Dauer seiner Abwesenheit bei Jordans zu lassen . Lenore öffnete ihm die Tür , und er trat ins Zimmer . Gertrud erhob sich von ihrem Platz am Tisch und schritt ihm entgegen . Ihr Gesicht zeigte stets , wenn sie ihn sah , dieselbe Hingabe , dieselbe Bereitschaft , dieselbe Unterwürfigkeit . Daniel ging zum Tisch , packte die Maske aus dem Zeitungspapier und hielt sie gegen das Lampenlicht . » Wie schön ! « rief Gertrud aus , deren Sinn jetzt durch den Anblick jedes das Gefühl ergreifenden Gegenstandes entzückt wurde . » Also nimm es nur , Gertrud , « sagte Lenore , die mit ihren beiden Ellbogen auf der Tischplatte lehnte . » Behalt es nur bei dir , « fuhr sie gepreßt fort , als Gertrud fragend Daniel ansah . » Aber wollt ' er ' s nicht uns beiden geben ? « versetzte Gertrud mit begehrlichem Lächeln . » Ach nein , um mich wollt er sich nur herumreden , « versicherte Lenore . » Lenore , ich weiß nicht , wie mir ' s mit dir geht , « wandte sich Daniel halb verwirrt , halb ungestüm zu ihr und stockte plötzlich , als die feurige Bläue ihrer Augen voll auf ihn fiel . » Du ? « flüsterte sie erstaunt , » du ? « » Ja , du ! « wiederholte er nachdrücklich . » Später darf ich ' s ja vor aller Welt sagen , und heute klingt ' s doppelt wahr . Du bist mir wie eine Schwester . « Er hatte die Maske weggelegt und reichte Lenore die linke Hand , dann , erst zaudernd , hierauf mit sehr entschlossener Gebärde Gertrud die rechte . Lenore richtete sich gerade , nahm die Maske der Zingarella und hielt sie vor ihr Gesicht . » Brüderlein ! « rief sie neckend , und das süße , fahle Steingesicht war wunderlich anzuschauen über dem Körper , der von Leben zuckte . Und Gertrud , eine Sekunde lang verging sie in Daniels Blick , ein Seufzer , tief wie das Meer , klang in ihrer Brust , dann lag sie in seinem Arm . Er küßte sie stumm , mit finster verzogener Stirn . » Brüderlein ! « tönte es hinter der Maske , doch nicht mehr neckend , eher wie Klage und Weh , » Brüderlein . « 4 Daniel hatte längst schon die Stadt verlassen , da begegnete Lenore am Gräslein Herrn Carovius . Er zwang sie , stehenzubleiben , benahm sich möglichst vertraulich , sprach so laut , daß die Vorübergehenden grinsten , und erkundigte sich nach dem jungen Meister , womit Daniel gemeint war . Schließlich erzählte er , daß der » gute Eberhard « , wie er den Freiherrn von Auffenberg nannte , für ein paar Monate nach München gereist und dort unter allerlei Spiritisten- und Theosophenvolk geraten sei . » Ist auch eine Manier , sich auszutoben , « feixte er . » Vor Zeiten sind die jungen Adligen auf die europäische Turnee gezogen , um ihre Bildung zu vollenden und allerlei Abenteuerchen zu bestehen . Heutzutage werden sie Federfuchser oder betreiben das Tischrücken . Die Menschheit kommt immermehr herunter , mein reizendes Fräuleinchen ; es ist kein erhebender Anblick , so eine Blüte der Nation aus der Nähe zu betrachten . Faul , sag ich Ihnen , faul wie überwintertes Obst . Drum gibt es kein größeres Vergnügen , als solch einen Burschen tanzen zu lassen . Man spielt auf , er tanzt ; man pfeift , er apportiert . Ein Hochgenuß ! « Er lachte hysterisch und bekam einen Hustenanfall , wobei sich das von seinem Zwicker herabhängende schwarze Schnürchen an einem Knopf seines Mantels verwickelte und der Zwicker von der Nase fiel . Kurzsichtig ungeschickt mühte er sich mit seinen mageren Fingerchen an Schnur und Knopf , da half ihm Lenore und brachte mit einem Handgriff alles wieder in Ordnung . Die Überraschung raubte Herrn Carovius die Sprache . Er glaubte der Unbefangenheit und Natürlichkeit des Mädchens nicht ; er vermutete eine Falle dahinter , einen Hohn , eine Verderbnis . Er glaubte es nicht , daß irgendein Mensch ihm aus freiem Willen in einer Bedrängnis beistehen könnte . Und plötzlich schämte er sich ; schämte sich seiner selbst ; zog die Brauen weit in die Höhe und lächelte einfältig ; warf einen Blick von beinahe hündischer Zärtlichkeit auf Lenore und eilte ohne Wort und Gruß spornstreichs über die Straße , um alsbald hinter einer Ecke zu verschwinden . 5 An einem Nachmittag in der letzten Augustwoche schickten die Schwestern Rüdiger ihren Gärtnerburschen zu Lenore und ließen sie bitten , sie möge so schnell wie möglich zu ihnen kommen . In der Meinung , es sei Daniel ein Unglück zugestoßen , von dem man die Damen in Kenntnis gesetzt , überlegte Lenore nicht lange . Eine Viertelstunde später trat sie in das Zimmer der Schwestern . Es bot sich ihr ein mitleidswürdiger Anblick . Jede der drei Schwestern saß in einem Stuhl mit hoher Rückenlehne ; die Arme einer jeden hingen schlaff herab ; da die Jalousien niedergelassen waren , sahen die Köpfe im Dämmerlicht mumienhaft aus . Seltsam wirkten dazu die Medea , die Iphigenie und die Römerin , Nachbildungen der Gemälde ihres Abgotts , die an den Wänden hingen . Lenores Gruß wurde nicht beantwortet ; sie wagte nicht , sich von der Tür zu entfernen , und das Schweigen , das sie empfing , endete erst , als sie sich zu einer Frage entschloß . Fräulein Jasmine zog ein Taschentüchlein hervor und betupfte damit ihre Augen . Fräulein Salome blickte im Kreis herum wie auf dem Theater der Vorsitzende eines Femgerichts , und sprach : » Wir Einsamen und von der Welt Vergessenen haben Sie gerufen , um Sie von einer Schandtat zu unterrichten , die in unserem unschuldigen Heim begangen worden ist , einer Schandtat , so beispiellos , so himmelschreiend , daß wir seit heute morgen , wo wir