einer schöneren Wirklichkeit sei . Bei dem Sohne dieses Hauses machte sich , als er größer wurde , die vielgeübte Phantasie auf andere , nicht minder bedenkliche Weise geltend . Er wurde sehr genußsüchtig , lag schon als Handelslehrling in den Wirtshäusern als ein eifriger Spieler und war bei allen öffentlichen Vergnügen zu sehen . Dazu brauchte er viel Geld , und um sich dieses zu verschaffen , verfiel er auf die sonderbarsten Erfindungen , Lügen und Ränke , welche ihm nur eine Art Fortsetzung der früheren Romantik waren . Jedoch hielt dies nur halb verdächtige Treiben nicht lange vor , vielmehr sah er sich bald darauf Verwiesen , zuzugreifen , wo er konnte . Denn er gehörte zu jenen Menschen , welche nicht gesonnen sind , sich in ihren Begierden im mindesten zu beschränken , und in der Gemeinheit ihrer Gesinnung dem Nächsten mit List oder Gewalt das entreißen , was er gutwillig nicht lassen will . Diese niedere Gesinnung ist gleichmäßig der Ursprung scheinbar ganz verschiedener Erscheinungen . Sie beseelt den ungeliebten Herrscher , welcher , in seinem Dasein jedem Kinde im Lande ein Überdruß , doch nicht von seiner Stelle weicht und nicht zu stolz ist , sich vom Herzblute des verachteten und gehaßten Volkes zu nähren ; sie ist der Kern der Leidenschaftlichkeit eines Verliebten , welcher , nachdem er einmal die bestimmte Erklärung der Nichterwiderung erhalten hat , sich nicht sogleich bescheidet und in den edlen Schmerz der Entsagung hüllt , sondern mit gewaltsamer Aufdringlichkeit ein fremdes Leben verbittert ; wie in allen diesen Zügen lebt sie endlich auch in der Selbstsucht des Betrügers und Diebes jeglicher Art , groß und klein , überall ist sie ein unverschämtes Zugreifen , zu welchem mein ehemaliger Gefährte nun auch seine Zuflucht nahm . Ich hatte ihn im Verlaufe der Zeit ganz aus den Augen verloren , während er schon mehrere Male im Gefängnisse gesessen hatte , und dachte vor ungefähr einem Jahre an nichts weniger als an ihn , da ich einen verkommenen Menschen durch die Häscher dem Zuchthause zuführen sah . In demselben ist er seither gestorben . Ich war nun zwölf Jahre alt , so daß meine Mutter auf meine weitere Schulbildung denken mußte . Der Plan des Vaters , daß ich der Reihe nach die von freisinnigen Vereinen begründeten Privatanstalten besuchen sollte , war nun zerschnitten , indem dieselben inzwischen durch wohleingerichtete öffentliche Schulen überflüssig geworden ; denn die abermalige Regeneration der Schweiz hatte zuerst auf diesen Punkt ihr Augenmerk gerichtet . Der alte Gelehrten- und Lehrerstand der Städte wurde durch einberufene deutsche Schulmänner reichlich erweitert und in den meisten Kantonen an eine große Zwillingsschule verteilt , welche aus einem Gymnasium und einer Gewerbsschule bestand . Bei der letzteren brachte mich die Mutter nach mehreren Beratungen und feierlichen Gängen unter , und die Leistungen meiner bescheidenen Armenschule , aus welcher ich halb wehmütig und halb fröhlich schied , erwiesen sich bei der Aufnahmeprüfung so vorzüglich , daß ich neben den Zöglingen der guten alten Stadtschulen vollkommen bestand . Denn diese wohlhabenden Bürgerkinder waren nun ebenfalls auf die neuen Einrichtungen angewiesen . So fand ich mich plötzlich in eine ganz neue Umgebung versetzt . Statt wie früher der bestgekleidete und vornehmste meiner Mitschüler zu sein , war ich in meinen grünen Jäckchen , welche ich aufs äußerste ausnutzen mußte , nun einer der unansehnlichsten und bescheidensten , und das nicht nur in Ansehung der Kleidung , sondern auch des Benehmens . Die Mehrzahl der Knaben gehörte dem altherkömmlichen bewußtvollen Burgerstande an , einige waren vornehme feine Herrenkinder , und einige hinwieder stammten von reichen Dorfmagnaten , alle aber hatten ein sicheres Auftreten und Gebaren , entschiedene Manieren und einen fixen Jargon im Sprechen und Spielen , vor welchem ich blöde und unsicher dastand . Wenn sie sich stritten , so schlugen sie sich gleich mit raschen Bewegungen ins Gesicht , daß es klatschte , und mehr Mühe als das neue Lernen machte mir das Zurechtfinden in diese neue Umgangsweise , wenn ich nicht zuviel Unbilden erleiden wollte . Ich erkannte nun erst , wie mild und gutmütig die Gesellschaft der armen Kinder gewesen war , und schlüpfte noch oft zu ihnen , die mich mit wehmütigem Neide von meinen jetzigen Verhältnissen erzählen hörten . In der Tat brachte jeder Tag neue Veränderungen in meiner bisherigen Lebensweise . Seit alter Zeit war die Jugend der Städte in den Waffen geübt worden , vom zehnten Jahre an bis beinahe zum wirklichen Militärdienste des Jünglingsalters ; nur war es mehr eine Sache der Lust und des freien Willens gewesen , und wer seine Kinder nicht wollte teilnehmen lassen , war nicht gezwungen . Nun aber wurden die Waffenübungen für die sämtliche schulpflichtige Jugend gesetzlich geboten , daß jede Kantonsschule zugleich : ein soldatisches Korps bildete . Wir wurden in grüne Uniform gesteckt , ich glaubte schon mit meiner besonderen Grünheit in der allgemeinen aufgehen zu können und von meinem Spitznamen erlöst zu sein ; aber weit gefehlt , meine Mutter ließ es sich nicht nehmen , die grünen Röcke meines Vaters , welche kein Ende nehmen zu wollen schienen , dem Schneider unterzuschieben , und so ermangelte meine Uniform niemals , um einen Grad dunkler oder heller zu sein als alle übrigen und mich fortwährend auszuzeichnen . Mit den kriegerischen Übungen war das Turnen verwandt , zu welchem wir ebenfalls angehalten wurden , so daß einen Abend exerziert und den andern gesprungen , geklettert und geschwommen wurde . Ich war bisher aufgewachsen wie ein Gras , mich biegend und schmiegend , wie jedes Lüftchen der Lebensregungen und der Laune es wollte ; niemand hatte mir gesagt , mich grad zu halten , kein Mann mich an See und Fluß geführt und da hineingeworfen , wo es am tiefsten war , nur in der Aufregung hatte ich ein und andern Sprung getan , den ich mit Vorsatz nicht zu wiederholen vermochte . Mein Temperament aber hatte mich nicht dazu getrieben , wie etwa die Söhne anderer Witwen , da