Nachdenken und Sprechen über dasselbe hingab , es stets geliebt , den Menschen mit einem Baume zu vergleichen . Auch jetzt kam er bald wieder auf dieses ihm genehme Bild zurück . Wie kann von einem freien Willen die Rede sein , sagte er , wo wir , wie der Baum , unser eigentliches Wesen und Gepräge als ein angestammtes in uns tragen und Boden und Luft , die wir auch nicht frei erwählen , unsere Entwicklung bedingen ? Der Baum mag seine Blätter im Winde spielen lassen und seine Aeste nach der Sonne wenden ; das ist seine ganze Freiheit , und selbst diese geringe Freiheit ist Naturnothwendigkeit . Alles für ihn und Alles für uns ist vorbestimmtes Müssen . Wir genießen und erleiden , was uns zuerkannt ist , wir können dem uns zugewiesenen Loose nicht entgehen , gleichviel , ob wir ' s aus den Händen eines blinden Schicksals oder einer göttlichen Allweisheit zugetheilt erhalten . Vittoria achtete auf solche Auseinandersetzungen in der Regel wenig , sie war dazu , wie sie es zu nennen pflegte , sich nicht wichtig genug . Cäcilie aber meinte es sich erklären zu können , wie ihr Gatte eben heute zu solchen Betrachtungen gedrängt werde , und sie bemerkte zu ihrem Troste , daß ihn dieselben sichtbar beruhigten . Er verlangte , als man sich schon trennen wollte , die beiden Frauen noch singen zu hören , und da Vittoria , von der Musik erschüttert und an Valerio erinnert , plötzlich zu weinen begann , schloß Renatus sie in seine Arme und sprach ihr liebreich und tröstend Muth ein . Du bist auch ein armer , aus seiner Heimatherde unfreiwillig herausgenommener Baum , sagte er , und Du hast eben deßhalb des Erleidens auch Dein Theil gehabt . Laß uns hoffen , daß es dem jungen Stamme , den wir jetzt Luft und Erde nach seinem Belieben suchen lassen , besser gehen werde , wenn es uns im Augenblicke auch schwer gefallen ist , ihm seinen Willen zu vergönnen . Er schlief in der Nacht nicht viel und erhob sich zeitig . Er hatte Cäcilien gesagt , daß er in der Frühe ein wichtiges Geschäft zu ordnen habe , und da sie wußte , wie drückend solche Angelegenheiten in der Regel für ihn waren , fiel es ihr nicht auf , daß er bei ihrem gemeinsamen Frühstücke weniger als sonst genoß . Als er sich dann angekleidet hatte und sich entfernen wollte , sah Cäcilie , daß er in voller Uniform war . Der Gedanke , daß Renatus eben jetzt zu seinem Chef gehe , um ihm die üble Lage , in der er sich befinde , zu entdecken und mit ihm Rath zu halten über die Schritte , die er thun solle , ein öffentliches Aufsehen möglichst zu vermeiden , fuhr ihr erschreckend durch den Sinn . Sie wollte ihn fragen , aber sie fürchtete , ihm dadurch nur noch eine neue Pein aufzulegen , und von Liebe und Mitleid überwältigt , schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und küßte ihn . Er drückte sie mit tiefer Inbrunst an sich , sie gaben sich die zärtlichsten Namen , Cäcilie mußte weinen . Wir lieben einander doch ! rief sie endlich , als wolle sie ihm den Trost vorhalten , der ihnen schon über manchen Kummer fortgeholfen hatte . Ja , und ich liebe Dich sehr , denke daran und vergiß das nicht ! gab Renatus ihr zurück . Auch ihm war das Auge feucht geworden , aber er riß sich los und ging die Treppe festen Schrittes hinunter . Cäcilie trat an das Fenster und sah , wie er in den Wagen stieg . Er blickte noch einmal aus dem Schlage zu ihr hinauf und grüßte mit der Hand . So schieden sie . Dreizehntes Capitel Am Mittage durchlief das Gerücht die Stadt , daß der Major Freiherr von Arten im Duell erschossen sei . Man erzählte es Paul , als er eben in die Börse eintrat , denn man wußte , daß er mit dem Freiherrn in mannigfachem Verkehr gestanden habe . Trotz seiner gewohnten Festigkeit bemerkte man , daß ihn die Nachricht sehr erschrecke . Er suchte sich so schnell als möglich frei zu machen , gab seinem Disponenten die nöthigen Anweisungen für die heute zu ordnenden Geschäfte und fuhr augenblicklich nach dem Artenschen Hause . Alles war dort in der völligsten Zerstörung . Vittoria lag in heftigen Krämpfen , Cäcilie rang an der Leiche ihres Gatten , die man vor einer Stunde in seinem Wagen nach Hause gebracht hatte , verzweiflungsvoll die Hände , ihre Mutter und ihre Schwester waren bei ihr . Die Gräfin Berka war die Einzige , die ihrer selber Herr war und große Fassung zeigte . Sie war es auch gewesen , die in dem Zimmer des verstorbenen Freiherrn einen von ihm an seine Gattin zurückgelassenen Brief aufgefunden hatte . Ein paar andere Briefe hatten daneben gelegen , einer davon war an Paul gerichtet , und Hildegard , welche die Leitung aller Angelegenheiten übernommen zu haben schien , händigte ihm denselben aus . Er lautete : » Wenn Sie diesen Brief empfangen , bin ich nicht mehr am Leben , und es sind die Wünsche eines Hingegangenen , die er Ihnen überbringt . Möge Ihr großer Sinn sie Ihnen heilig machen . Die Vorsehung , die uns aus Einem Stamme erstehen ließ und unsere Lebenswege dennoch trennte , hat uns in den letzten Jahren in ihrer Weisheit einander angenähert , als wolle sie mir den Pfad zeigen , auf dem ich zu gehen , und die Weise angeben , in welcher ich das Erlöschen unseres alten Stammes in dem Augenblicke zu verhindern habe , in welchem der Letzte Derer , die bis jetzt den Namen unseres Hauses mit Recht besessen , von der Erde scheidet . Das Blut der Freiherren von Arten fließt in Ihren Adern ; meines hingegangenen Vaters Ebenbild , die Züge unserer Ahnen leben in Ihnen , und selbst