Alicens eine Ahnung zu haben . So war Ralph wieder allein . Die Mittheilungen Alicens hatten seine Spannung auf ' s Höchste gesteigert . Er berührte sein Abendbrod kaum , obschon ihn hungerte . Von Zeit zu Zeit zog er sein Messer aus dem Stroh hervor und prüfte die Spitze der Klinge . Besonders aber freuete er sich über die Terzerolen , welche von ausgezeichneter Arbeit waren . Es wurde Abend und er war ohne Licht . Aber der Vollmond schien mit herrlicher Klarheit durch das Gitterfenster . Ralph saß auf seinem Bette und ließ die Stunden an sich vorüberkriechen . Er dachte an Vielerlei , an seine freudlose Jugend , an die traurigen Zänkereien zwischen seinen Eltern , denen er seit seiner frühesten Kindheit als Zeuge beigewohnt . Aber er dachte auch an seine gute Anna , an seine Spiele mit ihr , als sie noch klein war , an die mannigfachen Entbehrungen , die sie sich selbst auflegten , um einander eine verstohlene Freude zu bereiten - er dachte auch an Alice - und wie ein Nebelbild , wenn plötzlich die Sonne hinter den Wolken hervorbricht , so zerfloß die Vergangenheit vor seinem innern Blick bei diesem Namen und er dachte nur an die Gegenwart und an die nächste Zukunft - die nächste Zukunft aber war morgen . Sein Athem flog , wenn er an morgen dachte - sein Herz zitterte vor innerer Bewegung . Es war ihm zuweilen , als solle morgen sein Geburtstag gefeiert werden , so kindlich war seine Freude , wenn er sich erinnerte , daß morgen der 18. März , und er ja selbst auch ein » Achtzehner « war . Dann plötzlich kam es wieder über ihn , wie die Drommete eines jüngsten Gerichts , deren Schall die Welt in Trümmer stürzt . Und er sah sich selbst auf diesen Trümmern stehen , eine Fahne hoch in der Rechten schwingend und seine Kampfgenossen rufend zum Siegsgesang . Aber er war allein , seine Genossen waren gefallen bis auf ihn . Da senkte er traurig seine Fahne auf die Gefallenen , knieete an ihren Leibern nieder und - betete . Als er aber so da lag auf seinen Knieen , siehe , da kam plötzlich der alte böse Feind , der seine Brüder getödtet , warf ihm eine Schlinge um den Hals und schleppte ihn wieder zurück in sein Gefängniß . Ralph erwachte aus seinem Traume und blickte auf . Der Mond schien nicht mehr durch das Gitterfenster , aber die Dämmerung brach bereits an . Jetzt , als der Tag kam , als die Stunde der Erlösung näher rückte , sprang er auf und ging mit unruhigen Schritten in seiner Zelle auf und nieder . Jedes Geräusch trieb ihm das Blut in das Gesicht ; das Säbelklirren des Wachtpostens auf dem Hofe dünkte ihm wie das Rasseln des Schlüsselbundes seines Gefangenwärters , welcher komme , die Thür ihm zu öffnen . Vergebens . Eine Stunde verfloß nach der Andern - er hörte die Thurmuhr von der Werderschen Kirche jede verflossene Viertelstunde anzeigen - Niemand erschien , um ihn zu erlösen . - Horch - endlich hörte er Jemanden den Corridor entlang kommen . Rasch steckte er das Messer in den Gürtel , den er unmittelbar auf dem Leibe trug , auf die Gefahr hin , sich bei der geringsten raschen Bewegung zu verwunden ; die Pistolen wanderten in die langen Stiefelschäfte . So erwartete er den Nahenden . Wiederum getäuscht ! - Es war der Wärter , der ihm sein Mittagbrod brachte . Schon war er im Begriff , von seinem Messer gegen den Alten Gebrauch zu machen und zu fliehen . Aber er dachte an seinen Vater , der ungefähr in demselben Alter war - und ließ die Hand wieder sinken . - Die Thür war wieder verschlossen . Ralph war in düsteres Brüten versunken , er hatte die Hoffnung fast aufgegeben - - Von der Werderkirche herab tönten die Schläge der Uhr ; es war die dritte Nachmittagsstunde - - da dröhnten die in ihren Fugen durch die Zeit gelockerten Scheiben des Gitterfensters von einem dumpfen Donnerschlage - Ralph blickte in die Höhe , der Himmel war vollkommen heiter - - Als er noch mit der Aufklärung dieses sonderbaren Phänomens beschäftigt war , hörte er endlich die ersehnten Schritte auf dem Corridor , welche sich eilig seiner Zelle nahten . Da tauchte die Vermuthung der Wahrheit in ihm auf . - Es war der Donner des groben Geschützes gewesen , was er gehört hatte . - Versuche von Innen , das Schloß zu sprengen - tönte eine wohlbekannte Stimme durch ' s Schlüsselloch . - Wir haben keinen Schlüssel und der alte Satan - dein Wärter ' hat sich , wer weiß wo - verkrochen . - Es geht nicht - rief Ralph in Verzweiflung zurück , als er sah , daß die stark mit Eisen beschlagene Thür seiner gewaltigsten Anstrengungen spottete - ich habe keine Werkzeuge . - Verdammt - flüsterte dieselbe Stimme - lauf , Junge , und sieh , daß Du eine Brechstange bekommst . - Diese Aufforderung war an eine zweite Person draußen gerichtet , welche sich entfernte , aber bald mit der trostlosen Nachricht zurückkehrte , daß der Ausgang von den Wachtposten besetzt sei . Dann müssen ' s wir für jetzt aufgeben , sonst werden wir alle drei gefaßt . Wir kommen wieder , mein Junge - erscholl es abermals durch ' s Schlüsselloch - eine kleine halbe Stunde nur und dann bist Du frei . Ralph wartete . Die halbe Stunde war längst vorüber . Er hörte es 4 und 5 Uhr schlagen . Niemand kam . Das Gebäude war still wie ein Grab , aber draußen donnerten die Kanonen , knatterten die Pelotonfeuersalven herüber . Nicht hundert Schritte von ihm mußte der Kampf entbrannt sein , denn er hörte zwischen den Salven den Hurrahruf der Kämpfenden und das Geröchel der Sterbenden . Seine Angst führte ihn an die Grenze des Wahnsinns ....