geblieben – ich – weißt du noch , wie wir einmal in die Maiblumen gingen , Marie ? « Und als ich nickte , fügte sie hinzu : » Siehst du , das konnte ich doch nicht vergessen . « Dann wurde sie noch röter und sah zum Fenster hinaus . Ich wagte nicht mehr zu fragen , aber im Herzen bat ich ihr nochmals alles ab , was ich jemals gesagt hatte von Feigheit und Berechnung und vielem anderen . » Und deine Eltern ? « fragte ich dann und faßte ihre Hand . » Ich danke dir ! Ihre letzten Jahre waren sorgenloser ; ich hatte eine ganz gute Stellung in Berlin – als Gesellschafterin , und die Jungens schlugen gut ein . Aber nun sind sie tot , die lieben alten Leutchen – « » Und du ? « » Mir geht es gut . Ich habe ja – denke dir – ich habe von meiner Dame ein paar tausend Taler geerbt , ich kann sogar Reisen machen , wie du siehst , und ich wohne jetzt wieder in Steinhagen , in der Wohnung der Eltern . Du solltest mich einmal besuchen , Marie – im Frühjahr , zur Maiblumenzeit ! Dann gehen wir beide alten Erinnerungen nach . – Willst du ? Freilich , einfach ist ' s bei mir , grad ' noch wie damals . « Ich reichte ihr schweigend und gerührt die Hand hinüber , und um uns dufteten die Maiblumen und zauberten die Jugend zurück . 201 Hilgendorf . Einen Starrkopf hatte das hübsche Röschen immer gehabt , versicherte die Mutter : schon als Wickelkind setzte es seinen Willen durch , und es war ein doppelt schweres Unglück , daß der Herr Amtsrat bereits starb , als das kleine Ding noch im Kittelschürzchen umherlief . Die junge Witwe , die den Kopf so voll hatte , war dem bemerkenswerten Eigensinn des Töchterchens , ohne die väterliche Autorität , durchaus nicht gewachsen , es herrschte ein immerwährender Kriegszustand zwischen der jungen Mutter und dem winzigen Püppchen . Dann war da noch eine Tante , der reine Verderb des Kindes : sie bewohnte oben die zwei Giebelstuben des stattlichen Hauses . Eine stille , sanfte Person , die immer zum Guten redete , immer vermittelte und die Schuld trug , daß Röschen niemals die regelrecht verdienten Prügel voll ausbezahlt bekam , ohne welche nun einmal , nach Meinung der Frau Amtsrat , Kinder nicht groß werden . Immer fiel diese Tante der strafenden Mutter in die Arme und erinnerte sie an den Seligen , der gewiß nicht wollte , daß sein Einziges so hart gezüchtigt werde . Die resolute Frau Amtsrat haßte diese Tante geradezu , ohne daß äußerlich ein Grund dafür zu erkennen war . Sie hatte dieselbe einst in einem Anfall von Zorn » ein altes Hauchebild « genannt , es war damals , als um die schöne junge Witwe die Freier herumflatterten wie die Wespen um süße saftige Früchte . In keiner anderen Zeitperiode hatte Frau Amtsrat ihre sanfte Schwägerin so verabscheut . Das 204 alte Hauchebild bekommt mein Kind doch nicht , sagte sie sich innerlich zum Trost , und wenn ich darüber sterben sollte ! Wer kennt denn heute wohl noch ein » Hauchebild « , das wir von Anno dazumal in Gesangbüchern und Bibeln als ein Heiligtum verwahrten ? Ein kleines , kartengroßes , aus hellroter Gelatine bestehendes , durchsichtiges Blättchen war es , das mit goldgedrucktem , strahlendem Gottesauge und einer Taube oder einem Lamm und dazu passenden Bibelsprüchen geschmückt war . Hauchte man so ein Blättchen an oder legte es nur auf die warme Hand , so bog es sich zusammen wie eine Rolle . Mit solch einem Bild verglich nun die Frau Amtsrat ihres verstorbenen Mannes sanfte Schwester , obgleich dieselbe ihr kein Steinchen in den Weg legte . Und so unrecht hatte sie nicht , wenigstens nach einer Seite hin betrachtet . Sobald nämlich die Frau Amtsrat ihre blasse Schwägerin bei irgend einer Gelegenheit barsch anredete oder anhauchte , sank die zierliche Gestalt förmlich in sich zusammen und saß schweigend da in ihrem grünen Ruhesessel , der extra für sie in der tiefen Fensternische des Wohnzimmers stand , wenn sie nicht gar vorzog , » in ihr eigenes Revier hinaufzuwechseln « , wie ihr seliger Mann , der Oberförster Taube , derartige Rückzüge benannt hatte . Nun , ein Streit ist ja bekanntlich beendet , sobald der Gegner verschwindet . Und zum Streiten hätte es täglich kommen können zwischen den Schwägerinnen , immer lediglich über das Röschen , wenn Frau Oberförster nicht so friedfertig gewesen wäre . Das wilde Kind hing zärtlich an dieser Tante . Wenn irgendwo und wie etwas Mädchenhaftes in ihm zum Vorschein kam , dann war ' s oben in Tante Lottchens friedlichem Bereich : dort lernte es stillsitzen und sticken und stricken , und im Dämmern legte es den mit zwei prächtigen dunklen Zöpfen geschmückten Kopf in den Schoß der Tante und ließ sich erzählen von dem Vater , den es so wenig gekannt , und den Tante Lotte so lieb gehabt hatte . Das war besonders der Fall , wenn die Mutter eine Damengesellschaft besuchte . Seitdem nämlich Frau Amtsrat Wendenburg das stattliche Domänengut Hilgendorf hatte verlassen müssen , um hier in Neustadt an der Solau ein Leben der Untätigkeit zu führen , wie sie ihr 205 Dasein nannte , war in ihr eine Leidenschaft für Geselligkeit und besonders für Kaffees erwacht , und dies letztere hatte wiederum seinen eigenen Grund . Sie hoffte irgend etwas zu erfahren über Hilgendorf , ihr liebes prächtiges Hilgendorf , das ihr so sehr ans Herz gewachsen war , sie kam sich vor wie eine Königin im Exil . Die stille Hoffnung , daß der Oberamtmann Bartenstein mit seiner Familie einen Besuch bei ihr machen werde , wie sich dies für den Nachfolger ihres seligen Mannes doch geschickt haben würde , trog ; die Leute kümmerten sich um Neustadt an der Solau