Absicht , nicht den Erfolg , sich zuzurechnen , und nicht zu vergessen , daß wir in unsrer Beschränkung uns damit beruhigen sollten , nur das Beste gewollt zu haben , wenn gleich die Freude des Gelingens uns versagt blieb . Froh , als entrönne ich einem Gefängnis , verlies ich endlich an einem trüben Herbstmorgen zum erstenmal das väterliche Haus , um mich mit meinem Schmerz in die Einsamkeit eines mir ganz fremden Aufenthaltes zu flüchten . Karoline , meine damals zwölfjährige Schwester , war nach dem Wunsch meines Vaters meine liebe Begleiterin auf der Reise . Unser Weg gieng durch eine reiche üppig-fruchtbare Gegend , die aber wie so manche reizende Mädchengestalt durchaus der Jugend des Jahres bedurfte , um zu gefallen . Jezt im Spätherbst , wo der Wind kalt und schneidend über Stoppelfelder wehte , und im spärlichen gelben Laub der Bäume schauerlich rauschte , jezt hatte alles , was ich erblickte , ein düstres unfreundliches Ansehen , ohne die kleinste Spur früherer Anmuth . Mit nicht zu unterdrückender Aengstlichkeit klammerte meine arme kleine Karoline sich an mich an , als wir endlich mit einbrechendem Abend durch das dunkle niedrige Gewölbe des Thores fuhren , welches den Eingang zu einem ehemaligen Kloster bildete , das jezt einem Theil der Stiftsdamen zur Wohnung diente . Mich selbst sogar kam ein kleiner Schauder an , als wir durch den schon halbdunkeln langen Kreuzgang wanderten , an dessen äußerstem Ende die mir bestimmten Zimmer lagen . Wir kamen auf diesem Wege an mehreren niedrig gewölbten Thüren vorbei , die in die ehemaligen Klosterzellen zu führen schienen . Hinter einer derselben hörte ich im Vorbeigehen laute weibliche Stimmen , wie im heftigen Streit ; hinter andern schmetterten Kanarienvögel , heisere Möpschen bellten , und Kakadus und Papageien kreischten dazwischen mit widrigem Geschrei . Karoline hielt mich immer ängstlicher am Arm , auch unser Kammermädchen drängte sich so nahe als möglich an uns an , und blickte ganz verschüchtert in alle Ecken , bis eine Thüre ganz ähnlich denen , an welchen wir vorbeigekommen , aufgeschlossen ward . Wir standen jezt vor meinem geöffneten Wohnzimmer ; die Abendsonne , schon ganz unten am Rande des Horizonts , durchbrach in diesem Moment die schwere graue Wolkendecke , welche den ganzen Tag über sie verhüllt hatte , und leuchtete uns durch die purpurrothen Blätter der das Fenster umrankenden wilden Rebe freundlich ins Gesicht ; die hüpfenden Schatten der Zweige spielten lustig auf der blaßgrünen Wand , alles sah freundlich und bequem aus , so daß wir mit neuem Muth den erquickenden Sonnenstrahl wie ein Zeichen von guter Vorbedeutung annahmen . Die kleine Wohnung war für uns geräumig genug ; mit sehr wenigem konnte sie recht wöhnlich und behaglich eingerichtet werden , und Karoline gieng mit unserm Mädchen so eifrig an das Auspacken und Anordnen , als käme es darauf an , uns gleich auf der Stelle hier für eine ganze Lebenszeit häuslich niederzulassen . Ich aber suchte indessen den einsamsten Winkel auf , um mich ungestört in mich selbst zu versenken . Die Einsamkeit , in der ich von nun an mehrere Monate zubrachte , war in der That klösterlich zu nennen , und stach fast gewaltsam gegen mein ehemaliges Leben ab . Mein Gefühl glich in der ersten Zeit jenem beklemmenden Streben nach Besinnung , wie es uns nach einer überstandnen großen Gefahr oft noch lange beängstigt ; doch nach und nach ward mein Gemüth wieder ruhiger und ich blickte mit klarerem Sinn um mich her . Mit dem aufrichtigsten Willen auch gegen mich selbst nicht nur wahr , sondern auch gerecht zu sein , überschaute ich meine Vergangenheit wie meine Zukunft , und wandte Alles daran , um aus diesem , einem Stillstand ähnlichen Ruhepunct meines Lebens die ersprieslichsten Folgen zu ziehen . Daß keine Zeit , keine Macht der Umstände Bernhards Bild je aus meinem Herzen reißen könne , fühlte ich schon damals mit voller Ueberzeugung , es mußte von nun an ewig darin wohnen wie in einem stillen Heiligthum . Je deutlicher ich das Unrecht einsah , das ich frevelnd an mir selbst uns beiden zugefügt hatte , desto inniger wandte all mein Trachten und Sinnen sich dem schwer beleidigten Freunde zu , um so fester nahm ich mir vor , mich über mich selbst zu erheben , um seiner würdiger zu werden . Ich gelobte mir , mich als ihm allein angehörig zu betrachten , selbst wenn ich nie ihn wieder sehen sollte , alles übrige wollte ich dem Schicksal getrost überlassen . Heimlich und stille lebte indessen doch die Hoffnung in mir , daß ein günstiger Stern , oder vielmehr sein eignes Herz , ihn mir wieder zuführen müsse - und dann - ach ich wagte es nicht über dieses dann hinaus zu denken . Meine nächsten Umgebungen überließen mich in ziemlich ungestörter Ruhe mir selbst . Ich widmete regelmäßig dem Unterricht meiner Karoline einige Stunden des Tages ; die übrige Zeit brachte das liebenswürdige Kind größtentheils bei einer benachbarten Familie zu , in welcher sie nicht nur an den Töchtern des Hauses Gespielinnen ihres Alters fand , sondern auch noch außerdem alle Annehmlichkeiten eines in ruhiger Häuslichkeit hingebrachten stillen Familienlebens kennen und lieben lernte . Ich selbst blieb beinah immer allein in meinem Zimmer , die jüngern Stiftsdamen waren fast alle abwesend , um den nahenden Winter bei ihren Verwandten zuzubringen , die zurückgebliebenen von den ältern Damen bekümmerten sich wenig um mich . Sobald nur die erste Neubegier mich zu sehen gestillt war , welche meine unerwartet schnelle Ankunft erregt hatte , so kehrten alle recht gern zu ihren gewohnten Vergnügungen , zu ihren Kaffeevisiten , Trißett und l ' Hombreparthien wieder zurück , ohne mir es weiter zu verargen , daß ich keine Lust bezeigte , daran Theil zu nehmen . So beschränkte sich denn zulezt mein Umgang im Stifte fast einzig auf die Pröbstin , einer gebornen Stiftsgräfin von * * * . Sie war aus einem der ältesten und edelsten Häuser in