vor Angst jeder Hunger fernblieb . Die Frau Gerichtsschreiberin und die Liesel standen mir treu bei und wachten auch nachts abwechselnd mit mir bei der Kranken . Aber mein Brief ! Ich hatte ihn einmal spät abends im Fluge zur Anne Marie getragen und stand wieder in der Krankenstube , ehe man mich vermißte . Auf das Schloß kam ich natürlich nicht . So vergingen lange Tage in steter Angst um das alte Herz , das zwischen Tod und Leben schwankte . Bald neigte es sich zur Besserung , bald schien jede Hoffnung geschwunden . Mein Vater hatte seine Ankunft wieder um vier Wochen hinausgeschoben . Endlich , nach langer Zeit schlief unsere Kranke zum ersten Male einen ruhigen Schlummer . Liesel hatte sich an mein Bett gesetzt , und wir sprachen flüsternd miteinander . » Gestern war auch Herr Leutnant v. Eberhardt wieder da « , sagte sie Ieise . Ich fuhr zusammen : » War er schon öfter da , seitdem ich fort bin ? « » Zweimal , Fräulein Gretel . Das erstemal , als Kathrin sich gerade am schlechtesten befand ! Gestern kam er ganz früh und ritt erst spät in der Nacht wieder fort . Er hat mit der Frau Gräfin gefrühstückt , und nachher sind sie spazierengeritten . « Ich dachte nach . Also deshalb keine Briefe ! Er hatte sicher geglaubt , mich dort zu finden . » Unsere Leute im Schloß sagen , das gibt noch einmal ein Brautpaar « , fuhr Liesel fort , ohne mich anzusehen . » Die gnädigste Gräfin lassen ja den Herrn Leutnant gar nicht aus den Augen . Sogar , als er in den Park trat , hing sie sich ein Tuch über und folgte ihm . Der Johann hat noch gehört , wie sie sagte : › Aber , Vetter , nun läßt du mich in dieser Langenweile da droben , wo man dem lieben Gott dankt , daß einmal jemand erscheint , mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann ! Willst du Luft schöpfen , so gib mir den Arm , ich gehe mit ! ‹ Und da ist sie mitgegangen , obgleich er ganz böse ausgesehen hat . Sie find auch zur Schloßgärtnerei gekommen , und da erzählte mir Anne Marie , der Herr Leutnant habe vor dem Gewächshause gesagt , die Frau Gräfin solle warten , er wolle ihr ein Veilchensträußchen herausholen . Aber sie habe ihn gar nicht losgelassen und habe lachend gemeint , mit Veilchen könne man sie aus der Welt jagen , die blauen , langweiligen Dinger seien ihr unbeschreiblich zuwider , sie liebe nur dunkelrote Rosen oder Granatblüten , und die werde man hier schwerlich haben . Denken Sie nur , Fräulein Gleichen , wie kann man Veilchen nicht leiden mögen ! Es ist aber einmal so mit der Frau Gräfin , sie ist anders wie andere Damen . Neulich , als ich zufällig in ihr Schlafzimmer trat , da Hab ' ich mich nicht schlecht erschrocken , da stand sie vor ihrem Toilettenspiegel und hatte ein wunderschönes , dunkelrotes Atlaskleid angezogen . Oh , diese Schleppe war so lang , und so prächtig sah das aus , und die Lichter blitzten aus den funkelnden Steinen , die sie in den schwarzen Haaren und um Hals und Arme trug , daß es mich beinahe blendete , und sie schaute lächelnd in den Spiegel und freute sich , daß sie so wunderschön aussah . Ich zog aber leise die Tür wieder zu ; es gab mir einen ordentlichen Stich ins Herz , daß man sich so aufputzen kann , wenn der Mann erst seit Weihnachten unter der Erde liegt . « Ich lag ganz still , mir brauste es vor den Ohren . Das war noch Ruth , dieselbe herzlose , kalte Kokette , die sie schon als Kind gewesen . Was sollte ich beginnen , wenn sie – ich wagte das Schreckliche nicht zu denken , » War der Herr Leutnant recht heiter ? « fragte ich . » Ach nein , Fräulein Gretchen . Er sah schon finster aus , als er kam , und noch finsterer , als er aus dem Zimmer der jungen Gräfin trat . Zwischen der Frau v. Bendeleben und der jungen Gnädigen war etwas nicht ganz richtig . Sie hatte das Frühstück auf ihr Zimmer bestellt , da kam gerade der Herr Leutnant an , und sie sagte zum Johann : » Ich lasse meinen Vetter zum Kaffee bitten , meine Eltern haben doch schon getrunken . Ich war gerade im Zimmer , als er kam . Da richtete sie sich etwas von ihrem Sessel auf und reichte ihm die Hand zum Kusse – na , die Augen , die sie machte – , ich glaubte , der Herr Leutnant müßte schmelzen . « » Genug , Liesel , hör auf ! Das mag ich nicht wissen ; erzähle mir lieber etwas anderes . « Mir krampfte sich das Herz zusammen bei diesen Nachrichten . » Ich wollte ja nur erzählen , was der Herr Leutnant sagte , als sie ihm eine Tasse Kaffee selbst zurechtgemacht hatte « , begann Liesel wieder . » Er sah sie finster an und sagte – « » Kathrin regt sich , Liesel . Bitte , sieh nach , es interessiert mich wirklich nicht . « Liesel kam wieder : » Sie schläft – aber neugierig bin ich doch , was noch daraus werden wird . « Ich schloß die Augen und tat , als ob ich schliefe . In meiner Brust kämpften die verschiedenartigsten Empfindungen . Bald führte mir die Eifersucht die erschreckendsten Bilder vor , bald war der Verstand bei der Hand und sagte : Urteile nicht ungerecht und vorschnell . Eine Angst vor diesem schönen , koketten Weibe überkam mich , daß ich meinen Kopf tief in die Kissen begrub , als wollte ich nichts hören und sehen . Die ganze Nacht quälte ich mich mit den schrecklichsten Bildern , erst das