die Ausgaben der Frauen schalt . “ Liebes Kind , ” sagte er , sich erhebend , die Hand auf den Tisch stützend und durch den Klemmer einen ernsten Blick auf seine Tochter richtend , “ Du hast nicht nur Verpflichtungen gegen Dich selbst , sondern auch gegen die Gesellschaft , vor allem aber gegen die Stellung Deines Vaters . Dich ihnen zu entziehen , wäre gewissenlos gehandelt . Als Vertreter der Regierung habe ich mich in der Öffentlichkeit und bei meinen Vorgesetzten zu zeigen . Was sollen die Leute denken , wenn ich meine Tochter zu Hause lasse ? Wir Männer des Staates haben nach oben und nach unten , nach rechts und nach links zu blicken , um keinen Anstoß zu erregen — wir sind keine freien Menschen , die ihren Launen folgen dürfen . Mir ist schon öfter in letzter Zeit zu Ohren gekommen , daß Du mit der eigentümlich strengen religiösen Richtung , die Du angenommen hast , Aufsehen erregst . Mein liebes Kind — das geht durchaus nicht an . Der Oberpräsident hat mir gestern Andeutungen gemacht , die mich sehr peinlich berührt haben . . . Ich höre , Du besuchst die Versammlungen einer Sekte , die sich Jesubrüder nennen ? ” “ Papa — ich war ja nur ein paarmal da , ” stammelte Agathe . Ihres Vaters Stimme hatte den strengen Amtston angenommen , den sie und die Mutter so sehr fürchteten . “ Es predigt dort ein gewisser Zacharias — ein Pfarrer , der aus der Landeskirche ausgetreten ist ? ” “ Ja , Papa ! Aber er kommt nur alle vier Wochen . Er redet wundervoll ! ” “ Ein eigensinniger Kopf ! Wegen der Maigesetze geriet er in unliebsamen Streit mit dem Konsistorium . Ich erinnere mich der Sache . — Der Oberpräsident hat mir offen gesagt , man sieht es ungern , daß die Tochter eines hohen Regierungsbeamten die Versammlungen eines solchen Mannes besucht . ” “ Aber Papa , man kann ihm ja gar nichts vorwerfen . Er folgte nur seiner Überzeugung . Leicht wird es ihm gewiß nicht geworden sein , mit seinen fünf Kindern die gute Stelle aufzugeben . Oft essen sie zu Mittag nur Kartoffeln und Schmalz . Ja , das weiß ich . ” “ Ist ihm ganz recht , ” sagte der Regierungsrat , im Zimmer umhergehend . “ Du hörst doch , welche unangenehme Scene ich deinetwegen gehabt habe . Es ist mir unbegreiflich , wie Deine Mutter Dir erlauben konnte , zu diesen Sektierern zu gehen ! Ich verbiete es Dir hiermit ausdrücklich . Hörst Du ! Du hast den Gottesdienst im Dom . Da kannst Du Dir genug Frömmigkeit holen . Jede Übertreibung ist vom Übel . ” Frau Heidling entschuldigte sich verwirrt , Agathe nicht besser beaufsichtigt zu haben , und der Regierungsrat ging verstimmt auf sein Bureau . Als er zum Essen nach Haus kam , versuchten die beiden Frauen , ihn auf jede Weise zu erheitern . Mit besonderer Sorgfalt war das Mahl bereitet . Agathe mußte noch einmal selbst zum Fleischer gehen , um ein Stückchen zarte Lende zu bekommen . Und sie hatten Glück , es schmeckte dem Vater . Nach Tisch klopfte er Agathe die Wange und sagte freundlich : “ Was so ein kleines Ding immer für Einfälle hat ! Ja , ja — Euch muß man ordentlich hüten ! ” Der Kreis von Agathes Freundinnen hatte sich im letzten Jahre recht gelichtet . Dem kleinen Schwarzköpfchen , das sich so gern von Onkeln und Vettern küssen ließ , hatte sie als Fee der Jugend den Myrtenkranz gereicht . Auf Lotte Wimpfens Polterabend stellte sie den Frieden des Hauses dar , und Kläre Dürnheim begrüßte sie beim Scheiden von der Mädchenzeit als Genius des Glückes . Und jedesmal hatte sie sich bei diesen Festen himmlisch amüsiert . Das galt als Ehrenpunkt unter den jungen Damen — gerade auf einem Polterabend . . . . man hätte ja sonst denken können . . . . Nein — es wäre geradezu feige gewesen , sich auf den Polterabenden der Freundinnen nicht himmlisch zu amüsieren . Später verkehrte Agathe nicht mehr allzu gern mit den Verheirateten . Fast ging es ihr da , wie einst in der Pension unter den erfahreneren Genossinnen : kaum waren ein paar von den jungen Frauen beieinander , so steckten sie die Köpfe zusammen , flüsterten eifrig , lachten und hatten endlose Geheimnisse , die Agathe um alles in der Welt nicht erfahren durfte . Denn sie war ein junges Mädchen . Lisbeth Wendhagen freilich , die ruhte nicht und sagte so lange : Pfui — Ihr seid scheußlich ! bis sie alles wußte , worauf sie neugierig war . Mit ihrem sommersprossigen , spitzigen Altjungferngesichtchen und ihren prüden kleinen Ausrufen war sie die Vertraute in den meisten jungen Haushalten . Es machte den Herren großen Spaß , sie zu necken und zu hänseln . Man ließ sich geflissentlich vor ihr gehn in zweideutigen Scherzen und übermütigen Zärtlichkeiten . Lisbeths entzückte Empörung war zu komisch . Aber Agathe flößte den Pärchen unbehagliche Scheu ein . Ihr Mund konnte so herbe und verächtlich zucken , ihre Augen waren so traurig . Und sie war so fromm ! Da hieß es : “ Schäm ' Dich doch vor Agathe ! ” Dann ging der junge Ehemann ins Nebenzimmer und rief von dort : “ Schatzi , komm schnell mal rein ! ” Schatzi huschte fort . Agathe saß allein , blätterte in einem Album und hörte ersticktes Gekicher und das Geräusch zahlloser Küsse . Es war wirklich besser , mit strebsamen älteren Mädchen zu verkehren . Sie wurde aufgefordert , an einem italienischen Kursus teilzunehmen und lernte auch eine Weile fleißig die Sprache , obschon sie bei der zunehmenden Kränklichkeit ihrer Eltern keine Aussicht hatte , jemals nach Italien zu kommen . Auch nahm sie unaufhörlich Musikunterricht . Aber warum sie das that , war ihr noch weniger klar . Bei ihrer