt noch viel weiter ab ... Das war also der Mann , der einst in Melitta ' s Leben eine so große Rolle gespielt hatte ! Eine so große Rolle ! Eine wie große Rolle ? Sie hatte ihn nie wahrhaft geliebt - vielleicht , - gewiß nie wahrhaft geliebt - aber ist denn wahre Liebe immer der letzte Preis der höchsten Gunst einer Frau ? Giebt es nicht so dergleichen , wie Begierde ohne Liebe ? oder auch Liebe ohne Begierde , oder der Wunsch , den Geliebten auf jede Weise an sich zu fesseln , auch durch die Lust und die Erinnerung der Lust - - Und so hätte sie doch an der Seite des Mannes , an dessen Wiege die Grazien ausgeblieben waren , geruht ; wohl ohne Ruhe , ohne die tiefe Seligkeit zu finden , die sie hoffte , - aber doch geruht ? O , in dem Gedanken war Höllenqual ... So raunte und flüsterte ihm der Dämon der Eifersucht wilde , schlimme Gedanken in ' s Ohr , die sein Blut sieden machten und ihm kalte Tropfen auf die Stirn trieben - was Wunder , wenn er so Herrn Bemperlein ' s Erzählung wie im Traume hörte . Nur so viel begriff er , daß der wunderliche brave Mann erst jetzt , nachdem die Noth des Lebens für ihn vorbei war und er in der grünen Einsamkeit von Berkow frei von aller Sorge aufathmen durfte , zum ersten Mal über seine sogenannte Wissenschaft , die zu prüfen , ihm bis dahin die Zeit gefehlt hatte , nachzudenken begann ; daß er jetzt zum ersten Male mit den Heroen der neueren Literatur , vor allem mit Shakespeare Bekanntschaft machte , daß er von den Dichtern auf die Philosophen kam , und wie ihm vor allem in Spinoza eine Welt aufging , von der er , der Zögling theologischer Scholastik , keine Ahnung hatte ; daß er von Spinoza , später von Schopenhauer angeregt , sich auf das Studium der Natur , auf Botanik , Mineralogie , Physik geworfen , sich mit Hülfe des alten Baumann ein kleines Laboratorium eingerichtet und fleißig experimentirt habe , und daß auf seinen Retorten und Tiegeln der Glaube an die alleinselligmachende Kraft der Professoren-Religion , den ihm die Lectüre der Philosophen noch etwa gelassen hatte , vollkommen verdampft sei . Das ging nun so , so lange es ging , sage Herr Bemperlein , allein es kam nicht zum Sterben , aber doch zu dem Augenblick , wo ich mich entschließen mußte , ob ich meinen heimlichen Abfall von dem Glauben meiner Väter offen erklären wollte oder nicht . Eine sehr einträgliche Pfarrstelle in hiesiger Gegend , von der ein Onkel der Frau von Berkow , der ältere Herr von Barnewitz Patron ist , wurde durch den Tod des Inhabers erledigt . Herr von Barnewitz glaubte seiner Nichte einen Gefallen zu erweisen , wenn er mir diese Stelle anbot , ich hatte weiter nichts zu thun , als am nächsten Sonntag eine Predigt in dem Pfarrdorfe zu halten , und die Sache war abgemacht . Nun müssen Sie wissen , daß ich , als mir Herr von Barnewitz die Sache vorstellte , im ersten Schrecken , halb aus Ueberraschung , halb , um den guten Mann nicht zu kränken , und dann auch , weil wir ( das heißt Frau von Berkow und ich ) Juliu ' s Uebersiedlung nach Grünwald beschlossen hatten , und so meines Bleibens in Berkow doch nicht länger sein konnte , » Ja « gesagt und mich wirklich hingesetzt habe , eine Predigt auszuarbeiten . Ich hatte mich seit ein paar Jahren glücklich um jede Gelegenheit , wo mein theologisch-declamatorisches Talent sich hätte zeigen können , herumzudrücken gewußt , und jetzt fühlte ich zu meinem Schrecken , daß ich die Kanzelsprache , und noch mehr als die Sprache , die Kanzellogik vollständig verlernt hatte . Drei Abende hinter einander setzte ich mich zu der Sisyphusarbeit hin ; aber nie kam ich auch nur über » meine andächtigen Zuhörer « hinaus . Die contradictio in adjecto peinigte mich , ich wußte aus eigener Erfahrung , wie es mit der Andacht der Zuhörer bestellt ist . Andächtig kommt von Denken ! Da , in der dritten Nacht , als ich mich voller Verzweiflung zu Bette gelegt hatte und voller Kummer eingeschlafen war , erwägend , was wohl mein guter Vater und mein würdiger Großvater , den ich auch noch gekannt hatte , sagen würden , wenn sie den Unglauben ihres in so trefflichen Grundsätzen erzogenen Sohnes und Enkels sähen , hatte ich folgenden kuriosen Traum , zu dessen Erklärung ich vorher bemerken muß , daß Frau von Berkow mir an jenem Tage viel von den Museen des Louvre erzählt hatte . Mir träumte also , ich trat in einen gewaltigen hohen und weiten Saal , an dessen Wänden Sculpturen und Gemälde standen und hingen . Da saß Gott Vater selbst , ein schöner bärtiger alter Mann , und reckte die Hand aus und schuf Himmel und Erde , dann kamen Adam und Eva , in weißem Marmor : Eva , ziemlich wohl erhalten - Adam aber hatte den Kopf