nicht einmal bis zur Treppe ; die offen stehende Thür machte einen Zugwind , der ihr das Licht ausblies . Nun stand , sie vollends erschreckt . Sie rief : Lisabeth ! Lisabeth ! Keine Antwort , als das Echo des langen Corridors ... Sie tastete sich zurück zu den vordern Zimmern . Hier aus dem Fenster zu rufen war den Sternen gesprochen ... Nun wankte sie dem Divan wieder zu und hielt sich an der kalten Marmorbekleidung des Kamins ... verwünschend die Rücksichtslosigkeit , die sie hier so preisgeben konnte . Als sie sich aber niederlassen mußte , weil es sie fieberisch fröstelte , fühlte sie etwas wie einen Mantel . Erschreckt fuhr sie zurück . Es war eine Decke , eine der gesteppten , die unter die Federbetten gebreitet werden . Man hatte also doch an ihre Ruhe gedacht und vorausgesetzt , daß sie hier und auf dem Divan die Nacht , zubringen würde . Ihr Fuß stieß auch an ein Federkissen , das hinuntergeglitten war . Sie konnte es unter ihren Kopf legen und that es . Sich in ihr Loos ergebend , streckte sie sich , um zu schlafen , drückte den Kopf in das untergelegte Kissen und zog die Decke über sich . Es wurde ihr wärmer ; aber die Bilder der erregten Phantasie wichen noch lange nicht ... Immer sah sie Leben und Bewegung um sich her . Jede zufällige Berührung weckte eine Vorstellung . Klingsohr ' s Gestalt konnte sie nicht sehen , aber hörbar blieb ihr seine Stimme . Immer noch glaubte sie ihn reden zu hören und zwischendurch öffnete der Kronsyndikus die Thür und fragte : Schläfst du ? ... Auch den Deichgrafen sah sie durchs Zimmer schreiten und die Ahnenbilder in den goldenen Rahmen stumm betrachten ... dann wurde die Reihe der Gestalten immer ferner , nebelhafter wurden ihre Umrisse ... Sie sah die Frau Hauptmännin Tauben morden und Mäuse fangen aus freier Hand und vor schönen Prinzessinnen knixen und sie dann in den Keller sperren , wohin sie ihnen in der Nacht Besuche machte , mit der Lampe über ihnen hinwegleuchtend und lachend , wenn eine Ratte an ihnen nagte ... gerade wie sie ihr einst gethan ... Die eine Schlummernde war ihre todte Schwester ; die erhob sich aber und setzte sich an ihren eigenen Nähtisch , kleine Hemden zu nähen , die wol den beiden noch lebenden Geschwistern im Waisenhause gehören sollten ... auch diese erschienen und winkten so seltsam und so abwärts ... und die drei andern kleinen Geschwister , die am Scharlach gestorben , sah sie mit Blumen bekränzt und eine wundervolle Musik begann ... es waren die Flötentöne der Harmonica ... es war die Kirche in Eibendorf ... die Kirche der Residenz dann wieder ... das Gesangbuch der Magd im Hause des Stadtamtmanns blitzte in seinem Goldschnitt und schlug sich hell auf ... sie las Warnungen , Mahnungen , unterdrückte und hier offen ausgesprochene Vorwürfe ihres Gewissens ... bis sie daran fester einschlief , aber doch immer noch in der Vorstellung , den Vater zu führen , alle die schmalen Brückenstege von Langen-Nauenheim entlang , und dem schwer dahintaumelnden kleinen Mann , der seinen Hut verloren und , mit den weißen Haaren im Winde , immer nach dem Kopfe griff , zuzurufen : Vater hier ! Vater hier ! So war ihre letzte Erinnerung ... Am folgenden Morgen weckte sie die Lisabeth und brachte die schreckliche Kunde , daß man gestern Nacht im Düsternbrook den Deichgrafen in seinem Blute schwimmend und - ermordet gefunden hätte . 14. Als Lucinde dies grauenvolle Wort hörte , sprang sie empor . Sie verstand nicht einmal gleich , was sie hörte . Sie wußte anfangs kaum , wo sie war . Die Mägde hatten schon aufgeräumt und über dem gelben Plüschsammt hingen schon wieder die grauen Ueberzüge . Nur sie hatte man den erquickenden Schlaf noch genießen lassen . Die Lisabeth wiederholte die grauenvolle Mittheilung : Der Deichgraf ist todtgestochen ! Gestern ! Im Düsternbrook ! Aber der Doctor ? fragte Lucinde erblassend und sich auf alles Gestrige jetzt erst besinnend . Sie schliefen gerade , hieß es , als die Leute , die auf der Buschmühle arbeiten und den Weg über Neuhof nehmen , wenn sie nach Hause wollen , die Nachricht brachten . Es war um neun Uhr . Ermordet ! wiederholte Lucinde schaudernd und sich auf das , was damit zusammenhängen konnte , besinnend ... Abgestochen mit einem Messer , gerade wie man einen Karpfen absticht , dicht am Kiemen ! fuhr die Lisabeth fort . Im Regen lag er hart am Grenzstein bei der großen Eiche . Mit dem Menschen , der ' s gethan hat , muß er gerungen haben auf Leben und Tod ! Aber wer war es denn ? Die Lisabeth wußte niemand zu nennen , erzählte aber von der Bewegung auf dem Hofe und in der ganzen Gegend ... Und der Doctor ? Dem hätte man ' s gestern Abend sogleich gesagt . Er hätte wie versteinert gestanden , sie erst wecken wollen , dann wäre er hinuntergeschlichen in seinen Wagen , wie ein Schatten . An den Glaswänden hätte er sich wie ohnmächtig gehalten und wie er sein Antlitz drin gesehen , hätt ' er sich an den Kopf geschlagen und einigemal gelacht , gelacht nämlich vor Schmerz ... Die Lisabeth erzählte , wie es auch ihr immer ginge , daß sie vor Schmerz lachen müßte und daß sie schon einmal drum einen Doctor gefragt hätte . Die Aerzte wissen , was sie alles dem Volke leisten sollen ! Sie werden gefragt , ob sie nicht Tränke hätten , daß man gerade nur dies oder das träume , und zu manchem Arzt schon kam eine Mutter und verlangte ihrem Kinde etwas verschrieben , weil es so leicht » schrecke « . Von den Nerven Lucindens wissen wir schon , daß sie gegen den Schreck gestählt sind . Was aber sagte denn nur der - Doctor ? fragte sie .