was ehemals , wie mich däucht , Tugendlehre genannt wurde , nur die Religion , als Wissenschaft , die sogenannte Theologie im eigentlichsten Sinn ? Nur eine Gesetzordnung , die sich zur Gottesverehrung verhält , wie die Natur zu Gott ? Ein Wortbau , eine Gedankenfolge , die die Oberwelt bezeichnet , vorstellt und sie auf einer gewissen Stufe der Bildung vertritt ? Die Religion für das Vermögen der Einsicht und des Urtheils , der Richtspruch , das Gesetz der Auflösung und Bestimmung aller möglichen Verhältnisse eines persönlichen Wesens ? Allerdings ist das Gewissen , sagte Sylvester , der eingeborne Mittler jedes Menschen . Es vertritt die Stelle Gottes auf Erden , und ist daher so Vielen das höchste und lezte . Aber wie entfernt war die bisherige Wissenschaft , die man Tugend oder Sittenlehre nannte , von der reinen Gestalt dieses erhabenen , weitumfassenden persönlichen Gedankens . Das Gewissen ist der Menschen eigenstes Wesen in voller Verklärung , der himmlische Urmensch . Es ist nicht dies und jenes , es gebietet nicht in allgemeinen Sprüchen , es besteht nicht aus einzelnen Tugenden . Es giebt nur Eine Tugend - - den reinen , ernsten Willen , der im Augenblick der Entscheidung unmittelbar sich entschließt und wählt . In lebendiger , eigenthümlicher Untheilbarkeit bewohnt es und beseelt es das zärtliche Sinnbild des menschlichen Körpers , und vermag alle geistigen Gliedmaaßen in die wahrhafteste Thätigkeit zu versetzen . O ! trefflicher Vater , unterbrach ihn Heinrich , mit welcher Freude erfüllt mich das Licht , was aus euren Worten ausgeht . Also ist der wahre Geist der Fabel eine freundliche Verkleidung des Geistes der Tugend , und der eigentliche Zweck der untergeordneten Dichtkunst die Regsamkeit des höchsten , eigenthümlichsten Daseyns . Eine überraschende Selbstheit ist zwischen einem wahrhaften Liede und einer edeln Handlung . Das müßige Gewissen in einer glatten nicht widerstehenden Welt wird zum fesselnden Gespräch [ , ] zur alleserzählenden Fabel . In den Fluren und Hallen dieser Urwelt lebt der Dichter , und die Tugend ist der Geist seiner irrdischen Bewegungen und Einflüsse . Sowie diese die unmittelbar wirkende Gottheit unter den Menschen und das wunderbare Widerlicht der höhern Welt ist , so ist es auch die Fabel . Wie sicher kann nun der Dichter den Eingebungen seiner Begeisterung oder wenn auch er einen höhern überirrdischen Sinn hat , höheren Wesen folgen und sich seinem Berufe mit kindlicher Demuth überlassen . Auch in ihm redet die höhere Stimme des Weltalls und ruft mit bezaubernden Sprüchen in erfreulichere , bekanntere Welten . Wie sich die Religion zur Tugend verhält , so die Begeisterung zur Fabellehre , und wenn in heiligen Schriften die Geschichten der Offenbarung aufbehalten sind , so bildet in den Fabellehren das Leben einer höhern Welt sich in wunderbarentstandnen Dichtungen auf mannichfache Weise ab . Fabel und Geschichte begleiten sich in den innigsten Beziehungen auf den verschlungensten Pfaden und in den seltsamsten Verkleidungen , und die Bibel und die Fabellehre sind SternBilder Eines Umlaufs . Ihr redet völlig wahr , sagte Sylvester , und nun wird es euch wohl begreiflich seyn , daß die ganze Natur nur durch den Geist der Tugend besteht und immer beständiger werden soll . Er ist das allzündende , allbelebende Licht innerhalb der irrdischen Umfassung . Vom Sternhimmel , diesem erhabenen Dom des Steinreichs , bis zu dem krausen Teppich einer bunten Wiese wird alles durch ihn erhalten , durch ihn mit uns verknüpft , und uns verständlich gemacht , und durch ihn die unbekannte Bahn der unendlichen Naturgeschichte bis zur Verklärung fortgeleitet . Ja und ihr habt vorher so schön für mich die Tugend an die Religion angeschlossen . Alles was die Erfahrung und die irrdische Wircksamkeit begreift macht den Bezirk des Gewissens aus , welches diese Welt mit höhern Welten verbindet . Bey höhern Sinnen entsteht Religion und was vorher unbegreifliche Nothwendigkeit unserer innersten Natur schien , ein Allgesetz ohne bestimmten Inhalt , wird nun zu einer wunderbaren , einheimischen unendlich mannichfaltigen und durchaus befriedigenden Welt , zu einer unbegreiflich innigen Gemeinschaft aller Seligen in Gott , und zur vernehmlichen , vergötternden Gegenwart des allerpersönlichsten Wesens , oder seines Willens , seiner Liebe in unserm tiefsten Selbst . Die Unschuld eures Herzens macht euch zum Profeten , erwiederte Sylvester . Euch wird alles verständlich werden , und die Welt und ihre Geschichte verwandelt sich euch in die heilige Schrift , sowie ihr an der heiligen Schrift das große Beyspiel habt , wie in einfachen Worten und Geschichten das Weltall offenbart werden kann ; wenn auch nicht gerade zu , doch mittelbar durch Anregung und Erweckung höherer Sinne . Mich hat die Beschäftigung mit der Natur dahin geführt , wohin euch die Lust und Begeisterung der Sprache gebracht hat . Kunst und Geschichte hat mich die Natur kennen gelehrt . Meine Eltern wohnten in Sizilien unweit dem weltberühmten Berge Aetna . Ein bequemes Haus von vormaliger Bauart , welches verdeckt von uralten Kastanienbäumen dicht an den felsigen Ufern des Meers , die Zierde eines mit mannichfaltigen Gewächsen besezten Gartens ausmachte , war ihre Wohnung . In der Nähe lagen viele Hütten , in denen sich Fischer [ , ] Hirten und Winzer aufhielten . Unsre Kammern und Keller waren mit allem , was das Leben erhält und erhöht , reichlich versehn und unser Hausgeräthe ward durch wohlerdachte Arbeit auch den verborgenen Sinnen angenehm . Es fehlte auch sonst nicht an mannichfaltigen Gegenständen , deren Betrachtung und Gebrauch das Gemüth über das gewöhnliche Leben und seine Bedürfnisse erhoben und es zu einem angemessenern Zustande vorzubereiten , ihm den lautern Genuß seiner vollen eigenthümlichen Natur zu versprechen und zu gewähren schienen . Man sah steinerne Menschen Bilder , mit Geschichten bemahlte Gefäße , kleinere Steine mit den deutlichsten Figuren , und andre Geräthschaften mehr , die aus andern und erfreulicheren Zeiten zurückgeblieben seyn mochten . Auch lagen in Fächern übereinander viele Pergamentrollen , auf denen in langen Reihen Buchstaben die Kenntnisse und Gesinnungen , die Geschichten und Gedichte jener Vergangenheit in anmuthigen und