Großmama vorgelesen , sie ist schon so alt , sie nimmt ' s all mit ins Grab , sie hat Dich so lieb , sie sagt , Du wärst die edelste Kreatur , die sie je gesehen , und dann sprach sie von Deiner Anmut ; sie spricht immer schwäbisch , wenn sie recht heiter ist . » Siehst , Mädele , wie anmutig und doch gar bequem deine Freundin ist . « - Sie ist wirklich liebreizend , und da las ich ihr auch meinen Brief vor , sie sagt , » Du bischt halter e verkehrt ' s Dingele , « und dann hat sie mir den Stein mit der Daphnis doch geschenkt für Dich , ich lasse ihn fassen , Du mußt ihn tragen und mußt nicht sagen , von wem er ist . - Was ist Dein Brief voll schöner Geschichten , nur der Clemens ist doch mein Adam nicht , das prophezeist Du schlecht , daß er mich erst nach hundert Jahren auf dem Berg der Erkenntnis treffen werde . Ich hab ihn so lieb , so lang kann ich nicht Versteckelches mit ihm spielen , und doch hast Du vielleicht recht , im nächsten Brief will ich ' s sagen , aber dem Clemens fall ich um den Hals und küss ihn , da hat er mich , wie ich bin . Aber ! - es geht ein Weg - der führt in die Alleinigkeit . - Ist der Mensch in sein eignen Leib allein geboren , so muß er auch in seinen Geist allein geboren sein . - Der St. Clair ist gut , voll Herz , er wollt ja zum kranken Hölderlin reisen - er soll doch hin ! nach Homburg - ich möcht wohl auch hin . - Er sagt , es würde dem Hölderlin gesund gewesen sein , ich möcht wohl , ich darf nicht . - Der Franz sagte : » Du bist nicht recht gescheut , was willst du bei einem Wahnsinnigen ? willst du auch ein Narr werden ? « - - Aber wenn ich wüßt , wie ich ' s anfing , so ging ich hin , wenn Du mitgingst , Günderode , und wir sagten ' s niemand , wir sagten , wir gingen nach Hanau . Der Großmama dürften wir ' s sagen , die litt ' s , ich hab heute auch mit ihr von ihm gesprochen und ihr erzählt , daß er dort an einem Bach in einer Bauernhütte wohnt , bei offnen Türen schläft , und daß er stundenlang beim Gemurmel des Bachs griechische Oden hersagt , die Prinzeß von Homburg hat ihm einen Flügel geschenkt , da hat er die Saiten entzwei geschnitten , aber nicht alle , so daß mehrere Klaves klappen , da phantasiert er drauf , ach , ich möcht wohl hin , mir kommt dieser Wahnsinn so mild und so groß vor . Ich weiß nicht , wie die Welt ist , wär das so was Unerhörtes , zu ihm zu gehen und ihn zu pflegen ? Der St. Clair sagte mir : » Ja , wenn Sie das könnten , er würde gesund werden , denn es ist doch gewiß , daß er der größte elegische Dichter ist , und ist ' s nicht traurig , daß nicht ein solcher behandelt werde und geschützt als ein heiliges Pfand Gottes von der Nation , sagte er , aber es fehlt der Geist , der Begriff , keiner ahnt ihn und weiß , was für ein Heiligtum in dem Mann steckt , ich darf ihn hier in Frankfurt gar nicht nennen , da schreit man die fürchterlichsten Dinge über ihn aus , bloß weil er eine Frau geliebt hat , um den Hyperion zu schreiben , die Leute nennen hier lieben : heiraten wollen , aber ein so großer Dichter verklärt sich in seiner Anschauung , er hebt die Welt dahin , wo sie von Rechts wegen stehen sollte , in ewiger dichterischer Fermentation ; sonst werden wir nie die Geheimnisse gewahr werden , die für den Geist bereitet sind . Und glauben Sie , daß Hölderlins ganzer Wahnsinn aus einer zu feinen Organisation entstanden , wie der indische Vogel in einer Blume ausgebrütet , so ist seine Seele , und nun ist es die härteste rauhe Kalkwand , die ihn umgibt , wo man ihn mit den Uhus zusammensperrt , wie soll er da wieder gesund werden . Dieses Klavier , wo er die Saiten zerrissen , das ist ein wahrer Seelenabdruck von ihm , ich hab auch den Arzt darauf aufmerksam machen wollen , aber einem Dummen kann man noch weniger begreiflich machen als einem Wahnsinnigen . « - Er sagte mir noch so viel über ihn , was mir tief durch die Seele ging , über den Hölderlin , was ich nicht wieder sag , und ich hab mehrere Nächte nicht schlafen können vor Sehnsucht hinüber nach Homburg , ja wollt ich ein Gelübde tun ins Kloster zu gehen , das könnt doch niemand wehren , gleich wollt ich das Gelübde tun , diesen Wahnsinnigen zu umgeben , zu lenken , das wär noch keine Aufopferung , ich wollt schon Gespräche mit ihm führen , die mich tiefer orientieren in dem , was meine Seele begehrt , ja gewiß weiß ich , daß die zerbrochnen umbesaiteten Tasten seiner Seele dann wieder anklingen würden . - Aber ich weiß , daß es mir nicht erlaubt würde . So ist es , das natürliche Gefühl , was jedem aus der Seele tönt , wenn er nur drauf hören wollte ( denn in jeder Brust , auch in der härtesten , ist die Stimme , die ruft : hilf deinem Bruder ) , diese Stimme wird nicht allein unterdrückt , sondern auch noch als der größte Unsinn gestraft , in denen sie sich vernehmlich macht . Ich mag gar von Religion und von Christentum nichts mehr hören , sie sind Christen geworden , um die Lehre Christi