ein Verkehr zwischen ihnen herangebildet , dessen Unbefangenheit hauptsächlich in der felsenfesten Ueberzeugung wurzelte , daß sie gar nichts für einander fühlten . Agnes hegte wirklich die ernstliche Absicht , den tief in Weltlichkeit und Unglauben versunkenen jungen Arzt für den Himmel zu retten , und sie wiederholte diese Versuche um so hartnäckiger , je vergeblicher sie sich erwiesen . Daß diese Seelenrettung auch für sie selber schließlich etwas bedenklich werden könne , fiel ihr gar nicht ein . Man hatte ihr jede Gefahr , die ihrem Herzen etwa von der Männerwelt drohen könne , unter dem Bilde der Schmeichelei , der Artigkeit und Liebenswürdigkeit dargestellt . Hätte sie etwas dergleichen entdeckt , sie würde sich erschreckt und eiligst zurückgezogen haben , aber Doctor Brunnow war und blieb rücksichtslos ; er konnte unter Umständen sogar recht grob werden , und einzig diesen vertrauenerweckenden Eigenschaften dankte er es , daß das junge Mädchen ihn für vollständig ungefährlich hielt . Was ihn selbst betraf , so war er durchaus nicht verliebt , wenigstens war die Entrüstung , womit er gegen eine solche Zumuthung protestirte , vollkommen aufrichtig gemeint . Sein Heirathsprogramm enthielt bekanntlich sehr viel nützliche Paragraphen , aber nichts von dem unpraktischen Idealismus der Liebe . Da Agnes Moser ’ s Persönlichkeit nun durchaus nicht diesem Programm entsprach , so konnte von einer Neigung natürlich gar nicht die Rede sein . Uebrigens hatte der junge Arzt entschiedenes Glück mit seinen Curen , denn auch Agnes hatte sich im Laufe der letzten Wochen außerordentlich erholt , jedenfalls nur in Folge der Gewissenhaftigkeit , mit der sie die ärztlichen Vorschriften befolgte . Auf ihren sonst so blassen Wangen zeigte sich eine leise Röthe ; das Auge war belebter , die Haltung kräftiger , und ihr Wesen hatte viel von seiner Schüchternheit verloren , wenigstens dem Doctor Brunnow gegenüber . Seine Gottlosigkeit und ihr Bekehrungseifer begegneten sich so oft und sie vertieften sich so häufig in dieses interessante Thema , daß sie nothgedrungen vertrauter mit einander werden mußten . Auch heute hatte die junge Dame ihren Begleiter wieder gehörig abgekanzelt , der letztere sah aber durchaus nicht zerknirscht aus ; seine Miene verrieth im Gegentheil das außerordentliche Behagen , das diese theologischen Streitigkeiten ihm gewährten . „ Jetzt aber , mein Fräulein , bitte ich um Ihre Aufmerksamkeit für ewige irdische Dinge , “ sagte er , eine Pause des Gespräches benutzend . „ Die Angelegenheit , die ich Ihnen mittheilen will , ist jedoch Geheimniß , und ich rechne auf Ihr unbedingtes Schweigen , gleichviel , ob Sie meine Bitte gewähren oder nicht . “ Das junge Mädchen machte große Augen bei dieser feierlichen Einleitung , verhieß aber zu schweigen und hörte gespannt zu . „ Sie kennen Fräulein Gabriele von Harder , “ fuhr Max fort , „ und auch mein Freund , der Assessor Winterfeld , ist Ihnen bekannt . Ich weiß aus seinem Munde , daß er bereits einmal das Vergnügen hatte , Sie in Ihrer Wohnung zu sehen . “ „ Ich erinnere mich ; er war bei meinem Vater . “ „ Nun wohl , Baroneß Harder und der Assessor lieben sich . “ „ Lieben sich ! “ wiederholte Agnes , mit einem Gemisch von Bestürzung und Verlegenheit . Sie schien den Gegenstand der Unterhaltung sehr unpassend zu finden . „ Ja , sie lieben sich ganz bedeutend , “ sagte Max mit Nachdruck . „ Der Vormund der jungen Dame aber , Freiherr von Raven , und die Baronin Harder widersetzen sich der beabsichtigten Verbindung , weil Georg Winterfeld seiner dereinstigen Gattin keinen Rang und Reichthum bieten kann . Was mich betrifft , so bin ich von Anfang an der Schutzengel dieser Liebe gewesen . “ „ Sie , Herr Doctor ? “ fragte das junge Mädchen , den Schutzengel mit sehr kritischen Blicken ansehend . „ Sie meinen wohl , daß ich nicht viel Engelhaftes an mir habe ? “ fragte Max nun seinerseits . „ Ich meine , daß es unter allen Umständen Sünde ist , sich gegen den Willen der Eltern zu lieben , “ lautete die ein wenig scharfe Antwort . „ Das verstehen Sie nicht , mein Fräulein , “ belehrte der junge Arzt . „ Danach wird bei der Liebe gar nicht gefragt , und hier ist das junge Paar vollends in seinem Rechte . Was soll man denn anfangen , wenn die Eltern und Vormünder aus bloßem Vorurtheil und äußeren Rücksichten zwei eng verbundene Herzen trennen ? “ „ Man soll gehorchen , “ erklärte Agnes mit einer Feierlichkeit , die ihr in diesem Augenblicke eine gewisse Aehnlichkeit mit ihrem Vater gab . „ Das sind ganz veraltete Ansichten , “ sagte Max ungeduldig . „ Im Gegentheil , man rebellirt und heirathet sich doch . “ Fräulein Agnes hatte seit den letzten Wochen offenbar schon bedeutende Fortschritte gemacht . Sie setzte den verwerflichen Ansichten des Doctor Brunnow durchaus kein resignirtes Schweigen mehr entgegen ; sie hatte es wirklich schon gelernt , ein ganz hübsches Trotzköpfchen aufzusetzen , und machte jetzt von dieser neuen Errungenschaft Gebrauch , als sie erwiderte : „ Das haben Sie gewiß dem Herrn Assessor angerathen . “ „ Keineswegs ! Ich habe im Gegentheil alle Hände voll zu thun , um ihn nur einigermaßen bei Vernunft zu erhalten . “ „ Genug , mein Freund verläßt R. schon in den nächsten Tagen , und man geht so weit , ihm sogar den Abschied von seiner Braut zu verweigern . Er will und muß sie aber noch einmal sehen , um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen . Fräulein Agnes – “ der Redende [ 310 ] machte hier eine äußerst wirkungsvolle Pause – es ist etwas Schönes , der Schutzengel einer reinen und wahren Liebe zu sein . Ich muß das wissen , ich habe es lange genug durchgemacht . “ „ Was meinen Sie denn eigentlich , Herr Doctor ? “ fragte das junge Mädchen , das jetzt Verdacht schöpfte und sehr eilig