nicht blenden lassen . Indem Sie ihre vortheilhafte Entwicklung schildern , haben Sie sie vor Augen in den Reizen geistigen Ausdrucks , in den schönsten Gesichtszügen . Ich weiß wohl , wie das kindliche Lächeln ihres Mundes , der helle Blick unter ihren seidnen Wimpern heraus das Herz besticht . Daß ich mich dessen noch erinnre , nachdem meine Vernunft ihre Herrschaft wiedergewann , beweist ja die mächtige Wirkung dieser holdseligen Gestalt . Ellen hat warme Leidenschaften , eine lebhafte Einbildungskraft , ihr Unglück hat sie heftig erschüttern müssen ; aber das bringt noch keine Gemüthsveränderung hervor . Was unserm ganzen Leben zur Richtschnur dienen soll , muß nicht auf Kräften beruhen , welche äußre Begebenheiten steigern und mindern können . Ellens guter Verstand muß mit ihrem tiefen Gefühl übereinstimmend erkannt haben , daß ihr ganzes irdisches Daseyn zu einem himmlischen führe , und daher kein Moment desselben bedeutungslos , keine Handlung gleichgültig sey . Nur dann ist sie sicher - nach menschlichen Kräften - im Wirken für Andre ihre Bestimmung und ihr wahres Leben zu finden . - Denn das , verehrte Freundin , ist doch Religion ? die Religion , die in jeder äußern Form unsere Wohlfahrt sichert . Doch das darf ich Ihnen nicht erst sagen , und gibt es eine Lage , welche Ihrer jungen Freundin zu dieser wahren Religion zu verhelfen vermag , so ist es das Beisammenseyn mit Ihnen , Ihr Beispiel , das Zeugniß , das Ihr Leben von der Wahrheit Ihrer Frömmigkeit ablegt . Sie sehen wohl , daß ich sehr fest entschlossen bin , weise zu bleiben , da ich mich trotz dem Zauber der Liebenswürdigkeit , der Ihre Freundin umstrahlt , über ihre Mängel selbst durch Ihre Lobreden nicht verblenden lasse . Die Ausführung meiner gegenwärtigen Plane wird mich noch Jahre lang von Großbritannien fern halten ; sonst könnte ich hoffen , ganz von dem Joche befreit , welches Miß Percy fast gelungen wäre mir aufzulegen , für ihr Glück wachen , zu ihrer Entwicklung beitragen zu können - ich hatte einigen Einfluß auf sie . Wäre es einem vernünftigen Wesen geziemend , sich mit Träumen zu beschäftigen , ich könnte träumen ... « Hier war das Blatt abgerissen , und meine Einbildungskraft konnte sich von der möglichen Vollendung dieses Redesatzes nicht losreißen . - Dieses Bruchstück überzeugte mich nur von dem , was ich zu meiner schmerzlichen Beschämung je länger je mehr einsah : daß ich Maitlands ganze Liebe besessen und durch meine Thorheit beharrlich an ihrer Zerstörung gearbeitet hatte , und daß sie endlich an dem tödtlichsten Gifte - von Schaamröthe glühend , konnte ich es nicht ausdenken - an Verachtung meiner Handlungsweise erstorben war . - Tief betrübt hatte mich dieser Brief wohl gemacht , aber den Muth benahm mir meine Betrübniß nicht . Ein schwacher Strahl des Lichts , welches Maitland allein Religion nennen wollte , war in meiner Seele entglommen , und es gab Augenblicke , wo das Andenken an ihn sich mit dem an meine verklärte Freundin solchergestalt verschmolz , daß mein Schmerz um ihn , aller Thorheit entwunden , nicht mehr ein irdischer Schmerz war . Woher die Banknote kam , blieb mir also ein Geheimniß , und wie sicher es mir schien , daß ich sie Herrn Maitlands Fürsorge verdankte , verbot mir doch meine weibliche Würde , sie ihm zurückzusenden , da ich , ohne allen Beweis für meine Voraussetzung , hätte aussehen können , als suche ich ein Verhältniß , das er offenbar nicht aufrecht erhalten wollte , wieder anzuknüpfen . Ich sah deshalb diese Summe als mein Eigenthum an , und der erste Gebrauch , den ich von ihr machte , befreite mich von einer Schuld , die , wäre mir auch das günstigste Schicksal zu Theil geworden , zuerst getilgt werden mußte , um mir Seelenruhe zu geben . Jener beschämende Vorschuß , den mir Lord Friedrich in den Tagen meiner Thorheit gemacht , und den zu tilgen , ich bisher kein Mittel vor mir gesehen hatte , wurde unverzüglich zurückgezahlt ; was mir übrig blieb , mußte ich mit der treuen alten Barbara theilen , die durch die Härte von Miß Mortimers Erben nach einem Leben , das sie ganz dem Dienst ihrer Herrschaft geweiht , sich ohne Unterstützung befand . Nachdem ich das kleine Denkmal bezahlt hatte , mit dem ich Miß Mortimers Ruhestätte bezeichnen ließ , und mir noch einige nothwendige Kleidungsstücke gekauft , verließ ich mit dreißig Guineen , als einziger Habe , die geliebte Hütte , wo ich aus dem Abgrund der Verzweiflung zum Vertrauen auf einen himmlischen Vater wiedergeboren ward , dessen Leitung auf dem finstern Pfade , den ich vor mir sah , ich mich , wenn nicht mit immer gleicher Heiterkeit , doch mit festem Vertrauen übergab . Es war ein stürmischer Winterabend , an dem ich meinen stillen Schutzort verließ ; ich hatte jeden Platz des Hauses , der mir meiner Freundin Gegenwart zurückrief , noch einmal besucht , hatte den Lehnsessel , wo sie , wenn ihre Krankheit sie in dem Zimmer festhielt , vom Fenster aus die Gegend und die untergehende Sonne betrachtete , gegenüber gesessen und mir die Worte voll frommen Sinns , die sie dann sagte , wiederholt ; ich hatte vor ihrem Sterbelager kniend gebetet , und die Fülle der Wehmuth hatte mich zu einer Ergebung gestimmt , die mich bei dem Abschied von der gastfreundlichen Hütte aufrecht erhielt . Bei dem Vorübergehen vor dem Gottesacker kehrte ich daselbst ein , um den einfachen Stein zu besehen , der seit meinem letzten Besuche daselbst auf meiner Verewigten Grabhügel aufgestellt ward . Ich fand ihn , wie ich gewünscht , einzig bestimmt , mir und spätern Verehrern ihres Andenkens nach mir den Rasen anzuzeigen , der sie deckte . Diese letzte Liebespflicht schien mir das Siegel der Unwiederruflichkeit auf ihren Verlust zu drücken , so daß ich , wie sich die Kirchhofsthür hinter mir schloß , noch einmal und bittrer den Schmerz empfand , der