schienen , daß jetzt die Stunde gekommen , wo sie mit dem Leben zahlen sollten , für eigene oder fremde Schuld und Verblendung . - Bei dem Klang erwachte das Entsetzen , schlüpfte tausendfältig aus allen dunklen Winkeln hervor , kroch , riesengroß werdend , die Rücken empor , umkrallte starke Herzen mit stärkerem Griffe , preßte sie zusammen , daß der Atem nur noch keuchend ging . Auch Tschun hörte die Klänge die ganze Nacht und dachte , daß es Unheimlicheres nicht geben könne , als all die Vorstellungen , die sie heraufbeschworen . Aber dann war , was die nächsten Tage brachten , doch noch ungeheuerlicher als die Visionen , die die Angst in der Finsternis gemalt . Die Ermordung des japanischen Kanzlisten hatte unter den Aufrührern wilden Jubel entfesselt . Der Kopf des Unglücklichen wurde , auf eine Pike gespießt , von den johlenden Horden durch die Straßen getragen , während sein Herz , aus dem Leichnam geschnitten , dem General Tung fu hsiang von seinen Soldaten stolz dargebracht worden war . » Er habe sich über diese erste Trophäe im heiligen Krieg gegen die Fremden sehr gefreut , « hatte Sin schen vernommen . - Wer aber , neben dem Miterleben der wirklichen Geschehnisse , etwa noch Zeit und Sinn für ihre offizielle journalistische Darstellung behielt , der konnte in der ehrwürdigen » Pekinger Zeitung « lesen , daß es nur die zufällige Tat einiger Räuber gewesen , der dieser Fremde zum Opfer gefallen . Doch schon dürstete die Menge nach neuem Blut . Und plötzlich loderten die ersten großen Feuer auf . Allerwärts mehrten sie sich . Allerwärts sprühten Funkengarben , stiegen glühende Säulen empor . Und so dicht quoll der Rauch , daß der Himmel verschwunden schien in dieser Hölle . Nur wenige Tage und sämtliche Gebäude der Fremden , die sich nicht in dem von den Gesandtschaftswachen besetzten Gebiet befanden , standen in Flammen . Denn hier vor den Boxern da waren sie alle gleich . Gleich auch die Missionshäuser und Kirchen der verschiedenen Arten von Christentum , in dem Schicksal , das ihnen bereitet wurde . Teuflische Scharen jagten heran , Säbel und Fackeln schwingend ; brüllend in wildem Tanz , mit seltsam rhythmischen Sprüngen und Kontorsionen , gossen sie Petroleum kannenweise auf alles in der langen Dürre vertrocknete Holzwerk der Gebäude , entzündeten es unter Anrufung von Geistern und Göttern . Aber während die protestantischen Missionare mit ihren Familien und Schülern sich meist rechtzeitig in ihre Gesandtschaften hatten retten können , waren die katholischen Priester und Nonnen mit ihren Konvertiten in den Klöstern geblieben . Dort fanden manche ihr Ende . Den Anfang bildete des heiligen Josephs Kirche , der Tungtang , wo , ehe es möglich gewesen , ihnen zu Hilfe zu eilen , Hunderte von chinesischen Christinnen gefoltert starben , während der Pater über einem Scheiterhaufen gekreuzigt wurde . Dann folgte die entlegene Kirche der sieben Schmerzen , Sitang benannt . Und gleichzeitig ward auch schon der Nantang angegriffen . Das war die älteste Kathedrale Pekings . Dort hatte vor über zweihundert Jahren der gelehrte Jesuitenpater Adam Schall aus Köln gelebt , so hochgeschätzt von Schun-tschi , dem ersten Kaiser der gegenwärtigen Dynastie , daß dieser ihn zu seinem Hofastronomen ernannt , ihm allezeit Zutritt zu sich gewährt und seine deutschen Ahnen noch im Jenseits mit posthumen chinesischen Ehren bedacht hatte . Und auch Pater Verbiest , der Verfertiger der Instrumente des Observatoriums , hatte dann dort unter Kaiser Khang schi gewirkt und diesen berühmten Herrscher , durch den Guß von Kanonen , die er mit Heiligenbildern geschmückt , so sehr für sich eingenommen , daß dieser seinen Zobelpelz von den kaiserlichen Schultern gestreift und ihn dem Priester umgehängt hatte . - Doch was nutzten die Ehrenbezeigungen , die jene unter früheren Herrschern erfahren ! Der Nantang und seine Bewohner sollten darum von den heutigen Machthabern nicht weniger leiden ! - Unter den Führern , die vom Chun tschi-Tor aus den Angriff leiteten , wollte ja Sin schen , der in dieser Gegend wohnte , Kang yi und den Herzog Lan erkannt haben . Sie selbst hätten die Boxer angeeifert und ihnen gezeigt , wo die Feuer anzulegen . Rauch und Geruch des verbrennenden Fleisches der Teufel zweiten Grades seien indessen so widerlich geworden , daß sie sich die Nasen hätten zuhalten müssen . Von einem Flügel beim südlichen Teich der Kaiserstadt habe währenddem Tzü Hsi mit Li lien ying dem furchtbaren Schauspiel zugeschaut . Tschun konnte sich die Gewaltige dabei wohl vorstellen ! Von den nahen Gesandtschaften aus war dann aber ein Hilfezug zum Nantang unternommen worden , und wenn zwar die Kirche bereits in Trümmern lag und sogar der alte Kirchhof zerstört und geschändet worden , so war es doch gelungen , die Priester , Nonnen und einige der eingeborenen Christen noch zu retten . - Nach diesen Geschehnissen war vorauszusehen , daß die Boxer , die im Sitang ihr Werk beendet und im Nantang an seiner gänzlichen Vollendung gehindert worden waren , sich jetzt nach einem neuen Tätigkeitsfeld umschauen würden . - Zwischen jenen beiden Kirchen aber lag das Gebiet , wo sich , als letzte noch unversehrte Kirche , der Petang erhob . Dort herum wohnten auch viele einheimische Christen . - Dies Viertel sollte das nächste Ziel sein . Tschun befand sich mit seiner in den letzten Tagen besonders kränkelnden Mutter in ihrem Häuschen , als er plötzlich ein noch aus der Ferne tönendes , aber näher und näher kommendes Lärmen vernahm . Ein Brüllen , wie von tausend wilden Tieren war es , und vor ihm her und schon in größerer Nähe ein Kreischen anderer Stimmen in höchster Angst . - Entsetzt stürzte er an die Haustür und spähte hinaus in die Straße . Da jagten auch schon Fliehende an ihm vorbei ; Männer und Frauen , die Kinder nach sich zerrten , oder Kleiderbündel und Einrichtungsstücke keuchend schleppten , alles offenbar in wilder Hast aufgelesen , ohne Ueberlegung , wie es ihnen