Lebens bemächtigen , um auf einmal eine Last von alten Zuständen abzuwerfen und zu vergessen . Aber dieses schnell aufflackernde Gefühl ist nur der Sonnenblick , dem alsbald wieder die vorige Wolkentrübe folgt . Constanze erwehrte sich so gut wie möglich . Doch als der Graf zu seiner größten Freude die Gewächse meist unverletzt fand , und bei jedem neuen Stocke bemüht war , die Schwester von seinem Glück zu überzeugen , da konnte sie den wehmütigen Gedanken nicht bei sich unterdrücken : wie war mir zumute in der Stunde , als diesen Pflanzen , diesen edlen Stämmchen der Frost das Verderben drohte ? Sie grünen noch und blühen , wie auch ich noch aufrecht stehe , mir selber zum Wunder ; aber vielleicht der innerste Lebenskeim dieser zarten Staude ist doch angegriffen , es wird sich zeigen , ob sie uns nicht mit dem bloßen Scheine von Gesundheit täuscht , ob nicht heute abend schon diese Knospe erstorben dahängt , und - - Constanzens künstliche Fassung war weg , sie eilte , ihr Gesicht bedeckend , mit schnellen Schritten nach dem Hause zu . Bei dem Wiedersehen ihres Zimmers , dessen Türe sie sogleich hinter sich zuriegelte , brach aller verhaltene Schmerz mit doppelter und dreifacher Gewalt hervor , und sie überließ sich ihm ohne Schonung . Nun erst überdachte sie , was geschehen war , nun erst wagte sie ganz in den Abgrund ihres Elends hinabzutauchen . Wie begierig auch ihr Verstand mitunter nach einer Auskunft , nach einem Troste umhertastete , wie scharfsinnig auch selbst die Verzweiflung noch war , um einen erträglichen Zusammenhang der Sache zu entdecken , um den ungeheuren Widerspruch , worin Nolten in dem Doppelverhältnis zu ihr und einer Unbekannten erschien , beruhigend zu lösen oder doch zu erklären , sie fand keinen Ausweg , keinen Schimmer von Licht . Verglich sie alles dasjenige , wodurch er ihr die unzweideutigste Leidenschaft an den Tag gelegt , mit den fremden Briefen , deren ganzer Ausdruck ein längst begründetes und sehr blühendes Verlobtenverhältnis verriet , so blieb nichts übrig als Theobalden für den ruchlosesten Heuchler zu erkennen , der zwei Geschöpfe zugleich betrog , oder für einen Wahnsinnigen , Charakterlosen , welcher mit sich selber in unerhörtem Zwiespalte lebt . Beides aber ist mit der ganzen Art und Weise , wie Nolten sonst sich gab , schlechterdings nicht zu reimen . Denn selbst die Spuren exzentrischen Wesens an ihm waren bei weitem gemäßigter , als sie zuweilen sogar an geachteten Männern von verwandtem Talente und Bestreben hervorzutreten pflegen . Am wenigsten konnte Constanze die Güte seines Herzens aufgeben . Jeder einzelne Moment , den sie sich zurückrief und worin sie in die Falten seines eigensten Denkens und Empfindens geblickt zu haben glaubte , so mancher Anlaß , wo in wenigen treffend ausgesprochenen Worten über Leben , über Kunst , ein gedrungener Strahl seines Gemüts aufgestiegen war und auf eine ganze Versammlung anregend wirkte , endlich der ganze erschöpfende Begriff , den sie sich nach so langem Umgange von ihm abgezogen hatte - alles stritt mit dem finstern , unheimlichen Zerrbilde , das vielleicht ein blinder Zufall ihr aufdringen wollte , sie zu schrecken , zu ängstigen , und worüber der Geliebte , der wahre unverfälschte , wohl selbst verwundert lächeln würde . Ein Funke von Hoffnung beschleicht sie , sie schaut aufs neue nach dem Datum der Briefe , sie rechnet schnell Monate , Wochen , Tage , aber das Resultat ist immer nicht tröstlich , immerhin fällt ein Teil der zärtlichen Korrespondenz in die Zeit , wo Theobald Constanzen bereits unverkennbare Zeichen seiner Absichten gegeben . Und gesetzt auch , die Neigung , wovon jene Briefe zeugen , wäre bloß eine einseitige - was jedoch den Anschein gar nicht hat - , gesetzt , Nolten hätte , den Glauben des Mädchens hinhaltend , sich indessen heimlich einer unglaublichen Veränderung schuldig gemacht , was würde das Constanzen helfen ? was hätte sie von einem solchen Manne zu gewarten ? wie möchte sie ein anderes Geschöpf um seine teuersten Hoffnungen bestehlen ? und ein Geschöpf , das sie wirklich nicht hassen konnte , das allem nach das rührendste Bild der Unschuld , der hingebenden Liebe ist ? ja , wie konnte ihr die heißeste Liebe Theobalds nur im entfernten noch schmeicheln , wenn diese der sündige Raub an einem fremden guten Wesen wäre ? Aber noch immer war ja die Frage nicht überwunden , wie nur Nolten eines so beispiellosen Betrugs fähig sein konnte ? Constanzens Auge stand weit , groß , nachdenkend in einen Winkel des Zimmers gerichtet , während ihr Geist sich nach und nach den unglückseligen Gedanken zurechtarbeitete : es könne denn doch wohl einen Menschen geben , der aus Schwäche , frevelhafter Selbstsucht und gelegentlich aus einem Rest ursprünglicher Gutmütigkeit zusammengesetzt , vor andern , wie zum Teil auch vor sich selber , einen Schein von Vortrefflichkeit zu erhalten und vor dem eigenen Gewissen jede Untat zu rechtfertigen wisse , es lasse sich ein Grad von Verstellung denken , der alle gewöhnlichen Begriffe übersteige . Der genaue Umgang Theobalds mit Larkens , so wenig sie dem letztern bis jetzt mißtraut hatte , konnte sie nun , wenn sie sich der Meinungen anderer erinnerte , in ihrem Urteile nur bestärken , und sie glaubte in ihm den Verführer entdeckt zu haben . Teilnehmend blickte sie aufs neue nach den Briefen Agnesens , sie enthielt sich nicht , den reinen harmonischen Sinn zu bewundern , welcher sich in jedem Worte des Mädchens aussprach . » Arme Agnes ! « sagte sie , » armes betrogenes Kind ! Ist es möglich ? sollte er sich nicht der Sünde gefürchtet haben , diese Seele zu hintergehen , wenn er sie auch nur so weit kennengelernt hatte , als ich sie aus diesen Blättern kennenlernte ? Gütiger Gott ! solch ein Lamm und solch eine Schlange , wie kommen sie zusammen ? Mich hat Gottes Finger noch zu rechter Zeit gewarnt , aber sie - tue ich