Gegenwart eines vornehmen Herrn leise spricht . In stolzer Zugeschlossenheit thronte der Bau abseits vom Getriebe , und wer Einlaß heischte , mußte sich von einem langbärtigen Pförtner besichtigen und befragen lassen . Die Mauern waren so gewaltig in die Erde gebohrt , Fassade , Dach und Giebel so majestätisch gefügt und verwachsen , als hätten altverbriefte Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem Ansehen verholfen . Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge gern am Abend , wenn die feinverschnörkelten Formen , durchglüht von bläulichem Dunst , sich ineinanderwirkend zu beleben schienen . Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen Scheitel über einem pergamentenen Gesicht . Es war die alte Freifrau , die sich sonst ihm niemals zeigte . Man sagte ihm , daß sie von schwacher Gesundheit sei und ängstlich das Zimmer hüte . Dies Fremdsein Wand an Wand erregte sein Nachdenken . Allmählich wurde es ihm klar , daß er unter lauter fremden Menschen herumging und von der Mitleidsschüssel speiste . Einer nahm ihn und nährte ihn ; da kam ein Wagen , und er wurde geholt . Ein andres Haus ; eines Tages wirft man sein Zeug auf die Gasse : wieder woandershin . Wie ging das zu ? Andre lebten ständig an ihrer Stelle , kannten ihr Bett von Kindheit an , keiner durfte sie losreißen , sie hatten Rechte . Das war es , sie hatten angestammte und gewaltige Rechte . Es gab Arme , die um Geld dienten , die zu den Füßen derer lagen , welche man als reich bezeichnete , selbst die standen irgendwo fest auf der Erde , hielten irgend etwas fest in den Händen , sie verrichteten eine Arbeit , man bezahlte sie für die Arbeit , und sie konnten hingehen und sich ihr Brot kaufen . Der eine machte Röcke , der zweite Schuhe , der dritte baute Häuser , der vierte war Soldat , und so war einer dem andern Schutz und Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank . Warum konnte man sie nicht wegreißen von der Stelle , wo sie hausten ? Darum war es , ja , darum wars : weil sie eines Vaters und einer Mutter Sohn waren . Das hielt einen jeden . Vater und Mutter trugen jeden zur Gemeinschaft der Menschen und zeigten somit allen andern an , woher er gekommen sei und was er sein wollte . Das war es , Caspar wußte nicht , woher er gekommen sei ; aus irgendeinem unentdeckbaren Grund war er , er ganz allein vaterlos , mutterlos . Und er mußte es herausbringen , warum . Er mußte zu erfahren suchen , wer und wo sein Vater und seine Mutter waren , und vor allem mußte er hingehen und sich seinen Platz erobern , von dem man ihn nicht vertreiben konnte . An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn tief in sich gekehrt . Zwei- oder dreimal wöchentlich pflegte Herr von Tucher nach beendetem Tagewerk seinen Zögling zu besuchen , um sich ein wenig mit ihm zu unterhalten . Es lag dies im Schema des Erziehungsplanes . Das Prinzip verlangte aber von Herrn von Tucher , daß er eine würdevolle Unnahbarkeit bewahre ; das Prinzip zwang ihn , auf die Freuden eines natürlichen Verkehrs zu verzichten . Und wenn es ihm auch manchmal schwer wurde , solche Überwindung zu üben , sei es durch ein eignes Bedürfnis , sich mitzuteilen , oder weil ein stumm forschender Blick Caspars an sein Herz faßte , es gab kein Schwanken , das Prinzip , grimmig wie ein Vitzliputzli , verstattete nicht , daß man die Grenze der Zurückhaltung mehr als nützlich überschreite . Wie er aber Caspar so gewahrte , verborgenem Sinnen hingegeben , ergriff ihn der Anblick doch , und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen Klang an , als er den Jüngling um die Ursache seines Nachdenkens befragte . Caspar überlegte , ob er sich aufschließen dürfe . Wie bei jeder Gemütsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch durchzuckt . Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen Geste die Haare von der einen Wange gegen das Ohr zurück und fragte mit einem Ton aus innerster Brust : » Was soll ich denn eigentlich werden ? « Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich . Er machte eine Miene , als wolle er sagen : die Rechnung stimmt . Darüber habe er auch schon nachgedacht , erwiderte er ; Caspar möge ihm doch sagen , wozu er am meisten Lust habe . Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin . » Wie wäre es mit der Gärtnerei ? « fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort . » Oder wie wäre es , wenn du Tischler würdest oder Buchbinder ? Deine Papparbeiten sind ganz vortrefflich , und du könntest das Buchbindergewerbe in kurzer Zeit erlernen . « » Dürft ich dann alle Bücher lesen , die ich einbinden soll ? « fragte Caspar versonnen , der so geduckt saß , daß sein Kinn die Tischplatte berührte . Herr von Tucher runzelte die Stirn . » Das hieße eben den Beruf vernachlässigen « , antwortete er . » Ich könnte ja auch Uhrmacher werden « , sagte Caspar ; er hatte in diesem Augenblick eine ziemlich überspannte Vorstellung von einem Uhrmacher ; er sah einen Mann , der im Innern hoher Türme steht und den Glocken zu läuten befiehlt , der goldene Rädchen ineinanderfügt und durch einen Zauberspruch die Zeit unsichtbar macht und in ein winziges Gehäuse bannt . Überhaupt mit solchen Namen war es schwer ; nicht sein Wollen lag dahinter , sondern ein unbegreiflich verwickeltes Bild des ganzen Lebens . Herr von Tucher , voll Argwohn , als wurzle in dem Gehaben Caspars doch kein wahrer Ernst , erhob sich und sagte kalt , er werde sich die Sache überlegen . Am nächsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen . » Ich bin