zu allem für fähig haltend und zunächst in der That nur um ihrem Drängen auszuweichen ... Unwillig über die unerwartete Querfrage , schwieg sie ... Kennen Sie die Herkunft dieses Mannes , den ich nannte ? wiederholte Hubertus ... Was soll das ? ... Das ist ein Cavalier aus Wien ... ein Böhme ... War der Mann nie in Rom ? Lucinde schwieg und wiegte ungeduldig den Kopf ... Sie kommen nicht selbst auf Westerhof ? ... Doch ! ... Ich denke ... warum ? antwortete sie endlich ... Hubertus überlegte , ob er nicht Lucinden zur Vertrauten des Interesses machen sollte , das er , wie an Bickert , so auch an Wenzel von Terschka nahm ... Frau von Sicking ' s Andacht mußte eben gestört worden sein ... Sie erhob sich und blickte auf die noch immer Betende , deren Geflüster ihr nachgerade auffallen konnte ... Als sie näher kam , hatte wieder Hubertus kein anderes Mittel , sie zu entfernen , als seinen Blick ... Frau von Sicking ging an einen andern Altar ... Ich beschwöre Sie , betete Lucinde , verlieren Sie keinen Augenblick ! Jeder Moment des Zögerns ist verderblich - Wollen Sie mir nur eines versprechen ? - mußte Hubertus , und jetzt fast , der äußern Umgebungen wegen , nothgedrungen , sagen ... Sie haben mächtige Verbündete , große Beschützer ... Wollen Sie für uns sorgen , wenn wir in den Orden der Alcantariner treten und unbeschuht nach Rom entfliehen ? Lucindens eigene Wege deuteten schon lange nach Rom ... Sie kämpfte einen Augenblick , sagte dann aber doch - so mächtig fühlte sie sich in ihrer Anlehnung an Nück : - Ich verspreche es Ihnen ! Nun erklärte sich Hubertus bereit , daß er sofort einen Wagen suchen wolle , mit dem er Jean Picard nordwärts den Bergen zu fahren könne ... Aufklärungen über die Absicht des Verbrechers würde er nicht früher begehren , als bis er in Sicherheit wäre ... Durch den Preis , den er in Aussicht stellen würde , nach und nach die Erbschaft zu gewinnen , hoffe er , sprach er , ein Mittel in der Hand zu haben , ihn in Amerika festzuhalten und zu einem tugendhaftern Leben zu führen ... Das Geld befinde sich noch auf dem Gericht in Witoborn und könne ihm vielleicht am besten durch einen Advocaten zukommen ... Hubertus nannte den auch hierorts allbekannten Nück ... Nein , nein ! lehnte diesen Namen Lucinde ab ... Hubertus hatte kein Arg und erklärte , sich auch sonst wol helfen zu können ... Damit erhob er sich und ließ die Beterin allein , die es auch ihm wie so vielen - » angethan « hatte ... Allmählich erhob Lucinde ihr Haupt von dem Pult , vor dem sie kniete , schlug erschöpft ihr Brevier zu und trocknete die in der That von Angsttropfen befeuchtete Stirn ... Sie hatte die Nacht nicht eine Stunde geschlafen ... Frau von Sicking riß sich aus ihrer Anbetung los und schloß sich Lucinden an , die wie aus einem Traum erwacht sie begrüßte ... Beim Austreten aus dem Münster erzählte sie , daß sie bei Gewittern und Feuersbrünsten in einen Zustand gerathe , der sie zwänge , sich in den dunkelsten Winkel zu flüchten ... Sie wäre in dem gestrigen Tumult aufgesprungen , hätte sich im ersten besten Zimmer eingeschlossen , auf alles Rufen und Klopfen keine Antwort geben können , bis erst im Schlosse alles still geworden und der Feuerschein nachgelassen hätte ... Dann hätte sie ihren Versteck verlassen . Die Gräfin Münnich hätte sie gezwungen , die Nacht auf dem Schloß zu bleiben ; doch schon in aller Frühe wäre sie wieder aufgebrochen ... Sie hätte das Gelübde gethan , sämmtlichen Altären des Münsters nach der Reihe ihre Verehrung zu bezeugen ... Darum auch wäre sie zuerst in den Münster gegangen ... An alledem war nichts Unwahres , aber Frau von Sicking hatte gestern doch schon manches über Lucindens Vergangenheit erfahren und war heute von einiger Zurückhaltung . Ihre Erzählung der Vorfallenheiten auf Schloß Westerhof , während beide im eigenen Wagen auf ihre Besitzung zurückfuhren , hatte die geheime Absicht , den frühern Beziehungen Lucindens zu Gräfin Paula näher zu kommen ... Lucinde merkte dies allmählich , merkte auch die der Gräfin Paula nicht eben günstige Gesinnung der Frau von Sicking , die mit großer Schärfe urtheilen konnte ... Als sie Lucinden zur Chocolade festhielt , immer wieder von Paula und den zweideutigen und höchst » incorrecten « Visionen derselben begann , fiel ihr eine seltsame Beleuchtung auf die Pracht und Herrlichkeit dieser Niederlassung , auf die Teppiche , über die sie hinschritten , auf die kleinen verwickelt angelegten Cabinete mit gothischen schwarzen Möbeln , bilderbeladenen Wänden , auf die mit rothem Sammet überzogenen Betschemel ... Die Frau ist neidisch auf Paula wegen Bonaventura ! sagte sie sich ... Wo sieht sie ihn denn ? Fährt sie deshalb so oft zu Müllenhoff ? ... Frau von Sicking wollte gegen Mittag nach Schloß Westerhof zur Condolenz und forderte ihren Besuch auf , sie dorthin zu begleiten ... Die eben auf einem silbernen Plateau überreichte neueste Post für Frau von Sicking gestattete Lucinden ihren Zorn und das Erglühen ihrer Wangen zu verbergen ... Bei alledem aber , durch den ihr vom Himmel geschenkten Beistand des Laienbruders , durch - auch ihre Zähmung des » Bruder Abtödters « doch ermuthigt und auf ein günstiges Verlaufen aller dieser Gefahren hoffend , warf sie schon voll Uebermuth auf ihrem Zimmer ihr Brevier hin , wie - die Schöne , die vom Ball kommt , ihren Fächer , hinter dem sie eine Eroberung machte ... Zur Wiederbegegnung mit Bonaventura und Paula interessirte sie sogar der mit Cherubimköpfen umrahmte Spiegel ... Sie fand aber ihr Aussehen doch noch zu angegriffen , als daß sie schon heute diese Scene wagen sollte . 19. Auch diesen beiden aus Witoborn zurückkehrenden Damen war im Vorüberfahren ein Gruß gespendet worden aus dem von Westerhof schon wieder heimkehrenden Wägelchen jenes