seit dem Tage meiner Ankunft in Athen . Nenn ' es nun und erkläre dir ' s wie du willst ; ich streite nie um Worte , aber du wirst mir erlauben , daß ich mich an die Erklärung halte , die für meine Eigenliebe die schmeichelhafteste ist . Ich gefalle mir so wohl zu Athen , daß ich , wenn mir Eurybates reinen Mund hält , und nicht etwa ein neidischer Dämon mir jemand , der mich zu Korinth gekannt hat , in den Weg wirft , große Lust habe , meinen Aufenthalt noch um mehrere Tage zu verlängern . Mein geheimes Liebesverständniß mit dem alten Spötter ( denn bis zu Erklärungen über einen so zarten und unaussprechlichen Gegenstand ist es zwischen uns noch nicht gekommen ) geht noch immer seinen Gang , und ich schließe aus dem Vergnügen , das ich an seinem Umgang finde , daß ihm der meinige wenigstens eben so angenehm seyn müsse . Wiewohl er eine Aspasia gekannt hat , glaube ich doch etwas Neues für ihn zu seyn ; und bei aller seiner anscheinenden Beschränktheit , hat vielleicht kein Sterblicher jemals eine allgemeinere Empfänglichkeit und einen reinern Sinn für alles Menschliche gehabt als er . Wünsche mir Glück , Aristipp ! heute hab ' ich einen ganzen Morgen mit meinem Liebhaber Sokrates auf der Burg von Athen unter vier Augen zugebracht ; denn die ehrliche Haut Simmias von Theben und den feinen wohlerzogenen Kritobul , die ihn begleiteten , rechne ich für nichts , weil sie so bescheiden waren uns fast immer allein zu lassen . Wir besahen alle Merkwürdigkeiten des Orts , der das Sublimste und Schönste , was Baukunst und Bildnerei in der Welt hervorgebracht haben , in keinem größern Raume vereiniget , als gerade nöthig war , um dem Auge alles unter einem einzigen Gesichtspunkte als das erhabenste Ganze darzustellen . Mir war als ob ich diese Wunder der Kunst zum erstenmal sähe , da ich sie mit Sokrates sah , wiewohl ich schon zuvor in Gesellschaft des Eurybates hier gewesen war . Am längsten verweilten wir , wie billig , unter den Propyläen , wo die schönsten Bildsäulen von Phidias , Alkamenes , Myron und Menon uns ein paar Stunden unterhielten . Sokrates , wiewohl in seiner Jugend selbst ein Bildhauer , sprach von diesen Werken mit der verständigen Bescheidenheit eines Mannes der den Meißel seit vierzig Jahren nicht geführt hatte und , seinem eigenen Urtheil nach , nie weiter als in den Vorhof der Kunst gekommen war . Indessen schien er mir Bemerkungen zu machen , wovon auch ein Meister hätte Vortheil ziehen können . Ich fragte ihn , in welche Rangordnung er die genannten Künstler stelle . Frage lieber dein eigen Gefühl , war seine Antwort . - So ist Phidias der erste . - Unstreitig , erwiederte er . In Phidias findet sich alles , was den großen Künstler macht , beisammen ; er ist , so zu sagen , ein Homer , der statt in Versen , in Marmor und Elfenbein dichtet . Ihm allein scheinen die Götter , die er bildete , wirklich erschienen zu seyn : Alkamenes bestrebte sich menschliche Gestalten zu göttlichen zu veredeln . Beide haben dem Myron nichts als den Vorzug der Grazie übrig gelassen . Menon , vielleicht der beste unter den Lehrlingen des Phidias , ist gegen diese drei - nichts als ein Lehrling . Eine Diane von Myron veranlaßte mich , den Wunsch hören zu lassen , daß ich die Grazien sehen möchte , welche Sokrates selbst in seiner Jugend gearbeitet hatte . Sie sind nicht werth von dir gesehen zu werden , versetzte er ; ich bin nie mit ihnen zufrieden gewesen ; aber seitdem ich deine Grazien kenne , würde ich die meinigen noch zehnmal steifer und steinerner finden als sonst . - Meine Grazien ? sagte ich verwundert : es sind allerdings drei liebliche Mädchen ; aber doch - » Ich rede nicht von deinen Aufwärterinnen , schöne Anaximandra : ich meine deine eigenen Grazien « - Mache mich nicht stolz , Sokrates ; ich dachte nicht daß du auch schmeicheln könntest . - » Zum Beweise daß ich weder schmeichle noch scherze , will ich mich näher erklären . Ich habe seitdem ich dich kenne drei Dinge an dir bemerkt , die dich aus allen Schönen , die mir jemals vorgekommen sind , auszeichnen , und dir gerade das sind , was der Liebesgöttin die Grazien . Das erste ist ein dir eignes , kaum sichtbares , deinen Mund , deine Augen , dein ganzes Gesicht sanft umfließendes Lächeln , das nie verschwindet , es sey daß du sprichst oder einem andern zuhörst , auch sogar dann nicht , wenn du etwas Mißfälliges siehest oder hörest , zu trauern oder zu zürnen scheinst ; das zweite , eine unnachahmlich zierliche Leichtigkeit im Gang und in allen Bewegungen und Stellungen des Körpers , die dir , wenn du gehest , etwas Schwebendes , und wenn du in Ruhe bist , das Ansehen gibt , als ob du , ehe man sich ' s versehe , davon fliegen werdest ; eine Leichtigkeit , die niemals weder an sich selbst vergessende Lässigkeit noch an Leichtfertigkeit streift , und immer mit dem edelsten Anstand und mit anspruchsloser angebornen Würde verbunden ist . « - Eine plötzliche Schamröthe ergoß sich , wie er dieß mit so viel anscheinender Treuherzigkeit sagte , über mein ganzes Gesicht , bei dem Gedanken , daß ich mit einem so guten und ehrwürdigen Manne am Ende doch nur Komödie spiele . - Gut ; rief er , da haben wir deine dritte Grazie ! diese holde Schamröthe , die Tochter des zartesten Gefühls , die dem Adel deiner Gesichtsbildung und dem Ausdruck des Selbstbewußtseyns nichts benimmt , und sich dadurch so wesentlich vom Erröthen der kindischen oder bäurischen Verlegenheit unterscheidet . Ein Bildhauer , der Genie und Kunst genug besäße , dieses Lächeln , diese Leichtigkeit und dieses Erröthen zu verkörpern und in