zu nehmen denke . Aber weßhalb das ? Was bedeutet das ? fragte diese sich mit wachsender Beklemmung . Renatus seinerseits verstand eben so wenig , was die Gräfin Berka mit ihrer auffallenden Zärtlichkeit für Cäcilie , mit ihrer besonderen Zuvorkommenheit für ihn selbst beabsichtige , die ihm den ganzen Abend drückend blieb . Er fühlte sich so niedergeschlagen , so gepeinigt , so beunruhigt , daß er es bereute , gegen seine Neigung und Stimmung unter Menschen und in Gesellschaft gegangen zu sein . Er hatte keine Ruhe zu irgend einer Unterhaltung ; er ging , gegen seine sonstige Gewohnheit , von einer Gruppe zur andern , er hätte sich gern heiter , sorglos zeigen , sich und Andere täuschen mögen , und doch wußte er , daß in wenig Tagen oder Wochen seine Lage vor Aller Augen offen sein würde , daß der Concurs über ihn hereinbrechen müsse , dem durch ein Abkommen vorzubeugen oder aus dem sich zu erheben für ihn kaum eine Möglichkeit vorhanden war . Ein Schmerz , der sich bis zur Verzweiflung an sich selber steigerte , fraß an seinem Herzen , und mit ungeheurer Gewalt wälzte sich wie ein Alp das Bewußtsein über ihn : daß sein Unglück größer sei , als er selbst und seine Kraft . Zwischen dem kleinen Empfangszimmer und dem großen Saale befand sich ein Cabinet , das von beiden Seiten mit schweren Thürvorhängen versehen war . In der runden Vertiefung am oberen Ende stand ein Sopha . Es war , wenn man aus dem Saale kam , nicht sichtbar , und als Renatus vorhin durch das Cabinet gegangen war , hatte er es leer gefunden , da die Gesellschaft nicht sehr zahlreich war . Sich einen Augenblick Ruhe zu verschaffen , trat er hinein und setzte sich in die Sopha-Ecke nieder . Aber kaum hatte er den Platz eingenommen , als sich zwei Männer plaudernd in die Brüstung der Thüre stellten , deren Stimmen Renatus sofort erkannte . Der ältere von ihnen , Graf Aurel , war ein Jugendgenosse des Grafen Gerhard , einer der bekanntesten Lebemänner der Stadt , der andere ein Gesandtschafts-Sekretär , dem Berka ' schen Hause eng befreundet . Sie sprachen in gleichgültiger Weise über die Verhältnisse der anwesenden Personen . Es war bereits von Diesem und Jenem die Rede gewesen , wie Renatus aus den einzelnen , zu ihm dringenden Worten hatte entnehmen können , als er plötzlich seinen Namen zu hören glaubte . Er hätte diese Maßregel , wie die Gräfin richtig bemerkte , nur früher treffen müssen , sagte scherzend der Gesandtschafts-Sekretär . Was wollen Sie ? entgegnete der Graf ; die Baronin Vittoria soll ein bedeutendes Legat von dem verstorbenen Freiherrn in Händen haben , und der Major ist ruinirt ! Da hat er wohl ein Auge zugedrückt , und - der Graf lachte - die Baronin Cäcilie ist ja auch eine leidenschaftliche Sängerin ; er wird das Terzett , denn ein solches soll es in der That gewesen sein , nicht haben stören wollen . In diesem Augenblicke , noch ehe der in allen Nerven erbebende , unfreiwillige Hörer sich von seinem Sitze zu erheben vermochte , wurden die beiden Sprechenden in ihrer halblaut geführten Unterhaltung durch die herantretende Hausfrau unterbrochen , welche den Gesandtschafts-Sekretär aufforderte , irgend eine Nachricht aus der Hauptstadt seines Landes , die er ihr bei seiner Ankunft mitgetheilt hatte , einem Kreise neugieriger Gäste bekräftigend zu wiederholen . Der junge Diplomat folgte der Gräfin Berka in den Saal , und Graf Aurel , der bei Hildegard ' s Anfrage an den Marquis sich höflich einige Schritte zurückzuziehen wünschte , trat für einen Augenblick in das oben erwähnte Seitengemach . Er war lange im Militär gewesen und ein Mann von erprobtem Muthe , aber er konnte sich einer Aeußerung des Erschreckens nicht erwehren , als er sich plötzlich und unerwartet dem Freiherrn von Arten gegenüber sah , dessen von der Blässe des Todes überzogenes , von Leidenschaft entstelltes Antlitz ihm versteinernd entgegenstarrte . Als ein Mann von Welt übersah er sofort die nothwendigen Folgen des unglückseligen Zufalles , der den Freiherrn zum Hörer jener beleidigenden Worte gemacht hatte ; allein der Umstand , daß der Marquis sich bereits entfernt und daß jetzt kein anderer Zeuge als der Beleidigte selbst zugegen war , ließ den Grafen einen Augenblick lang an die Möglichkeit irgend einer Ausgleichung oder doch an die Abwendung des Aeußersten denken . In Erwägung der fürchterlichen Lage , in welcher der Freiherr sich befand , schien es dem Grafen , dem ohnehin ein solches Begegnen mit den nächsten Anverwandten des ihm eng befreundeten Hauses höchst unwillkommen sein mußte , sogar von der Ehre als eine Pflicht geboten , selbst einen Schritt über das gewöhnliche Maß hinaus zu thun , und schon begann er an den noch immer ihm schweigend Gegenüberstehenden in diesem Sinne das Wort zu richten , als der Freiherr mit einer nicht mißzudeutenden Bewegung ihm die Rede abschnitt . Die Lehne des Sessels , die Renatus ' Rechte umkrampft hielt , brach unter dem Drucke , als er mit hohler , vor innerem Grimme bebender Stimme die Worte hervorstieß : Sagen Sie Ihrem Partner , das Duett , das ich so eben von Ihnen Beiden vortragen hörte , sei eben so falsch , als der , der es anstimmte , ehrlos ist ! - und seiner selbst nicht mehr mächtig , den abgezogenen Handschuh dem Grafen in das Gesicht schleudernd , verließ er hoch aufgerichtet das Gemach . Ein Gefühl wilder Befriedigung war über ihn gekommen . Er hatte jetzt endlich einen Gegenstand gefunden , gegen den er die Empfindungen richten konnte , welche kurz zuvor in seinem Busen gegen ihn selbst gewendet gewesen waren . Er fühlte sich befreit von dem Alpdrucke , der auf ihm gelastet hatte . Sein Schicksal selbst , jenes Schicksal , das über seinem Hause noch immer gewacht und die Glieder dieses Hauses vor offenbarer Schmach und Schande noch stets bewahrt , es hatte ihm den