auch ein Taktiker nicht , wie man ohne Epaulettes sich über Kriegführung orientiren kann , was doch nachgerade eine unerläßliche Bedingung eines jedes gebildeten Mannes unsrer Zeit werden und bald so nothwendig für die Erziehung sein wird wie das Turnen . Etwas besorgt waren die Freunde über den Eindruck , den Werdeck und Louis Armand gegenseitig auf sich machen würden . An dem Stande dieses in der ganzen Residenz schon bekannten und durch seine Beziehung zum Prinzen Egon wohlgewürdigten französischen Kunsttischlers nahm der Major keinen Anstoß . Er hatte , einmal vom Wirbelwinde der Zeit gefaßt , sich die ungeheure Abweichung von seiner vorgeschriebenen Lebensweise zu Schulden kommen lassen , seinen Kriegerstand zu vergessen und erst durch die Ideen sich mit den Menschen zu vermitteln . So lag ihm auch nun nichts mehr an einer solchen Begegnung mit einem wirklichen Manne aus dem Volke . Bedenklicher hätte es ihm freilich scheinen können , daß der neue Genosse der schon mehrfach angeknüpften Unterhaltungen ein Franzose war . Werdeck besaß aber nicht die Nationalvorurtheile , die uns von unsern Erziehern mitgegeben werden und in unser Blut übergegangen sind . Seine Frau hatte ihn früh über diese Voraussetzungen hinweggebracht . Eine starke , leidenschaftliche , vom Hasse getragene Seele , wie sie war , lebte sie nicht in der Welt , die ihres Gatten nächste Lebensbedingung war . Religiöse und nationale Elemente führten sie in jene eigenthümliche Schwärmerei hinüber , die sich aus der Schule Adam Mickiewicz ' s in Paris mit Flügeln emporschwang , die ihr die Märtyrerschaft als das schönste Ziel der Tugend zu erstreben lehrte . In der Minorität zu leben , mit dieser zu dulden , mit dieser zu hoffen , war dieser Frau eine Geistes-Seligkeit , und wenn auch Werdeck auf ' s entschiedenste die nationale Berechtigung der Polen verwarf , seiner Frau ihre katholischen Träumereien ließ , ohne aufzuhören , sie sogar deshalb zu belächeln , den Hauch der neuen Zeit hatte er in jeder andern Beziehung in seinem Gemüthe alles Starre und Eisige aufthauen lassen und sah mit Ruhe einer ihm drohenden Katastrophe entgegen . Louis Armand sagte dagegen , die Militairs würden doch nie die wahre Freiheit der Völker befördern . Sie wollten nur steigen , nur herrschen , glänzen . Louis behauptete von Werdeck gehört zu haben , daß er hypochondrisch , verstimmt , längst mit seinen Standesgenossen zerfallen wäre und sich nur darin gefiele , den Hof durch liberale Gesinnungen zu ärgern . Dennoch fügte er hinzu , hätte er von Heinrich Sandrart , dem Sergeanten , der dann und wann noch zu den alten Märtens käme , erfahren , die dritte Compagnie wenigstens ließe ihr Leben für den Major und daraus ließe sich die Macht einer bedeutenden und gemüthvollen Persönlichkeit doch schon theilweise erkennen . Wenn ich ihm kein Anstoß bin , hatte Louis erklärt , so komm ' ich gern und bin gewiß , von einem so ausgezeichneten Manne viel lernen zu können . Louis harrte schon in der Nähe des Rathskellers . Die Freunde schüttelten ihm die Hand . Alle Drei hatten ihn nur noch inniger in ihr Herz eingeschlossen , als bisher . Louis war nach all ' den Ansprüchen , die Egon ' s Freundschaft auf ihn gemacht hatte , jetzt mit erneutem Eifer an seine Arbeit gegangen und hatte Talente entwickelt , die jedem Einsichtsvollen Achtung abgewannen . Mit Genugthuung sah man , wie unausgesetzt theilnehmend er dem öffentlichen Leben seines neuen Aufenthaltsortes folgte , wie gespannt er die Entwickelung Egon ' s überwachte und jeden Einfluß , den ihm dieser nur gestattete , darauf verwandte , ihn seinen früheren Gesinnungen treu zu erhalten . Freilich hatte er den Freunden eingestehen müssen , daß seit einiger Zeit mit Egon eine Veränderung vor sich gegangen war . Er hatte ihnen genau den Tag , die Stunde bezeichnet , seitdem ihm vorkäme , als hätte Egon ein neues , fremdes Element in sich aufgenommen . Es war dies jener Abend , an welchem die Freunde einer Aufforderung Egon ' s gefolgt waren , ihm in einer gewagten , aber von seiner wildesten Erregung für nothwendig erklärten Unternehmung beizustehen . Rudhard hatte dem jungen Fürsten die Verwechselung mit dem Thomas a Kempis eingestanden , er hatte von Pax , von Schlurck selbst in der Hauptsache erfahren , was mit dem Bilde vor sich gegangen war . Daß Pauline von Harder die Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda besaß , stand ihnen Allen fest . Wozu sich neuen Unterschlagungen , einer völligen Vernichtung derselben aussetzen ? Nein , hatte Egon gerufen , die Nacht birgt uns in ihr schützendes Dunkel ! Wohlan , ich gehe zu jener Elenden , ich verlasse nicht ihr Haus , nicht ihr geheimstes Zimmer , bis diese Umtriebe entlarvt , die entwandten Schätze zurückerobert sind . Louis und die Brüder Wildungen sollten Egon sein kühnes Werk auszuführen unterstützen . Rudhard widerrieth , aber die jungen Leute fühlten sich von dem Abenteuer zu sehr gereizt . Sie folgten Egon und standen schon in Begriff , gewaltsam in das einsame Haus zu dringen und der gefährlichen Frau das geraubte Gut zu entwinden , als sich der uns bekannte mildere Ausweg gefunden hatte . Aber Egon ' s seither mannichfach geändertes Wesen konnte nicht geleugnet werden . Man hatte vermuthet , daß die aristokratische Gesinnung der Gräfin d ' Azimont sicher versuchen würde , Einfluß auf den Prinzen zu gewinnen . Dies hatte Louis in Abrede gestellt . Eher gestand er zu , daß Rudhard ' s politische Ansichten , die den ihrigen völlig entgegengesetzt waren , wohl einmal einen bedenklichen Einfluß auf Egon gewinnen könnten . In der Hauptsache aber gestand er dabei , daß seit dem September-Sonntage eine auffallende Veränderung mit dem Fürsten vorgegangen wäre . Er hätte ihn damals an diesem regnerischen Sonntage , selbst verstimmt , besucht , um sich aufzuheitern , hätte Egon aber in eine Trauer , eine Abwesenheit versunken gesehen , die ihn wahrhaft erschreckt hätte . Auf genauere Fragen hätt ' er nicht