Dinge zuviel sieht . Er hat nicht eine Ader vom Historiker und ein Paar Eimer Blutes zuviel vom Poeten . Es ist lächerlich , was sich die Leute für Mühe geben hinter das prinzliche Inkognito zu kommen , selbst der Graf verleugnet seinen antizipierenden historischen Charakter und interessiert sich sehr dafür . William ist offenbar in der peinlichsten Verlegenheit , ob er seine frühere fanatisch-sittenrichterliche Rolle dem Kleinen gegenüber mildern oder aufgeben soll , es freut mich aber an ihm , er scheint doch soviel Stolz zu besitzen , daß er sich nicht ganz dazu entschließen kann . Er knurrt und grollt wie ein Kettenhund , der aufgehört hat zu bellen . Fips ist sehr respektvoll gegen den Kleinen , und Konstantie betrachtet ihn so oft lächelnd , so ahnungsreich , sarkastisch und doch komisch gutmütig lächelnd , als sähe sie tief durch ein Gewebe - sie ist ein kluges Weib ; Gott weiß , was sie hat , ich bin zu wenig neugierig , um mich darum zu kümmern . Wäre die Sache aber wichtiger , als sie ' s ist , so könnte sich das Tragische ereignen , daß die in Frage stehende Person über das eigene Ich keine zuverlässige Auskunft geben könnte ; denn ich bin fest überzeugt , Dichtung und Wahrheit ist in Leopold über seinen Prinzen bereits so ineinander geflossen , daß er am wenigsten entscheiden könnte , ob er ein Prinz sei oder nicht . Die Fürstin hat irgend etwas vor , will irgend eine Komödie aufführen ; sie lacht den William aus und protegiert ihn offenbar , und hat ihn ernsthaft auf ihr Schloß eingeladen ; sie lächelt spitzbübisch über Leopold und will ihn ebenfalls mitnehmen ; sie achtet und scheut Valerius , und möchte ihn offenbar auch von der Partie haben . Ich glaube , sie fürchtet am meisten darum für sein Leben . Es ist ein schwer zu ergründendes Weib . An William will sie sich wahrscheinlich einen gläubigen , verehrungslustigen Lamartine erziehen , der sie in Oden und Liedern preist ; daß er ein bedeutendes poetisches Talent ist , hat ihr richtiger Takt längst herausgefunden . Und allerdings ist er der einzige , der sich etwa noch zum Hofsänger qualifizierte . Sie behandelt ihn wegwerfend , und doch umstrickt sie ihn mit Aufmerksamkeit , während sie Leopold wie ein Kind behandelt , das man verhätschelt . Ob alles dies , vor allem aber ihre innige Teilnahme , die sie dem Valer an den Tag legt , Oppositionsgeist gegen mich ist , ich weiß es nicht ; die Frau weiß die Anfangsfäden so schlau zu verbergen , ist bizarr und affektiert Bizarrerien , so daß man schwer zur richtigen Anschauung kommt . Du merkst es wohl , daß ich aus Verzweiflung schwatze - umsonst hab ' ich Julia gesucht , sie entzieht sich mir geflissentlich . Ich werde Schicksalstragödien lesen , denn ich glaube fast , das Schicksal der Liebe und des Weibes will sich rächen an mir durch dieses schöne Mädchen . Sie ist die erste , der ich meine Liebe nachtrage wie ein Bettler dem hartherzigen Wanderer seine Bitte - und sie ist ' s gerade , die mich verschmäht . Ist mein Leben verdorrt , mein Blut vertrocknet , mein Geist versumpft ? Wo liegt jenes Etwas , jener unerklärliche Hauch der Sympathie , der das verbindende Mittel ist zwischen den verschiedenartigsten Wesen , der sie zusammenzieht ? Wo ist jene Elfenbrücke , wo sich des Mannes und Weibes Gedanken im Mondschein finden und miteinander buhlen , eh ' Mann und Weib die klare Vorstellung davon haben , und die dann zurückhüpfen in die Tiefen der Herzen , ihre nächtlichen Geschichten erzählen und die Liebe stiften wie ein Gedicht ? O ihr Elfenpoeten Julias und Hippolyts , wo seid ihr ! Sieh , es ist so weit mit mir gekommen , daß ich klarer , sonnenheller Mensch dem Mondscheingeheimnis der sentimentalen Liebe nachspüre , daß ich ein blasser Romantiker werde ; wo ich früher nichts als das offene Walten der besten Kräfte sah , die sich nach Naturgesetzen anziehen , da such ' ich jetzt mysteriöse Sympathie . Es ist weit mit mir gekommen . Ich bin wie ein überschwenglicher Mediziner ; wenn seine Therapie nicht mehr ausreicht , da flüchtet er zu den sympathetischen Beschwörungsformeln . Weißt Du keine für meine Julia ? O daß wir keinen Teufel mehr haben , dem ich mich verschreiben könnte für das liebreizende Mädchen ! - - Und doch muß ich über die lächerliche Szene , die sich neben mir begibt , lachen . Valerius hat den Provenzalen an den Schreibtisch zitiert , um ihm einen Brief an Dich zu diktieren ; Leopold zappelt wie ein Böcklein , und möchte gar zu gern fort , aber Valers Auge und Wort fesselt ihn , er ist wie eine am Magnet hin und her rückende Stecknadel , die gern entweichen möchte , er sieht pudelnärrisch aus . 28. Valerius an Konstantin . Meine Kräfte sind in diesem Augenblick zu geschwächt , als daß ich Deinen Brief sorgfältig einzeln und umfassend beantworten könnte . Es ist ein trüber Nebeltag , den Du mir geschickt , Freund . Jeder gewissenhafte Mensch zweifelt zuweilen an den Wahrheiten , die sein Leben leiten und zusammenhalten . Du bist in einer bedenklichen Krisis , und ich fürchte , die Jugend Deines Geistes und Herzens geht darin zugrunde ; ich fürchte , Du wirst in kurzem ein alter Mann sein , die Jugend irrt allerdings mehr als das Alter , aber sie ist Poesie und Leben ; ein grüner Irrtum ist schöner als ein vertrocknetes richtiges Wort . Jeder große Mann bringt Tausenden Tod , um Millionen Leben zu bereiten ; der Haufen Toter , den der Kampf einer neuen Zeit um Euch aufhäuft , verengt Euch die Aussicht , Ihr seht nur den blutigen Tag , nicht das goldene Jahrhundert . Wenn uns die Jugend verläßt , so meinen wir , die Zeit müsse ebenfalls vollendet sein ;