ich höre , die Regierung hat Sie mit Gewalt hieher geschickt ... Löb Seligmann zitterte vor den Wirkungen , die dies theilnehmende Wort hervorbringen konnte ... Seligmann ! ... Herr Lengenich ! ... Sie schwören uns - Gott im Himmel ! ... In der That wurde eine Flucht besprochen ... Warum sollte der Küfer den Pater nicht nach Lüttich befördern helfen zu den Vätern der Gesellschaft Jesu ? Seligmann gab jede Versicherung , die Großmuth des Küfers zu ehren , aber - er mußte mehr erleben ... er war außer sich , als die Verabredung getroffen wurde , daß an zwei einsamen Pappeln , die Sebastus von seinem Lager aus bezeichnete , in der Dämmerung und am Tage des Leichenbegängnisses Lengenich ' s Wagen stehen sollte - dieser war mit eigenem Fuhrwerk gekommen ... Erst als Klingsohr zu Löb sagte : Sind Sie denn feiger , als ein Mädchen ? Meine Flucht war ja von Ihrer - neuen Deborah veranstaltet ! gab er nach ... Veilchen hatte allerdings , selbst hinterm Ofen noch , etwas vom Geiste der Deborah ... Die Flucht scheiterte , wie wir wissen , an der Akustik der Krankenstube des Klosters ... Stephan Lengenich hatte seine Rede an der Eiche im Düsternbrook gehalten , hatte , wie sich an alles Erhabene so leicht der Schnörkelstrich des Lächerlichen knüpft , die Unterbrechung durch die Possen Stammer ' s erleben müssen , hatte die Genugthuung sowol der Unterstützung des Mönches Hubertus , wie der ihre Falschheit entlarvenden Ohnmacht jener Lisabeth , die ihn verrathen , verrathen um eine goldene Uhr , zu der sie schon lange mehr als eine Kette trug ... Alles Wunderbare war geschehen ... Der Zug ging vorüber ... Löb Seligmann zog den neuen Wilhelm Tell , der den Ruf des Tyrannen wenigstens noch mit Pfeilen des Wortes erlegt hatte , aus dem Gewirr des gestörten Leichenzuges ... Tangermann in Witoborn wurde nicht erst von dem großen Todten- und Weinrichter angeschmeichelt um seine Gelbsiegel , als es galt dem Gelungenen und noch Kommenden zu trinken , er stellte drei Rothsiegel als » die Sorte nicht « zurück , die ihm genügen konnte , seine Zunge zu befeuchten , während er den umstehenden Neugierigen Aufklärungen gab über sein ganzes großartigverschlungenes Lebensschicksal ... Im Sturm und zu allen Unternehmungen fähig , fand er sich dann mit seinem Einspänner an den beiden Pappeln beim Kloster ein . Er wartete , wartete zwei Stunden auf den Flüchtigen ... Pater Sebastus kam nicht ... Er fuhr dann ab , dem Triumphzug in seine Keller entgegen ... Löb Seligmann aber dankte Adonai , als er von diesen Beziehungen zu einem so eigenthümlichen Staatsdemagogen befreit wurde , Beziehungen , in die er sich nur auf das magische Wort » Veilchen « und die Hoffnung wieder eingelassen hatte , im Kloster Himmelpfort würde er Bekanntschaften machen , von denen er etwas über Leo Perl erfuhr ... Selbstverständlich war es , daß er sich einige Tage später die Brandstätte in Schloß Westerhof ansah ... Er hatte mit so vielen Adeligen in diesen Tagen zu thun , daß er vom Neuesten als Augenzeuge sprechen mußte ... Gerade bei einer Bekanntschaft , die er gemacht hatte , der mit dem Präsidenten von Wittekind und dessen geschäftskundiger Gattin , der Mutter des Domherrn von Asselyn , konnte ihm ein solcher authentischer Bericht die Bürgschaft eines angenehmen Eindrucks sein , falls er , wozu er Veranlassung hatte , sich gerade heute noch auf Schloß Neuhof begab ... Mit Rührung hatte er den Arbeitern , die den Schutt aufräumten , im Wege gestanden ; mit betrachtendem Schmerz hatte er sich dem Strahl einer noch immer gehenden Spritze ausgesetzt ... Er sah , staunte und schüttelte sich die Tropfen ab ... Es war ein förmlicher Einschnitt in die eine Seite des Schlosses entstanden . Links und rechts von der Brandlücke konnte man die offenen Zimmer sehen , wie nach Löb ' s Phantasie im Theater , wenn » Zu ebner Erde und erster Stock « gespielt wird ... Haufen von Büchern , Kisten und Kasten erinnerten ihn an die Rumpelgasse ... Eben trugen Bediente und Arbeiter Körbe voll Schriften nach einem entlegenen Thurm ... Baron von Hülleshoven und Baron von Terschka , beide hatten heute kein Auge für ihn . Sie begleiteten die Körbe und hoben auf , was ihnen entfiel ... Es waren Schriften und Documente und gewiß lateinische und französische darunter , die - » für David Lippschütz den Ankauf von Schulbüchern ersetzt « hätten ... Auch sah sich schon Löb darauf einige an ; sie wurden ihm mit Verweisen aus der Hand genommen ... » Dulden ist das Erbtheil meines Stammes ! « lag in seinen Augen . Hatte er denn diese Bücher heimlich einstecken wollen ? ... Auch Fräulein Benigna war heute den Umständen entsprechend von mehr abweisendem , als zuvorkommendem Benehmen gegen den Mann der praktischen Ackerwirthschaft ... Gräfin Paula schwebte da und dort hinter den Fenstern wie ein verstörter Geist . Er hatte viel von ihren Wundern und Ferngesichten gehört und befand sich darüber , wie seinem Glauben natürlich ist , im Zustande gelinden Zweifels . Ein Gespensterglaube , der sich an das Wunderbare durch Figuren von Lehm gewöhnen soll , die durch ein Zahlengeheimniß die Befähigung erhalten , jeden Freitag mehr als menschlich Schalet zu essen , kann im Gemüth nicht besonders für das Wunderbare stimmen ... Nur Armgart berücksichtigte ihn plötzlich und sogar mit hohem Interesse ... Als sie ihn sah , rief sie ihn voll Schrecken an : Ha ! Haben Sie wol Neues aus Kocher am Fall ? Mein gnädiges Fräulein - ! Ist mein Vater abgereist ? Vielleicht schon in Witoborn ? Reden Sie doch ! ... Mein Fräulein - ! ... Seligmann fand sich nicht sofort in die determinirte Frage ... Er genoß noch erst die Thatsache der Anrede als solche selbst ... Als er sich dann in die Begebenheit gefunden , glich sein Antlitz den Gesetzestafeln , wie sie aussahen , als Moses auf den Sinai hinaufging