Schicksal , das so viele Andere ereilte , vor dem rettungslosen Versinken in diese Ernüchterung und Gleichgültigkeit gegen alles , aber dieselbe Macht , die ihn immer und immer wieder daraus emporriß , jagte ihn auch ruhelos umher , dem Einen nie Erreichten nach , das er nicht zu nennen wußte , und von dem er nur fühlte , daß es ihm fehle und ewig fehlen werde . Italien in all seiner Schönheit hatte es ihm nicht zu geben vermocht , nicht die glühende Liebe Beatricens und nicht die Kunst , die ihm doch den vollsten Ruhmeskranz gereicht – das Phantom zerfloß , sobald er die Arme danach ausstreckte . Und wenn die Wunderblüthe des Südens sich ihm auch geöffnet hatte in ihrer ganzen berauschenden Pracht – die blaue Märchenblume hatte er nicht gefunden . – Reinhold schreckte plötzlich empor aus seinen Träumereien . Irgend etwas hatte ihn darin gestört . War es ein Schritt , ein Rauschen gewesen – er erhob sich und sah mit grenzenlosem Erstaunen eine Dame nur wenige Schritte entfernt auf der Terrasse stehen und in das Meer hinausblicken . Was sollte das heißen ? und wie kam diese Fremde hierher , jetzt wo Mirando doch für Besucher nicht zugänglich war ? Sie konnte erst vor wenigen Minuten aus der noch offenen Thür getreten sein , die in den Saal führte , der die berühmte Gemäldesammlung der Villa enthielt , und schien den einsamen Träumer in der Säulenhalle so wenig bemerkt zu haben , wie er sie . Reinhold war längst auch gegen Frauenschönheit gleichgültig geworden , aber diese Erscheinung fesselte ihn doch unwillkürlich . Sie stand im Schatten einer der riesigen Vasen , welche die Terrasse schmückten ; nur das etwas vorgeneigte Haupt wurde von dem vollen Sonnenlicht getroffen und die schweren blonden Flechten schimmerten in dem Strahle wie gesponnenes Gold . Das Gesicht war zur Hälfte abgewendet . Man sah kaum das zarte , rein und edel gezeichnete Profil . Die schlanke Gestalt im luftig weißen Gewande lehnte leicht in unbeschreiblich graziöser Haltung an der Marmorbalustrade ; die linke Hand stützte sich darauf , während die herabhängende Rechte den blumengeschmückten Strohhut hielt . Sie stand unbeweglich , ganz im Anblick des Meeres versunken und hatte augenscheinlich keine Ahnung davon , daß sie beobachtet wurde . Es war noch früh am Tage . Der Morgen war in leuchtender Klarheit aus dem Meere emporgestiegen und lag jetzt sonnig lächelnd in thauiger Frische über der ganzen Umgebung . Noch umwob blauer Dunst das Vorgebirge und die fernen Küsten , deren Linien wie hingehaucht am Horizont zu schweben schienen , und in der Luft flimmerte es noch wie feuchter Silberglanz . Es lag etwas Märchenhaftes in dieser Morgenstunde und dieser Umgebung , vor Allem in der weißen Gestalt da drüben mit dem goldschimmernden Haar , und wie ein Märchenschloß , das aus der feuchten Tiefe emporgestiegen , erschien auch Mirando mit seinen weißen Marmorsäulen und Terrassen . Tiefblau wölbte sich der Himmel darüber hin und tiefblau rauschte das Meer zu seinen Füßen . Aus den Gärten wehte der Blüthenduft herüber , aber geisterhafte Stille umfing Alles , als sei jedes Leben hier gebannt oder in Schlaf versunken . Kein Ton ringsum , nichts als das leise Wallen des Meeres , der immer gleiche , träumerische Laut der Wellen , welche die Marmorstufen küßten , und vor den Blicken [ 509 ] nur die blaue wogende Unermeßlichkeit , die sich fernhin dehnte in unbegrenzter Weite . Reinhold verharrte regungslos in seiner Stellung ; er mochte mit keiner Bewegung den Zauber dieser Minute stören . Wehte es doch auf einmal zu ihm herüber wie ein Hauch der alten Sagenpoesie seiner Heimath , die er längst vergessen , und die mit ihrem schwermüthig süßen Reiz in diesem Augenblicke wieder vor ihm auftauchte . Aber die tiefe Stille wurde plötzlich unterbrochen durch das helle Jauchzen einer Kinderstimme . Ein Knabe von sieben oder acht Jahren stürmte die Stufen zur Terrasse herauf , eine große , glänzende Muschel in der Hand , die er irgendwo am Ufer aufgelesen haben mochte . Das Kind war sichtlich voll Entzücken über seinen Fund ; das ganze kleine Gesicht strahlte , als er mit glühenden Wangen und fliegenden Locken auf die Dame zueilte , die sich auf seinen Ruf umwandte . Mit einem halb unterdrückten Aufschrei fuhr Reinhold auf und stand dann wie in dem Boden festgewurzelt . In dem Momente , wo sie ihm das Gesicht voll zuwendete , erkannte er die Fremde , die Ella ’ s Züge trug und doch nicht Ella sein konnte . Betäubt , todtenbleich starrte er die Frau an , deren poetische Erscheinung er soeben noch bewundert und die doch Zug um Zug seiner so sehr mißachteten und schließlich verlassenen Gattin glich . Auch sie hatte ihn erkannt ; das bewies die tiefe Blässe , die auch ihr Antlitz überflog , bewies auch ihr jähes Zurückweichen . Sie faßte nach der Marmorbalustrade , wie um einen Halt zu suchen , aber jetzt hatte der Knabe sie erreicht , und seine Muschel mit beiden Händen emporhaltend , rief er triumphirend : „ Mama ! Liebe Mama , sieh nur , was ich gefunden habe ! “ Das riß Reinhold aus seiner Erstarrung . Betäubung , Schreck , Erstaunen , das Alles verschwand , als er die Stimme seines Kindes vernahm . Nur der Eingebung des Augenblickes folgend , stürzte er vorwärts und streckte die Arme aus , um den Knaben stürmisch an seine Brust zu reißen . „ Reinhold ! “ Almbach hielt betreten inne , aber der Name galt nicht ihm , sondern dem Knaben , der , dem Rufe augenblicklich gehorchend , zur Mutter eilte . Mit einer raschen Bewegung legte sie beide Arme um ihn , als wolle sie ihn schützen oder verbergen , und richtete sich dann empor . Noch war die Blässe nicht von ihrem Antlitze gewichen , und die Lippen bebten noch , aber die Stimme klang fest und energisch . „ Du darfst Fremde