das Spezielle darin nachzuweisen , ist eine Aufgabe , der ich mich nicht gewachsen fühle . Der kurze faltenreiche Friesrock , das knappe Mieder , das Busentuch , die Schnallenschuhe , selbst die bunten seidenen Bänder , die , mit großem Luxus gewählt , über die Brust fallen , sind aller Orten in wenigstens ähnlicher Weise vorkommende Dinge , wogegen mir der Kopfputz und die Halskrause von dem sonst Herkömmlichen abweichend erschienen . Die Halskrause wird nicht allgemein getragen ; wo sie sich findet , erinnert sie lebhaft an die getollten Ringkragen auf alten Pastorenbildern : steife Jabots , die dem , der sie trägt , immer etwas von dem Ansehen eines kollernden Truthahns geben . Allgemein aber ist der spreewäldlerische Kopfputz , und ich versuche seine Beschreibung . Eine zugeschrägte Papier- oder Papphülse bildet das Gestell , darüber legen sich Tüll und Gaze , Kanten und Bänder , und stellen eine Art Spitzhaube her . Ist die Trägerin eine Jungfrau , so schließt die Kopfbekleidung hiermit ab , ist sie dagegen verheiratet , so schlingt sich noch ein Kopftuch um die Haube herum und verdeckt sie , je nach Neigung , halb oder ganz . Diese Kopftücher sind ebenso von verschiedenster Farbe wie von verschiedenstem Wert . Junge , reiche Frauen schienen schwarze Seide zu bevorzugen , während sich ärmere und ältere mit krapprotem Zitz und selbst mit ockerfarbenem Kattun begnügten . Die wendische Predigt entzieht sich unserer Kontrolle , das Schluchzen aber , das laut wird , ist wenigstens ein Beweis für die gute Praxis des Geistlichen . Er steht zudem in der Liebe seiner Gemeinde , und wo diese Liebe waltet , ist auch unschwer das Wort gefunden , das eine Mutter , die den Sohn , oder eine Witwe , die den Mann begrub , zu den ehrlichsten Tränen hinreißt . Und nun schweigt die Predigt , und eine kurze Pause tritt ein , während welcher der Geistliche langsam und sorglich in seinen Papieren blättert . Endlich hat er beisammen , was er braucht , und beginnt nun die Aufgebote , die Geburts- und Todesanzeigen zu lesen , alles in deutscher Sprache . Bemerkenswert genug . Die Predigt , die mehr dem Ideale dient , durfte noch wendisch sein ; aber sowie sich ' s um ausschließlich praktische Dinge zu handeln beginnt , sowie festgestellt werden soll , was im Spreewalde lebt und stirbt , wer darin heiratet und getauft wird , so geht es mit dem Wendischen nicht länger . Der Staat , der bloß mit deutschem Ohre hört und nicht Zeit hat in aller Eil auch noch wendisch zu lernen , tritt mit der nüchternsten Geschäftsmiene dazwischen und verlangt deutsches Aufgebot und deutsche Taufscheine . Wer wollt ' ihm das Recht dazu bestreiten ? Und nun ist der Gottesdienst aus , und steif und stattlich gehen die Männer und Frauen an uns vorüber . Ihre Köpfe sind charaktervoll , aber nicht hübsch ; ihre Haltung voll Würde . Wir warteten die letzten ab und kehrten dann erst in unsern Gasthof zurück , wo wir uns eine halbe Stunde später durch Kantor Klingestein – eine Spreewaldsautorität , an die wir von Berlin her empfohlen waren – begrüßt sahen . Er übernahm unsere Führung . 2. Lehde 2. Lehde Er übernahm unsere Führung , sagt ' ich , und nach kurzem Gange durch Stadt und Park erreichten wir den Hauptspreearm , auf dem die für uns bestimmte Gondel bereits im Schatten eines Buchenganges lag . Drei Bänke mit Polster und Rücklehne versprachen möglichste Bequemlichkeit , während ein Flaschenkorb von bemerkenswertem Umfang – aus dem , sooft der Wind das Decktuch ein wenig zur Seite wehte , verschiedene rot und gelb gesiegelte Flaschen hervorlugten – auch noch für mehr als bloße Bequemlichkeit sorgen zu wollen schien . Am Stern des Bootes , das lange Ruder in der Hand , stand Christian Birkig , ein Fünfziger mit hohen Backenknochen und eingedrückten Schläfen , dem für gewöhnlich die nächtliche Sicherheit Lübbenaus , heut aber der Ruder- und Steuermannsdienst in unserem Spreeboot oblag . Wir stiegen ein und die Fahrt begann . Gleich die erste halbe Meile ist ein landschaftliches Kabinettstück und wird insoweit durch nichts Folgendes übertroffen , als es die Besonderheit des Spreewaldes : seinen Netz- und Inselcharakter , am deutlichsten zeigt . Dieser Netz- und Inselcharakter ist freilich überall vorhanden , aber er verbirgt sich vielfach , und nur derjenige , der in einem Luftballon über das vieldurchschnittene Terrain hinwegflöge , würde die zu Maschen geschlungenen Flußfäden allerorten in ähnlicher Deutlichkeit wie zwischen Lübbenau und Lehde zu seinen Füßen sehen . Der Boden dieses Inselgewirrs ist fast überall eine Gartenerde . Der reiche Viehstand der Dörfer schuf hier von alters her einen Düngeruntergrund , auf dem dann die Mischungen und Verdünnungen vorgenommen werden konnten , wie sie dieses oder jenes Produkt des Spreewaldes erforderte . Die Wassergewächse , die von beiden Seiten her uns stromaufwärts begleiten , bleiben dieselben ; Butomus und Sagittaria lösen sich untereinander ab und nur hier und da gesellt sich , unter dem überhängenden Rande geborgen , eine wuchernde Vergißmeinnicht-Einfassung hinzu . Es ist Sonntag , die Arbeit ruht und die große Fahrstraße zeigt sich verhältnismäßig leer ; nur selten treibt ein mit frischem Heu beladener Kahn an uns vorüber und Bursche handhaben das Ruder mit großem Geschick . Sie sitzen weder auf der Ruderbank noch schlagen sie taktmäßig das Wasser , vielmehr stehen sie grad ' aufrecht am Hinterteile des Boots , das sie nach Art der Gondoliere vorwärts bewegen . Dies Aufrechtstehen und mit ihm zugleich ein beständiges Anspannen all ihrer Kräfte , hat dem ganzen Volksstamm eine Haltung und Straffheit gegeben , die man bei der Mehrzahl unserer sonstigen Dorfbewohner vermißt . Und zwar in den armen Gegenden am meisten . Der Knecht , der vornüber im Sattel hängt oder auf dem Strohsack seines Wagens sitzend mit einem schläfrigen » Hoi « das Gespann antreibt , kommt kaum je dazu , seine Brust und Schulterblätter zurechtzurücken oder sein halb krummgebogenes