gewissen Mannes im blauen Mantel mit dem schwarzen Pudelkragen ... Löb Seligmann grüßte in der allerglückseligsten Laune ... Hatte er auch in verschiedenen Spiegeln der Gegend , die er im Lauf dieses Winters und vor dem Frühjahr nicht mehr verließ , beim Rasiren seines Barts , beim Kämmen und Ansingen seines wolligen Haares eine nicht gewöhnliche Anzahl von grauen Löckchen bemerkt ; doch kamen sie nur als ein zufälliger Tribut an seine Jahre , nicht als Folge von Kummer und Sorge ... In der von so mannichfachen Aengsten und Bedrängnissen erfüllten Sphäre , die wir schildern , war er die zufriedenste , frohste , vielleicht die einzige » gesunde Natur « , wenn nicht am Körper doch an der Seele ... Das Vertrauen , das ihm zuerst Terschka schenkte , das sich dann dem ganzen Adel der Gegend mittheilte , gab ihm einen Schwung , der nur von jener ihm manchmal eigenen Rührung über sich selbst gemildert wurde ... Aber sogar diese Anwandelungen der Wehmuth wie sonst beim Hinblick auf Kocher am Fall , auf den Korb der Hasen-Jette , auf die schwachen Beine David ' s , auf die Blüte des Ghetto , Veilchen , die unter der Geldgier seines so unpoetischen und ihm unähnlichen Bruders Nathan schmachtete , kamen ihm jetzt seltener . Nur der hierortige Mangel an Opernmusik , die sonst seiner Seele ein so nothwendiges Labsal war , war eine Lücke in seinem Dasein . Von der classischen Anmuth der Arie : » Ha , das Gold ist nur Chimäre ! « war er musikalisch tief überzeugt - die Textesworte unterschrieb er bei seinen gegenwärtigen glänzenden Einnahmen weniger - aber er mußte sie sich allein trällern . Die Eroberung dieses gewissenhaften Kenners der Ackerkrume , der Ertragsfähigkeit der Güter , der einschmeichelnden Ueberredungskünste bald beim Bauer , bald beim Edelmann verdankte Terschka dem Vormittag auf der Villa des Herrn Bernhard Fuld in Drusenheim . Er ließ ihn nach Witoborn kommen und » schlachtete « , wie der Kunstausdruck lautet , bereits im voraus die Güter des Grafen Hugo ein , noch ehe die Uebergabe in allen Formen erfolgt war . In Terschka hafteten aus den Lebenssphären seiner frühesten Kindheit andere Eindrücke vom Judenthum , als er sie durch Löb Seligmann empfing . Heyum Picard und - Löb Seligmann ! ... Letzterer mit den rührendsten Gleichnissen und Sprüchen aus dem Talmud , die ihm Gewinn auf Kosten der Ehrlichkeit verboten - ! Löb citirte sie zuweilen mit einer gewissen jungfräulichen Verschämtheit ... » Wir haben ein Sprichwort , Herr Baron - ! « Das die stehende und mit Erröthen gesprochene Phrase , mit der Löb ein solches Citat aus dem Talmud anbrachte - wie einen Traum aus der Menschheit kindlichsten Tagen ... Eine wunderbare Kunst besaß Seligmann , alle Verhältnisse , in die das Leben ihm einen Einblick gestattete , - bis auf den Grund auszukosten . Selbst einen so entschieden negativen Umstand , wie den , daß Armgart von Hülleshoven damals , als er sich die Rettung der kleinen Pensionärinnen von Lindenwerth vor Wassersfluten so angelegen sein ließ , unter den zur Villa Dahinwatenden nicht anwesend war , benutzte er zur Anknüpfung einer Bekanntschaft , ja zu dem seelenvollsten Genuß , Nachgenuß der Thatsache : Also , Fräulein , Sie waren damals nicht dabei ! ... Dabei sein Auge ! ... In seinem Gemüth blieb ' s eine Nachbetrachtung mit den schmelzendsten Accorden ... Angelika Müller , die kannte er aus der Dechanei und die hatte er damals gesprochen und demzufolge besuchte er Püttmeyern - und Grützmacher hatte einst bei Witoborn als Gensdarm gestanden und demzufolge sah er sich dessen ehemalige Wohnung und Stall an und knüpfte die Bekanntschaften seiner Nachfolger an und - Also das ist ein Vetter von Ihnen ? und ein einziges seelenvoll so durchempfundenes Verhältniß , erleichterte es auch sein Geschäft , das eben im Couragemachen zu Veränderungen und Expropriationen gemüthlich werthgewordenen Eigenthums bestand , so war es das doch nicht allein , was er dabei suchte ... Benno von Asselyn , mit dem er hier oft zu thun hatte , Benno , der ihn für seine Güterschlachterei als Student aus dem Roland » geschmissen « hatte , Benno war ihm eine lockerer Bekanntschaft von einem Heimatsgefühl , von einer Seelenerquickung , als sänge , da er ihn zum ersten male hier sah , sein ganzes Sein : » Ich komme aus der Normandie ! « ... Ebenso elegisch betrachtete er Thiebold de Jonge ... Ebenso Hedemann ; auch » unbekannterweise « , aber um seines Sohnes willen , den Landrath von Enckefuß , an dem ihn seine Geldverlegenheit um so mehr rührte , als er , gelegentlich von diesem um Hülfe angesprochen , bedauerte erklären zu müssen , daß er » Geschäfte dieser Art « nicht mache ... Mit Bonaventura vollends trat ihm die ganze alte Kathedrale von Sanct-Zeno in Kocher am Fall wie im Mondlicht entgegen ; das Sterbebett der Nachbarin Ley ; Treudchen und mit ihr der Blumenstrauß , den er an jenem Morgen für Veilchen gekauft hatte ... Alles das hob ihm Seele und Gemüth ... Mit besonderer Andacht besuchte Löb das große Dorf Borkenhagen . Er betrachtete sich von allen Seiten jenes Pfarrhaus , wo » denn also « Leo Perl , sein leiblicher Vetter , abgefallen vom Glauben seiner Väter , gelebt hatte und gestorben war ... Er betrachtete die Fenster , die Walleinfriedigung , den Brunnen und die Scheuer dieser Wohnung mit einem so elegischen Rückblick , daß der jetzige Pfarrer das Fenster seines Studirzimmers öffnete und ihn fragte : Wünschen Sie etwas ? ... Durch seine Seele zogen sich bei diesem rauhen Anruf alle Töne des Gefühls unverdienter Kränkung , die nur jemals sein angebeteter Bellini componirt hat ... Von Veilchen wußte er über Leo Perl so viel Wunderbares ... Perl war ein Freidenker und doch - ein Kabbalist gewesen . In Paris hatte er in alten Pergamenten studirt und trotz Voltaire eine schreckhafte Geisterwelt anerkannt . Nun erschien ihm Leo Perl wie einer