Andern schlichen näher . Schmelzing zeigte auf einen Korb und machte Gebehrden der angenehmsten Überraschung . Noch Alles da , wie es war ? fragte Hackert durch die Zeichensprache der Taubstummen . Schmelzing zog eine Flasche nach der andern in die Höhe und winkte , daß sie schwer waren . Also , flüsterte Hackert dem Oberkommissair in ' s Ohr , die Geister haben hier oben inzwischen keinen Durst gehabt . Pax bedeutete ihn ernstlich zu schweigen . Er zeigte ihm mit besonderm Nachdruck das Lichtkreuz , das in der Mitte flammte , und winkte ihm , dort am meisten Acht zu geben . Schmelzing trug den Korb an das mittlere Kreuz und erbot sich , dem Oberkommissair das Geleite zu geben , damit er hinter ihm wieder zuschließen könne . Pax nickte dazu . Schmelzing folgte ihm mit der kleinen Laterne und ließ Hackerten mit dem Bedeuten , er würde sogleich wiederkommen , im Dunkeln allein . Als sich Pax und Schmelzing entfernt hatten , warf sich Hackert in der Nähe des mittleren Kreuzes auf die Erde . Er fühlte , daß er auf etwas Weiches fiel . Schmelzing ' s Mantel schien es ihm , den er an seinem groben Tuche und einem abgeschabten Halskragen erkannte . Aha ! dachte er , der Spion hat sich hier schon ganz häuslich eingerichtet ! Und nun erst ergab er sich einem genaueren Nachdenken über die sonderbare Situation , in die er hier so plötzlich , er wußte nicht wie , versetzt worden war . Siebentes Capitel Die flammenden Kreuze Wir haben in Fritz Hackert einen Menschen des Instinktes kennen gelernt . Unbekannter Herkunft stehen uns seine Schicksale vor Augen seit der Aufnahme in das Haus des Justizrathes Schlurck und seinen jugendlichen Verirrungen mit Melanie bis zu dem Augenblick , wo wir ihn am Schlusse des Fortunaballes in einem erneuerten Anfall seiner Krankheit verließen . In dem ersten Momente , wo uns Hackert persönlich bekannt wurde , in Tempelheide , wo er im Kornfelde lag und den Becher Weins mit Siegbert theilte , erkannten wir in ihm eine nicht ungewöhnliche Natur , die aber damals völlig zerfahren , mit sich selbst zerfallen war , innerlich und äußerlich verdüstert und heruntergekommen . Später fielen uns lichtere Momente auf sein widerspruchsvolles Wesen und wir werden uns wol gesagt haben , daß dies Individuum durch Krankheit , geringe äußere und meist durch sich selbst gewonnene Erziehung , endlich durch sein angeborenes Naturell dem Urstoff des Menschen näher stand als die meisten andern Menschen , die man eher vermittelte Naturen nennen möchte . In Hackert lag noch unmittelbar das ganze Chaos des Guten und Bösen , wie es aus der Hand des Schöpfers in uns so geheimnißvoll gepflanzt scheint . Wohin seine Entwickelung ihn führen wird , ob zum Schlimmen oder zum Guten , wird uns schwer werden , schon vorauszusagen . Wir sahen ihn in den Beziehungen zu Melanie von einem Sensualismus , der nur durch den üppigen Ton des Schlurck ' schen Hauses und die epikuräische Weltauffassung des Justizraths entschuldigt werden kann . Melanie war ihm wol so ziemlich gleichartig , nur daß sie die Vorzüge einer gefälligeren Bildung vor dem früh verwahrlosten und durch die Farbe seines Haares entstellten Spielgenossen voraus hatte . Einen Beweis für ihre wirkliche aus dem Herzen fließende Güte ist uns Melanie noch schuldig geblieben . Was sie uns an freundlichen Gesinnungen und wohlwollenden Gedanken offenbarte , floß aus ihrer Leidenschaft , aber auch diese kam nicht rein aus dem Herzen , sondern aus der Eitelkeit und dem Drange nach Auszeichnung ... In Hackert schlummerte der Ehrgeiz . Zu seinem Glücke unbewußt . Hätte ihn der Gedanke des Ruhms , der Auszeichnung erfaßt , er hätte nur auf schlimme Bahnen gerathen können , auf solche Bahnen , an deren Beginn wir ihn eben jetzt erblicken . Muth und Zaghaftigkeit waren in diesem Naturmenschen auf eigene Art gemischt . Wenn wir sagen , daß etwas Weibliches in ihm lag , eine große Empfänglichkeit und das Bedürfniß einer Liebe , wie sie ihm nach seinem bessern Sinne selten zu Theil wurde , so wird man sich der Lösung des psychologischen Räthsels , das er darbietet , schon eher nähern . Ein Mannweib , wenn es denkbar wäre , brächte wol ähnliche Mischungen , die an Thierisches erinnern , an den Muth und die Furcht des Löwen zugleich , zum Vorschein . Hackert hatte oft großartige Regungen und verfiel sogleich wieder , bei der geringsten Verletzung , in die niedrigsten . Wir haben gesehen , wie er der Rache fähig war ! Man hatte ihn furchtbar entwürdigt , hatte ihn durch jene Züchtigung wie ein Thier mit Füßen getreten , aber statt offen seinem Gegner gegenüber zu treten , tödtete er ihm durch die raffinirteste Grausamkeit sein Eigenthum . Ihn zu verdammen steht Jedem frei . Wer wird ihn beschönigen wollen ? Aber wer wird auch so weichlich gestimmt sein , nur Die Menschen menschlich zu finden , die nach den Regeln des Katechismus entweder gut oder böse sind , für den Himmel oder die Hölle passen , nur Liebe oder Abscheu erregen ? Wir Menschen sind nicht so kurz zu nehmen , wie wir in einem polizeilichen Signalement oder in lebensunwahrer Dichtkunst angegeben werden . Die Mehrzahl der Lebenden sind Hackerte , Individuen , schwierig unterzuordnen unsrer Liebe und doch auch nicht hassenswerth . Die reine geläuterte Vortrefflichkeit gibt es ebensowenig , wie es eine abstrakte Schlechtigkeit nicht so nackt gibt , wie man ihr in den Kriminalgefängnissen zu begegnen glaubt . Wir sprechen immer von Menschen , die wir lieben und achten , und immer von Menschen , die wir hassen . Aber zwischen Beiden gibt es Millionen , die sich aus unsrer Liebe und unsrem Hasse sehr wenig machen , die so sein wollen wie sie sind , und die man gelten lassen muß , weil ihnen die Welt so gut gehört wie uns . Unsre Maßstäbe von Verstand , Herz , Gemüth passen in den seltensten Fällen