Bis jetzt erhielt Diocletian wenigstens Ruhe und Frieden im Innern . Von Außen drohet uns ohnedies ein anderes Unglück . Die Gotherr , eine von jenen wilden Völkerschaften , zu welchen der fromme Heliodor zu reisen , und die rohen Gemüther durch die christliche Religion zu zähmen gedenkt , fangen an , unsere Küsten durch Streifzüge zu beunruhigen1 . Sie kommen auf schlecht gezimmerten Kähnen in kleinerer oder größerer Anzahl längs dem Ufer des Euxin herabgefahren , landen an einsamen Plätzen , überfallen kleine Dörfer , einzelne Häuser , Reisende , rauben , was sie finden , ermorden , was sich widersetzt , und schleppen dann ihre Beute , auch oft Unglückliche , die lebend in ihre Hände fallen , mit sich an ihre unwirthbaren Ufer . Ihre Besuche werden immer häufiger , die Anzahl ihrer Streiter immer größer , der glückliche Erfolg gibt ihnen Muth ; denn nirgends ist eine militärische Macht in der Nähe , die ihrem räuberischen Beginnen Einhalt thun könnte . Wir sind ihnen ganz preisgegeben . Ich habe meinen Mann bereden wollen , unser einsames Landhaus zu verlassen , das so nahe am Ufer des Meeres , und so entfernt von aller Hülfe liegt ; aber er verwarf diesen Vorschlag mit Verachtung , er hält Alles , was man erzählt , für Uebertreibungen der Furcht , er kennt die Nordischen Barbaren nicht , und hofft sie - selbst , wenn sie einen Angriff in unserer Gegend machen sollten , leicht zu überwinden . Zu dem Ende hat er seine Sclaven bewaffnet , und übt sie regelmäßig alle Tage . Welche Auftritte stehen mir bevor ! Der einzige freundliche Punkt in dieser düstern Zukunft ist die Ankunft unseres verehrten Freundes Apelles , den ich nach deinem Briefe jeden Tag erwarte . Immer wäre mir seine Gegenwart erfreulich gewesen . Jetzt werde ich ihn als einen Boten des Himmels betrachten , der Licht , Ruhe und Trost in meine traurige Einsamkeit bringen soll . Du sandtest ihn mir . Habe Dank dafür , Junia ! Du wirst oft der Gegenstand unserer Gespräche seyn , mein Herz wird sich wieder dem sanften Einfluß der Freundschaft öffnen , und ich werde wenigstens auf einige Zeit minder unglücklich seyn . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Die ersten Raubzüge der Gothen , in welchen sie die Europäischen und Asiatischen Ufer des Euxin plünderten , fielen beinahe ein halbes Jahrhundert früher vor ; aber diese so wie noch einige kleine Abweichungen von der Geschichte , die man weiterhin finden wird , ist wohl jeder Leser geneigt , einem Buche zu verzeihen , das gar keinen Anspruch auf gelehrte Genauigkeit macht , und in welchem die Begebenheiten derselben , oder der nächsten Zeit , nur in der Rücksicht gewählt wurden , in welcher sie in den Plan des Ganzen paßten . 34. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Nov . 301 . Wenn du diesen Brief erhältst , ist mein Schicksal unwiderruflich entschieden , und Tod oder Leben über mich ausgesprochen . Larissa ist ermordet oder geraubt . Die Gothen haben einen Einfall auf die Ufer des Bosphorus gemacht , wo ihre Villa liegt . Im ersten Schrecken des Ueberfalls hat sich Demetrius mit seinen Sclaven zur Wehre gesetzt . Er soll erschlagen , das Haus geplündert , und Alles , was darin athmete , getödtet , oder in die Knechtschaft geschleppt worden seyn . Was an dieser fürchterlichen Nachricht wahr , was Erdichtung , Uebertreibung ist , eile ich mit bebendem Herzen zu untersuchen . Die Pferde sind gesattelt . Morgen bin ich an dem Orte der schaudervollen Entscheidung . Leb ' wohl ! 35. Apelles an Junia Marcella . Trachene , im Nov . 301 . Ein kleines Geschäft , welches ich auf dem Wege hierher bei einem Freunde abzuthun hatte , verzögerte meine Ankunft um zwei Tage , und setzt mich dadurch in den Stand , dir , meine verehrte Freundin , Nachricht von mir , von dem Schicksale der Gegend umher , und den Personen geben zu können , an denen dein Herz gewiß Antheil nehmen wird . Sehr glücklich würde ich mich schätzen , wenn es dem Himmel gefallen hätte , diese Schicksale so zu leiten , daß ich dir recht erfreuliche Nachrichten geben könnte . Leider aber ist hier Manches vorgefallen , das zu erzählen und mit der gehörigen Schonung und Treue vorzubringen , eine wahrhaft traurige Freundschaftspflicht ist . Bereite dich , höchst unangenehme , ja gewissermaßen schreckliche Neuigkeiten zu hören ; und vergiß nie den großen Gedanken , daß ohne Gottes Willen kein Sperling vom Dache , kein Haar von unserm Haupte fällt , daß unsere Tage gezählt sind , und daß ja nicht diese Erde allein der Schauplatz der Regierung , der Liebe , der Barmherzigkeit Gottes ist . Lege jetzt dies Blatt auf einen Augenblick aus der Hand , fasse dich in Ergebung und Geduld , und dann lies den traurigen Bericht zu Ende , den ich dir zu geben habe . Du weißt vielleicht , so wie ich es bei meiner Annäherung in diesen Gegenden erfuhr , daß die Gothen seit einiger Zeit wiederholte Ueberfälle auf den Küsten des Bosphorus , auf unserer als der Europäischen Seite gewagt haben . Hie und da erzählte man mir von ihrer Grausamkeit , von ihrer Kühnheit , ihrer Raubsucht sehr fürchterliche Beispiele , und ich kann dir nicht bergen , daß der Gedanke , an einen Ort zu reisen , der so nahe an der Meeresküste und ihren Raubzügen so ausgesetzt ist , mir nicht sehr erfreulich war . Indessen hoffte ich durch meinen Besuch , außer dem Troste , den ich Larissen überhaupt in ihrem Leiden zu bringen hatte , auch noch vielleicht in der Rücksicht etwas Gutes für sie zu bewirken , daß ich Demetrius zu überreden dachte , diese gefährliche Nachbarschaft zu verlassen , und den Winter an einem sicherern Orte zuzubringen . Ach , meine verehrte Freundin ! Was sind die Rathschlüsse und Vorsätze der Menschen vor dem Rathschluß