mich so ein Rückschlag umwürfe ? Ein Zwischenspiel , das aufhält - jawohl . - Mehr aber nicht . « Das war im Amsterschen Hause . Dort suchte Allert seine Mutter ; vorher zu ihr in die Pension zu kommen , war ihm unmöglich gewesen ; bis zum Mittag konnte er nicht warten , er durfte es nicht darauf ankommen lassen , daß ein Zufall oder eine Zeitung ihr die erste Nachricht gäbe . Lurch , der ihn ja nun als den Sohn der hier täglich anwesenden und von seiner Herrschaft sehr geehrten und geliebten Malerin kannte , ließ ihn sogleich in das erste der großen Zimmer , wo er vor vier Wochen Marieluis als Tochter dieses Hauses erkannt hatte . Droben im improvisierten Atelier malte seine Mutter jetzt die beiden Haimbrugkschen Knaben , und in Gegenwart dieser Kinder , in Gegenwart von vielleicht deren Erzieherin und Atelierbesuchern mochte Allert seine ernste Neuigkeit nicht mitteilen . Er ließ seine Mutter herunterbitten . Als er das Zimmer betrat , erschrak er . Vor acht Tagen , als er zum Sonntagsessen hier mit seiner Mutter zuletzt gewesen war , stand das Bild noch nicht hier . - Er hatte es noch nie gesehen - nun war es hier aufgestellt , ehe es , dem Wunsche der Senatorin gemäß , zur Empfehlung der Malerin bei Commeter ausgestellt wurde . - Daß es ein wirklich bedeutendes Kunstwerk sei , erkannte und bedachte er in diesen Minuten nicht . Das war sie ganz ! Dies schöne , gereifte Wesen , ernst und klug und kühl und beherrscht - mit dem reizvollen Mund , in dessen Winkeln mehr Heiterkeit und Temperament sich versteckten , als man in Sprache , Blick und Geste je erriet . Das blaßbläuliche Gewand trug sie auf dem Bild , und die dunklen Veilchensträuße in kraftvoll lila Tönen wirkten höchst malerisch . - Und wie das duftige Haar ihn entzückte - man hätte mit den Händen hineinfahren mögen . - Ach , und diese Schultern und Arme . - Vollkommen ! dachte er . Und dachte es zornig - erbittert . Dann kam die Mutter . Und nach dem ersten großen Schreck , den ersten Tränen und seinen gefaßten Worten rief sie nach Lurch . Ja , man mußte doch die Senatorin wissen lassen ... Sie war gerade im Atelier gewesen . - Vielleicht hatte sie es sogar schon gewußt und beherrscht geschwiegen . - Jetzt meinte Sophie es durchaus : » Ja , unbefangen war sie nicht . « - Und als Lurch meldete : » Herr von Hellbingsdorf wünschen seine Frau Mutter dringlich zu sprechen , « da hatte sie gesagt : » Gehen Sie nur rasch . « - Es sah wohl der Senatorin ähnlich , ihr Wissen zu verbergen , um dem Sohn nichts vorwegzunehmen . - Das nackte Wissen ohne Kenntnis der näheren Umstände ist oft noch viel grausamer als die genaue Wahrheit . - Und es zeigte sich , daß die kluge Frau wirklich durch eine Telefonnachricht ihres Gatten vom Brande der Hellbingsdorfschen Farbwerke unterrichtet worden war - schon um halb zehn . - Aber sie war der Ansicht : » Nicht mir kommt es zu , die kahle Tatsache einem erregbaren Mutterherzen mitzuteilen . « Jetzt aber , da sie mit ihrer Tochter erschien , nahm sie die ihr gemäße Haltung an . Sie beherrschte mit Fragen , Mitteilungen , Ansichten das Gespräch . Es war Sophie lieb . Sie fühlte sich vom Schreck geschlagen , litt um ihren armen , lieben Jungen und bewunderte ihn auch zugleich . - Und dies Bewundernkönnen tat ihr wohl wie der beste Trost . Frau Amster erzählte zunächst , was ihr der Senator kurz telefoniert habe , und begründete ihr Verschweigen der Unheilsnachricht als logisch und gerecht . Auf diesen beiden Leitworten ihres Lebens ruhte sie ein wenig aus , voll Gefallen an sich und ihrer Freiheit von dem gewöhnlichen , weibischen Mitteilungsdrang . Dann aber wollte sie alles wissen . Und Allert erzählte . Und der Schluß seiner Erzählung lautete : » Es war so tötend - so unnütz - dazustehen - zu warten , bis endlich diese schreckliche , hochsteigende Flamme in sich zusammenfiel - nochmals stieg und sank , bis das Ganze nur ein wüster Haufen schien , aus dem zuweilen Flammen zuckten . - Und bis endlich alles schwarz war - diese trostlose nasse Schwärze , ja - die hatte was wie vom Grab . - Der Himmel wurde grau - die Menschen verloren sich - andere kamen - die Stockung in den Straßen hörte auf . - Ich hatte eigentlich gar keinen Gedanken mehr , als ganz blöde und dumm : jetzt ist der Himmel schon grau . - Und mich fror - Dorne war schon längst nach Hause gefahren . Ich hätte auch gehen sollen . Aber das war wie ' ne fixe Idee - ich mußte durchaus aufpassen , wie der Himmel langsam hell wurde . Endlich sagte der Brandmeister was zu mir - daß man erst nach einigen Stunden würde nachsehen können , ob der Geldschrank standgehalten habe - Geld ist ja natürlich nicht viel drin . - Das gibt ' s heutzutage nicht mehr - aber die Bücher . - Da kam ich denn ein wenig zu mir selbst und fühlte mich zerschlagen . - Du fielst mir ein , Mutter , und die zahllosen Tassen Tee , mit denen Du Dich lebendig machst , wenn Dich was umgeworfen hat . - Na - ich ging in meine Wohnung , und nach dem vielen starken Tee ward mir famos zumute - ganz kühn sozusagen . - Nun erst recht ! fühlt ich so ungefähr . Man sollte Ereignisse niemals vor dem Frühstück beurteilen . Und ich beschäftige mich mit der Frage : Sollte Mut keine Charaktersache sein ? Sollte er latent in Tee- und Kaffeekannen stecken ? Wie Teein und Koffein ? Das muß Dorne mal untersuchen ! « Die Senatorin lächelte wohlgefällig . Sie selbst war eine gänzlich