aber , der , ohne von Natur zum Mißtrauen geneigt zu sein , die Menschen besser als die Frauen kannte , sah und beurtheilte die Gründe , aus welchen Renatus sich von ihm zurückhielt , in einer anderen Weise . Er kannte die Einkünfte des Freiherrn so genau , als dieser selbst , und Renatus wußte , daß Paul ein guter Rechner sei . Es konnte also dem Freiherrn , der sich für verpflichtet erachtete , einen Aufwand zu machen , welcher bei Weitem über seine Mittel ging , in keinem Falle erwünscht sein , einen Beobachter neben sich zu haben , der nach seinen Grundsätzen eine solche Handlungsweise entschieden tadeln mußte , und Paul trug seinerseits auch kein Verlangen danach , näher in die gegenwärtigen Verhältnisse des Freiherrn eingeweiht zu werden . Was er davon gelegentlich und zufällig erfuhr und sah , bestätigte ihm nur die Lehre von der wachsenden Schnelligkeit , mit welcher die einmal ins Gleiten gerathene Lawine dem Abgrunde zurollt . Was geschehen würde , darüber war Paul schon lange nicht mehr im Zweifel ; wann und wie es geschehen würde , ließ sich fast auch mit Sicherheit berechnen . Richten war so verschuldet , daß die Zinszahlungen von einem Vierteljahre zum andern immer schwerer wurden . Steinert schrieb , daß es ein Jammer sei , in welcher Weise der Amtmann , dessen Reich in Kurzem dort zu Ende gehen mußte , auf dem Gute wirthschafte , und wenn Paul in den kaufmännischen Kreisen , in welchen er arbeitete , von den Wechseln auch nichts zu sehen bekam , die in den Händen der Wucherer auf Renatus in Umlauf waren , so erfuhr er doch hier und da , daß der Major von Arten mancherlei bedenkliche und gefährliche Spekulationen für sich machen ließ , und sein Zutrauen zu des Freiherrn Umständen ward dadurch natürlich nicht gehoben . Renatus selber war dabei nicht wohl zu Muthe . Er hätte es anders , er hätte gern geordnete Verhältnisse haben mögen , aber wie konnte er zu diesen je gelangen , ohne sein Leben völlig umzubrechen , ohne dem Grafen Gerhard und dessen Frau das Feld zu räumen , ohne sich ihrem Urtheil und dem Urtheil aller seiner Standesgenossen auf Gnade oder Ungnade zu überliefern ? Daß Hildegard ihm und Cäcilien nie vergeben werde , daß sie ihn und die Schwester hasse , und daß Graf Gerhard ihm übel wolle , darüber war Renatus ganz im Klaren . Aber er sagte sich nicht , daß es in solchen Verhältnissen gerathen sei , die Trennung zwischen sich und seinen Feinden zu einer vollständigen zu machen . Er mochte in dem sehr angesehenen und viel besuchten Hause seines Onkels und seiner Schwägerin nicht fehlen ; er meinte , durch seine bloße Anwesenheit in demselben Hildegard ' s feindseligen Aeußerungen eine Schranke setzen zu können , und in der That hörte auch von der Gräfin Berka Niemand ein hartes Wort über den Freiherrn oder über dessen Familie . Sie beklagte ihre Schwester nur , und dazu hatte sie jetzt mehr als jemals Grund . Man wußte es in der Gesellschaft , daß die Vermögenslage des Majors von Arten sehr zerrüttet sei , man sprach über das immer noch fortdauernde bedenkliche Verhältniß zwischen Vittoria und dem Sänger , von Valerio ' s Entfernung aus der Anstalt , von der zwischen Renatus und seiner Stiefmutter beabsichtigten Trennung , und Renatus konnte sich endlich nicht darüber täuschen , daß man um alle diese Dinge wußte , daß Jeder sie nach seiner Weise beurtheilte und besprach . Er befand sich in einer Verfassung , in welcher nichts ihn überraschte und Alles ihm gleichgültig zu werden begann , weil er keinen rechten Ausweg mehr vor sich sah . Das Ende des Jahres stand vor der Thüre , es waren Forderungen aller Art in nächster Zeit zu befriedigen . Er wußte es , daß ihm dies unmöglich sein werde , daß Richten zum Verkaufe kommen mußte , und er konnte sich es nicht vorstellen , wie er leben solle ohne den , wenn auch nur noch anscheinenden Besitz dieses seines Stammgutes . Er wußte eben so wenig , wie er sich und die Seinigen von dem Einkommen erhalten solle , das seine militärische Stellung ihm eintrug und das obenein durch Abzüge aller Art verkürzt zu werden drohte , wenn man es erst erfahren hatte , daß er ruinirt sei . Er fühlte sich wie ein Schiffbrüchiger , der auf leckem Boote im offenen Meere treibt , er mußte sich sagen , daß Rettung ihm nur durch ein Wunder werden könne , und wie er auf ein solches auch bisweilen hoffen zu können wünschte , er vermochte es nicht . In dieser Lage fand ihn die Anfrage , welche Tremann wegen Valerio ' s an ihn richtete , und wenn schon Paul durch dieses Ereigniß lebhaft an den Wechsel der Dinge und der Zeiten erinnert worden war , so war die Wirkung auf den Freiherrn noch weit stärker . Er hätte Valerio Vorwürfe darüber machen mögen , daß er sich an einen Dritten , daß er sich an Paul um Hülfe gewendet habe ; aber er ' fühlte sich jetzt dazu nicht mehr berechtigt . Er hatte den Brief noch nicht beantwortet , in welchem Valerio ihm , unter Emilio ' s Anleitung , den Vorschlag gemacht , daß er den Namen von Arten ablegen und unter dem italienischen Namen seines wahren Vaters auf die Bühne gehen wolle , wenn Renatus ihm nur für die nächsten Jahre noch das ihm zustehende , freilich sehr geringe Jahrgeld zu zahlen geneigt sei , welches Valerio nach dem Testamente des Freiherrn Franz zu beanspruchen das Recht besaß . Renatus hielt das Schreiben Tremann ' s lange in seiner Hand . Die Wogen , die ihn bedrohten , stiegen immer höher , das Boot , das ihn trug , sank immer tiefer hinab , es war im Grunde ein Glück zu nennen , wenn er es , gleichviel wie erleichtern konnte ; aber