Mühsam atmend hob Runotter das Gesicht . » Geht nit die Nacht schon dem Morgen zu ? « » Ich weiß nit , Vater ! « Er sah sie an . Lange schwieg er . Dann sagte er langsam : » Geh , Kind , und such deine Ruh ! Für dich ist morgen auch wieder ein Tag . « » Laß mich bleiben ! « » Wär das erstemal , daß du deinem Vater nit recht geben tätst . « Jula stand auf . Und Runotter sagte : » Schau , Tod ist Tod , und Leben muß Leben sein . Und mir ist wohler , wenn ich weiß , daß du ein lützel Ruh hast . « Sie nickte . Lange blieb sie neben der sternigen Wacholderflamme stehen und sah auf die Erde hin . Dann ging sie zum Tisch - und kam zurück - und mit einer plumpen Schere schnitt sie an den Schultern ihre beiden Zöpfe ab . Sie beugte sich nieder und legte das schöne Haar wie eine Opfergabe auf die Füße des Bruders . Runotter hatte wehrend die Hand gestreckt . Er ließ sie fallen und schwieg . Während Jula sich aufrichtete , bekreuzte sie Gesicht und Brust . » Morgen , Vater ! « Sie ging zur Türe . Malimmes stand schon im Hausflur . Als Jula kam , machte er ein Schweigzeichen , faßte sie bei der Hand und zog sie hinaus in die Nacht und gegen den Wiesgarten hin . Die alten Ulmen , die das Haus dach überwölbten , rauschten leise im lauen Wind . Von den Gartenblumen war ein zarter Wohlgeruch in der Nacht , der sich mischte mit dem herben Wacholderduft an Julas Kleidern . Ketten rasselten in den Ställen , und zwei Kühe fingen zu brüllen an . Hatten sie den Schritt der Hirtin vernommen und erkannt ? Oder brüllten sie nur , weil sie müde waren und ziehende Euter hatten ? In der schwarzen Dunkelheit , in der die matt erleuchteten Fenster wie verweinte Augen hingen , lauschte und spähte Malimmes nach allen Seiten , während er noch immer Julas Handgelenk umklammert hielt . Sie fragte : » Mensch , was tust du ? « » Meinen Dienst als guter Knecht , der seinen Herren aus dem Elend lupfen will . « Sie fragte in der Verstörtheit ihres Schmerzes : » Kannst du lebig machen , was tot ist ? « » Das nit . « Malimmes sprach leise und ruhig . » Aber man kann beim Leben halten , was noch schnauft . Hinter dem Tod ist die Seligkeit . Aber was vor dem Sterben noch im irdischen Gärtl steht , ist auch nit schlecht . Ich sag : Der Herrgott soll dem toten Buben meines Herren gnädig sein , aber meinem Herren und seinem schnaufenden Kind soll er Gut im Leben erweisen . Gott ist allmächtig . Aber der Mensch muß mithelfen . Sonst mag der Herrgott nit . Am liebsten hilft Gott dem Stärksten . Drum hab ich ein lützel fürgesorgt - « Mit erstickten Lauten unterbrach ihn Jula : » Seit dem Abend hast du heimlich getrieben , ich weiß nit was . Der Vater hat nit sehen und hören können . Ich hab geschwiegen . Weil alles andre minder ist als meines Vaters Weh . Aber dir muß ich sagen - « Sie verstummte . » Sag ' s « » Du hast meines Vaters Wehr und Eisen heimlich vertragen . Ich muß mich sorgen , ob du ehrlich bist ? « Sie hörte einen Laut , der wie ein Kichern war und befreite in Zorn ihre Hand . » Mußt nit harb sein , Haustochter ! « Seine Stimme bekam einen Klang von zarter Herzlichkeit . » Ich bin halt so , daß ich allweis ein lützel lachen muß , wo ein Wehleidiger heulen möcht . Ich glaub , wenn ich sterb einmal , das wird ein Stündl wie die letzte Narretei in der Fasnacht . Aber wahr ist ' s , ich hab deines Vaters Wehr vertragen . Noch schlechter ! Ich hab deines Vaters Mägd verjagt , die dummen Gans , hab deines Vaters Mannsleut fortgeschickt , hab deines Vaters Gaul verschleppt , bin ein Spitzbub worden und hab deines Vaters schweren Sparbinkel heimlich aus dem Bodenloch gehoben , das ich ausgekundet hab . Dir sag ich ' s. Hätt ' s dein Vater gemerkt , so tat er ' s machen , wie die Herren im Gaden und tät mich des Unrechts zeihen , derweil ich recht tu . « » Mensch ? « » Erst laß mich alles sagen . Ein halbes Stündl ist noch Zeit - « » Zeit ? « » Bis die Raubleut kommen . Hast du die Reiter , die zum Schwarzenbach sausen , nit traben hören ? « » Der Vater hat ' s nit gemerkt . « » Die andern , die füßlings kommen , wird er merken . Mußt nit erschrecken ! Solche Händel hab ich schon viel erlebt , bald als Prügel und bald als Buckel . Die Herren kenn ich . Die Knecht noch besser . Und schau - Aber magst dich nit niederhocken ein lützel ? So viel zittern tust ! « » Ich steh . Red zu ! « » So schau ! Da drunten auf der Straß , wo der Seppi Ruechsam gelegen ist , da hab ich deinem Vater recht gegeben . Treu ist ein feines Ding . Aber die Herren haben jetzt nit die Augen dafür . Die andächtigen Ramsauer und ihr flinker Pfarrherr haben deines Vaters sauberen Boden vermistet . Und am Abend hab ich deinem Vater sagen müssen : Bauer , fort mußt ! Er hat den harten Kopf geschüttelt : Ich bleib und tu meinen Buben in geweihten Boden , und morgen geh ich zum Fürsten und hol mein Recht . « » So muß der Vater tun . « » Aber der Pfarrherr ist davongelaufen . Und beichtet