was ich Dir heute gesagt . “ „ Niemandem , auch Herrn Heim nicht ? “ „ Um Alles in der Welt nicht . Sowie ich sehe , daß Du nicht schweigen kannst , werde ich Dich nichts lehren und Du magst so dumm bleiben wie die An ­ dern , die Dich verspotteten . “ „ Nein Onkel — ich will ja gewiß nichts aus ­ plaudern , gewiß nicht ! “ rief Ernestine erschrocken . „ Aber sage mir nur noch das Eine : gibt es denn auch wirklich keine Engel ? “ „ Engel ! “ lächelte der Oheim — „ wozu habe ich die ganze Zeit gesprochen , wenn Du mich das noch im Ernste fragen kannst ? “ „ So habe ich keinen Schutzengel ? ! “ sagte das Kind und eine Träne trat ihm in das Auge : „ ich habe meinen Schutzengel so lieb gehabt ! “ „ Mein Kind , “ erwiderte Leuthold , „ Dein Schutz ­ engel bist Du selbst . Deine große starke Seele wird Dich jede Gefahr bestehen lassen , besser als solch ein geflügelter dummer Junge es könnte . “ Ernestine schwieg . Sie selbst sollte sich beschützen aus eigener Kraft , aber sie fühlte sich so schwach und so zerknirscht — wie sollte sie bestehen , ohne eine höhere Macht zur Stütze zu haben ? Keinen Engel , keinen Vater , keine Mutter , nicht einmal ihre Geister mehr ! Sie kam sich vor , als stünde sie plötzlich allein ohne Halt , ohne Geländer auf einer schroffen Felsspitze und unter ihr gähne der Abgrund . Der Augenblick mußte kommen , wo sie der Schwindel hinabriß ! Da bot sich ihrer Seele der letzte Halt in der höch ­ sten Angst : Gott ! Er war ja Alles in Allem , Vater und Schutzgeist ! Er war die Liebe — er verließ sie nicht . Mochte Alles in den Staub sinken , woran sie geglaubt , er blieb ihr , an ihn wollte sie sich klammern mit verdoppelter Innigkeit . Sie schaute dem Oheim an , sollte sie aussprechen , was sie dachte ? Nein ! Vor Leuthold wollte sie den heiligen Namen nicht mehr nennen , sie wollte nicht noch einmal das Lächeln von heute Morgen sehen — sie scheute sich davor , ohne selbst zu wissen warum ? Da öffnete der Oheim die Lippen , es war der letzte Tropfen Gift , der noch in ihre Seele geträufelt werden sollte . „ Wir sind Alles , was , der moderne Glaube sich außer uns vorstellt in höchsteigener Per ­ son , “ begann er : „ Engel , Teufel , Gott “ — Ernestine zuckte zusammen — „ sie sind nur Sinnbilder unserer guten und schlechten Eigenschaften . Es ist eine gren ­ zenlose Selbstüberschätzung des Menschen , daß er das bischen Vernunft , welches ihn vor dem Tiere aus ­ zeichnet , für etwas hält , das die Natur gar nicht hervorzubringen vermöge , etwas Überirdisches , Unsterb ­ liches — Göttliches , und sich einbildet , es müsse eine besondere oberste Persönlichkeit irgendwo über dem Weltall thronen , die mit uns in direktem Zusammen ­ hang stehe und weiter nichts zu tun habe , als sich um unsere wichtigen persönlichen Angelegenheiten zu bekümmern ! — Dieser unser Gottesglaube mit all seiner scheinbaren Demut und Liebedienerei ist die üppigste Blüte , die Hochmut und Eitelkeit des Men ­ schengeschlechts getrieben haben und alle Gottesanbetung , mein Kind , ist im Grunde nur eine Selbst ­ anbetung . Die wahre Demut ist es , zu erkennen , daß wir keine Ausflüsse eines „ göttlichen Urgeistes , “ wie es die Theologen nennen , sondern lediglich das Meisterwerk der weise schaffenden Natur sind und daß wir für uns nichts Besseres beanspruchen können , als das Schicksal all der Millionen Wesen , die im Bau des Ganzen ihre Schuldigkeit tun ! “ — Ernestine war in die Kissen zurückgesunken , sie fühlte sich vernichtet : nun sollte sie auch keinen Gott mehr haben ! — — Der Oheim stand auf , denn von der Dorfkirche dröhnte dumpf und traurig der Schlag Zwei herüber . Es entging ihm nicht , welch furchtbaren Eindruck seine Worte auf Ernestine gemacht hatten . Er ergriff ihre Hand , sie entzog sie ihm . Er lächelte : „ Nicht wahr , es tut Dir weh , Dich von Allem loszusagen , was Dein Kinderglaube so treu umfaßt hielt ? Ich verstehe das . Aber Ernestine , Du bist zu bedeutend , als daß Dir der fromme Wahn auf die Dauer genügen könnte . Sei versichert , früher oder später hättest Du ihn doch abgestreift , wie die entwickelte Blume die Knospenhülle . Du warst krank und Deine Körperschwäche hält auch Deine Seele darnieder , wenn Du aber wie ­ der genesen und erstarkt bist , dann wirst Du ihn erst freudig empfinden den Stolz , ein Wesen mit freier Selbstbestimmung zu sein , — nicht abhängig von dem Willen und der oft sehr zweifelhaften Gerechtigkeit des phantastischen Herrn Zebaoth . In Dich selbst , mein Kind , versenke Dich , Du trägst Dein Schicksal in Dir . Glaube an Dich , in Deinem Selbstvertrauen müssen Deine Hoffnungen wurzeln ! — Ich lasse Dich jetzt ruhen und bin überzeugt , morgen — finde ich eine kleine Philosophin . “ — Der Oheim hatte längst das Zimmer verlassen und Rieke war leise , in der Meinung , Ernestine schlafe , im Nebengemach zu Bette gegangen , — aber Ernestine schlief immer noch nicht . Regungslos lag sie da , als seien ihr alle Glieder zerbrochen ! Erst als Rieke draußen das Licht löschte und nun kein Strahl mehr durch die geöffnete Tür hereinfiel , richtete sich das Kind auf und holte tief Atem in seiner Herzensangst . Es breitete die Arme in der Dunkelheit aus , als wollte es die entschwindenden Gestalten seines Glaubens zurückhalten — aber seine Arme blieben leer — es