düstern December-Abend saßen sie um ein schönes , freundliches Kaminfeuer versammelt . Draußen stürmte es mit Schnee und Regen . Schon einigemal war Albertine vergebens der Thüre zugeeilt , was sie in ihrer Trübsal doch nie unterließ , weil der anschlagende Haushund die Ankunft seines Herrn zu melden schien . Zweimal hatte sie sich mit einem banglichen : » Nein , er ist es noch nicht ! « wieder zu ihrem Sitz begeben , als der Jäger verstört in ' s Zimmer trat und Albert etwas zuflüsterte , worauf dieser erschrocken aufstand und eilig das Zimmer verließ . Blinde hören sehr scharf . » Was ist ' s mit dem Grauschimmel ? Mein Mann pflegt ihn zu reiten ! « und schon irrte sie zur Thüre hinaus . Unter den Domestiken war ein confuses Durcheinanderlaufen , und so erfuhr sie , der Grauschimmel sei allein zu Hause gekommen ; Sattel und Zeug sei naß und in Unordnung . Albert hatte ihn schnell wieder bestiegen , und war schon fort ; alle männliche Domestiken waren ihm mit Fackeln und Leuchten gefolgt . In dem Forst bei dem Förster fanden sie ihn nicht . Sie streiften in allen Richtungen durch die Gegend ; aber nirgend fanden sie eine Spur . Welche schreckliche Nacht Albertine zubrachte , wäre vermessen beschreiben zu wollen . Mit kräftiger Stimme rief Albert durch den Wald den Namen des Freundes ; es blieb todtenstill , nur der Widerhall antwortete . Gegen Morgen kam er in eine entferntere , wenig gangbare Gegend ; es war ein See , mit einem Kranz von Hügeln umgeben . Auch hier rief er den Namen ; da schlug Perdrix , Lindenhains Lieblingshund , an , und kam von dem See her auf ihn zugestürzt . Eine fürchterliche Ahndung , was geschehen seyn könne , flog Albert durch die Seele . Er folgte der Weisung des treuen Hundes , und - o des Jammers ! - Lindenhain lag todt in dem See ! - Vom jähesten Abhang des Hügels herunter war er vom stolpernden Pferde gestürzt ; der entsetzliche Sturm hatte ihm den weiten Mantel so unglücklich um den Kopf gewickelt , daß er , der arme Einhändige , sich nicht hatte befreien können . Tief mit dem Kopf war er in ' s Moor gesunken , und so war der vollblütige Mann schnell am Schlage gestorben . Hier ruhe die Feder , die schon zu viel Leiden schilderte . Dem Jammer Raum zu lassen , bleibe eine Lücke in dieser Geschichte , die das Trauerjahr in sich faßt , das Albertinen ein wirkliches ernstliches Trauerjahr wurde . Ein und dreißigstes Kapitel Albertine hatte den langen , trüben Winter hindurch einem verzehrenden Nervenfieber fast unterlegen . Was Liebe , was Freundschaft vermag , gewährten ihr die seltenen Freundinnen . Das zarte Gemüth der Leidenden untergrub seinen Frieden durch unverdiente Vorwürfe , es habe nicht genug geliebt und dadurch den Gatten von sich entfernt , dessen Bild jetzt in unumwölkter Klarheit in Albertinens Seele lebte . Alle seine kleinen Unarten und üblen Gewohnheiten waren ihr mit in die Gruft gesenkt ; seine Tugenden nur , seine Großmuth , sein männlicher Sinn , seine frühere Liebe , sein Feuereifer für ' s Edle und Schöne , der gebildete Geist , die warme Vaterlandsliebe , standen in edler Schöne hoch emporstrebend um das Grab , das seine Fehler deckte . » Mein Unglück , meine darauf entstandene düstre Stimmung entfernten ihn , und darum - o Gott ! darum - war sein Ende so unglücklich ; darum ging er in der Kraft der Jahre zu Grunde . O , ich habe nicht genug geliebt ! O , daß ich mit ihm stürbe ! « rief sie oft verzweifelnd aus . » Selten , meine Albertine , verdienen wir den Vorwurf , daß wir zu wenig lieben , « sagte Adelaide tröstend . » Ach , wir lieben viel zu viel , kommen den Männern mit viel zu viel ermüdender Liebe entgegen . Mit viel zu viel Liebe tragen wir ihre Unarten . O , wären sie unsrer nicht so bis zum Übermaß gewiß , die Geschlechtsverhältnisse würden selbst noch in der Ehe zarter und pikanter seyn . Die Launen einer Ungetreuen , die Bizarrerien einer Maitresse fesseln das grillenhafte Wesen des Mannes stärker , als die ausharrendste Liebe der Gattin . Nein , Albertine , ihre Freunde , ihr innigstes Bewußtseyn geben Ihnen das Zeugniß , daß Sie nicht zu wenig liebten . Auch wäre es schrecklich , wenn unserm Menschen-Elende noch die Verantwortlichkeit für alle zufälligen Folgen unsrer Worte und Handlungen aufgebürdet würde . « Der Frühling kam in aller seiner Glorie herbei . Albertine saß in ihrer Laube am Rosengeländer und wagte zum Erstenmale wieder ihre Seele auf den Schwingen schwermüthiger Harmonie zu erheben . Sie hielt es beinahe für Versündigung an dem Verstorbenen , sich erheitern zu wollen ; nur Klagetöne hauchten ihre Lippen in die Harfe oder das Klavier . Albert war ihr Führer , ihr Begleiter . Die Liebe , die er gewaltsam in sich zurückgedrängt hatte , erhob sich jetzt , ungebunden von Pflicht , allgewaltig wieder in seiner Seele ; die reinste , die geistigste . Doch hielt er schonend der Traurenden auch die leiseste Äußerung zurück . Einst kam er frühe zur ungewöhnlichen Stunde . » Albertine , meine Freundin ! « rief er in den Vorsaal , worin sie eben war , hinein ; » ich bin sehr glücklich gewesen . An dem Ufer des Baches , wo mein Glück mich zuerst zu Ihnen führte , warf ich mich ermüdet an eben der Stelle hin , eine kleine Blumenpflanzung , die ich dort anlegte , zu besehen . Mein alter Tiras , der mich an dem glücklichsten Tage meines Lebens auch begleitete , grub sich neben mir ein Lager in das Moos . Da sahe ich , da fand ich - rathen Sie einmal , was ? « - » Trüffeln oder Pilze ! « sagte Albertine heiter