barfuß im Schnee und im Hemd sollst Du Buße thun , sondern recht anständig verhüllt , ganz sittsam und in der verzehrenden Gluth der Erwartung . - Sehr gut - sechs Tage dauere diese Qual , mein geliebtes Herz ! Dann will ich den Riegel , wie von Geisterhand gelüftet , niederklirren lassen und farbiger Dämmerschein , wogend auf dem Blüthenaroma meiner Lieblingsgewächse , soll Dich umschmeicheln . Dann suche , suche und irre umher in der durchdufteten Halle ! Du stehst am Hochaltar der Liebe , die Natur schwenkt in ihren Blumenkelchen tausend Weihrauchfässer , und die glimmernden Kerzen der Feuerfliegen leuchten mit sanftem Glanz zu dem heiligen Lebensfest . - Der Hohepriester aber legt das Gewand der Hohheit an . In stiller Andacht , wonnebeglückt , sehnsuchtumrauscht , wirst er das schwellende Gewand der Menschheit um sich . Es verschwindet die hemmende Sitte und nur die Natur waltet frei . - Es ist Alles bereit zum erhebendsten Liebesdienst , und es liegt nur an Dir , mein Sigismund , wenn Du nicht hinsinkst in die Andacht des Genusses , betäubt , ohnmachtsüß , wonneschwelgend . « » Hinweg mit aller Heuchelei zwischen Herzen , die ihren Pulsschlag schon gefühlt in unmittelbarster Berührung ! Prüderie ist der Tod aller Liebe - Willst Du mein Glaubensbekenntniß hören ? Es ist einfach , so einfach wie ich , der Abdruck meiner innersten Gedanken . Nicht wahr , Sigismund , Du bist , was man so Protestant nennt ? Versteh ' ich das Wort recht , so bin ich eine sehr starke Protestantin , obwol ich mich für eine gute und fromme Tochter der alleinseligmachenden Kirche halte . Ich protestire eifrig gegen alle zierlichen Verührungen und liebe die Freigeisterei , die Keckheit in der Liebe . Freilich ein sonderbares Gemisch von Rechtgläubigkeit und Frivolität , die mir aber ganz wohlgefällt , weil sie reizt . « » Liebe , mein glühender Freund , heißt das erste und letzte Wort meines Katechismus . Das ist ein vieldeutiger , schwer zu interpretirender Ausdruck , und dennoch bin ich so leicht damit fertig , wie mit einem Kusse Kann dieser nicht die Stelle eines langen Commentars vertreten ? - Ach , ist dies ein langweiliges Leben jetzt ! Und nun vollends , seit ihr Männer so trübsinnig zerfallen seid mit dem Dasein und an nichts mehr eine heitere Freude findet ! Was sucht ihr denn , Thörichte ? Freiheit , Ausgleichung verworrener Zustände , politische Reformen , eine Umbildung des socialen Lebens . Ich glaube , so ungefähr lauten die Titel zu den Klageliedern , die Ihr nun schon seit Jahren in verschiedenen Tonarten variirt . Sigismund , ich sage Dir und Allen , die Dir gleichen , daß ihr Thoren seid , rechte blöde , mondsüchtige Thoren ! - Liebt , und Ihr seid frei , aber liebt menschlich-natürlich , nicht weltlich-frivol . - - Ach Du lieber Himmel , da hab ' ich so eine Art Lästerung geschrieben , ich kann sie aber unmöglich wiederrufen , wenn ich ehrlich bleiben soll . Und nicht wahr , Ehrlichkeit gehört auch zu den Tugenden der Frauen ? « » Hast Du mich verstanden , Sigismund ? Ich bin ziemlich unerfahren , schlicht und wenig bekannt mit der Qual des männlichen Lebens , aber eben deshalb glaub ' ich ein Recht zu haben , schuldlos und unparteiisch meinen Rath hinwerfen zu dürfen in dieses freudenlose Schwanken und Irren . Versucht zu lieben , ihr Unglücklichen , liebt mit aller Genialität des Geistes , der in Euch bewegter ist , als in früheren Geschlechtern , und Ihr werdet gesunden ! Wir Weiber sind seltsam , wir fühlen auch das Unglück der Zeit , aber uns drückt es nicht nieder , wie den Mann . Das Weib hat Kraft , Alles zu ertragen , so lange sie lieben kann ; nur mit der Fähigkeit zu lieben endigt ihr Dasein . Frevelt nicht , ihr europamüden Männer , an der Allmacht der Liebe , sonst vertilgt Ihr Euch selbst und Euren Thatendrang . Frei werdet Ihr sein , sobald Ihr es wagt , frei zu lieben . « » Die Liebe ist die Religion der Welt . Dies sollst Du lernen , Sigismund , nach abgelaufener Bußezeit . Warum schlingt sich diese Weltreligion so fest an einen gemachten Himmel , jenen unbestimmten Begriff alles Ungewiß-Schönen , Traumhaft-Erhabenen ? Warum ist die Liebe so feig gewesen , sich binden zu lassen mit dürren Binsen versengter Gesinnung ? Warum hat sie sich erniedrigt und ist hingesunken unter das kalte Douchebad verständiger , gut gemeinter Gesetze ? Das Leben bewegt und gestaltet sich am schönsten , wenn ihm wohlwollend alle Wege der Entwickelung geöffnet werden , und jede Schranke fällt , die nicht begründet ist in der Natur . Ist Liebe etwas anders als die Umarmung zweier Flammen , die sich auflösen in eine ? Bedarf ich Ermahnung , wo Alles glüht ? oder Mäßigung , wo sie allein sittenlos , fluchwürdig und Lästerung des Lebens wäre ? Sieh , mein Geliebter , das ist es , was ich der Männerwelt rathe zu bedenken . Genialität in der Liebe gebiert Genialität im Leben . Aus der Gewohnheit , und hätte sie sechs Weihen empfangen , wird kein Sprößling erwachsen , von Sonnenduft und Aetherglanz umwallt . Nur die Freigeisterei der Liebe erzeugt den Heroen der Freiheit ! « » Ach , was ich muthig bin und doch so traurig ! Sigismund , mir bangt , wir werden uns nicht gar lange besitzen . Dringe nicht in mich , verlange nicht zu schnell das Band der Ehe um meine auf freien Flammen sich wiegende Seele gelegt ! Nicht etwa , daß ich etwas gegen die Ehe habe , ich achte und ehre sie und wünsche dereinst ihr Glück zu genießen , aber die Erinnerung an die freie Vergangenheit würde meine Liebe schwächen und die Begeisterung herabsinken zu gewöhnlicher Liebelei . Und wäre dies nicht entsetzlich , entwürdigend ? - Sei nur nicht böse