nicht , wo er , in seinen langen Mantel gehüllt , in den Straßen die Schnarrteufel hörte , die Kinder an ihn herantrugen , um sie zu verkaufen . Auch ganz und gar nicht , als er nun unter die hellen Lampen am Markte kam , wo das Menschengetümmel sich staute und der Lärm wie ein Meer voll Unruhe ebbte und wogte . Einhart lebte schon lange lauschend und staunend ein ganz eigenes , neues Leben voll neugieriger Erwartungen , und kindlicher Wärme , und Abgekehrtheit gegen Menschen und Dinge . Wie es immer Menschen leben , die wie Bienen den Duft des Lebens trachten zu süßem Honig zu gewinnen . Und Einharts Blut geriet an dem Abend in immer tiefere Begehrungen . Er kam sich durchaus jetzt so vor , als ob er um jeden Preis irgendeine Seele brauchte , der er von einem großen Glücke erzählen könnte . Er fühlte sich plötzlich sehr allein . Wie er an einer der Würstelbuden stehen blieb , erinnerte er sich , daß er sich für einen Besuch gar nicht angetan . Er trat heran , sich Abendbrot zu kaufen , und begann sofort in der Winternacht auf der Straße aus der Hand zu essen . Sein Blick suchte am Nachthimmel noch immer einen Feuerschein . Geräusche , die wie ein Ruf klangen , weckten ihn jedesmal wie ein Hilferuf . Es war Einhart durchaus nicht unangenehm . Das war nur so neben dem irdischen Tun sein ungeberdiges Sinnenspiel . Das rastlose Treiben um und um führte ihn dann auf einem unbestimmten Wege heim zu sich . Dort drängte es ihn , gleich an Rosa zu schreiben . Er saß wieder oben in seinem Dachraume , der von einem winzigen Lampenscheine rötlich erhellt war . Daß die Gegenstände an den Wänden wie ferne Scheine glänzten . Er schrieb und träumte : » Meine geliebte Schwester ! « Was ist nicht alles , was einem Träumer durch den Sinn geht , wenn er einsam lebt . Zum Beispiel , daß alles Ding um uns und wir selber im Feuer verbrennen können , und gar nichts bleibt als eine Hand voll Staub . Und dann , daß doch auch Licht in der Weihnachtsnacht gar nicht wie Feuer ist , sondern wie eitel Sternenglanz in Tiefdunkel , nach dem die Menschen sich ewig emporsehnen . Ich habe heute so etwas empfunden . Jedesmal hat mir das Herz heftiger geschlagen . Du mußt nämlich wissen , daß ich in sehr seltsamen Wegen hingehe . Das Sehnen hört in keinem Blute auf , wenn es mit rechten Dingen zugeht . In meinem nun schon gar nicht . Und gar noch , wenn man Menschen nahe kommt wie nie zuvor , und man doch wieder die tiefen Abgründe sieht , die uns alle voneinander trennen . Wenn Du hier wärst ! Ich würde Dir in manchen Stunden doch zu sagen vermögen , was in mir hintreibt und nicht halten will in Entzückungen . Und was mich ganz schwach zurückläßt . Wirklich : ich habe niemals solche eigene Trauer empfunden . Trauer , das ist dasselbe wie die Nacht . Wenn dann die Sonne wieder nahe ist , jauchzt die Seele . Und ich nehme die Trauer gar nicht etwa mit traurigem Gesicht . Das sind eitel Schöpfe , die nur Tag wollen oder nur immer große Feste . Und auf jedes Fest muß man sich vorbereiten und hineinwallen sozusagen mit erfüllter Seele . Aber was ich nie gekonnt habe , kann ich jetzt . Kannst Du Dir denken , daß ich jetzt eine ganze Woge Trauer in mir habe , und ich habe doch nicht einmal je das Meer gesehen . Ich fühle nur , was ein Meer voll Trauer ist . Ich trauere manchmal auch über Euch zu Hause . Um Mutter nicht . Die geliebte Mutter hatte Glutaugen , und jetzt bilde ich mir immer ein , daß sie mir in dem hellen Sterne zublinkt , der am Abend vom Balkon aus durch die kahlen Baumäste blinkt , als wäre er ein Demant auf dem Baume . Ach Du weißt ja gar nicht , wo der Balkon ist ! Du - ein Haus aus Marmor und darin eine hohe , liebliche Frau ! Meine neue Mutter . Oder vielleicht ist es das garnicht ... ? Eine so schöne , strenge und traurige Frau . Die doch lacht , wenn ich mit ihr plaudere . Und das alles ist ein Lied in meiner Seele , das ich nie aussingen kann . Auch Dir nicht . Niemandem . Das sich die Seele so hinsummt in ihrer Einsamkeit , so an ihren stillen Nachtgewässern in der Tiefe , darinnen Menschen und Dinge in kristallner Stillung sich spiegeln . Ach Du , mein Lieb , Du , die mir allein noch daheim ein Andenken bewahrt . Wir alle sind Toren , wenn wir nicht wider die Engel streiten die Paradiese bewachen . Und der arme Mann verfällt , der nicht sich die Tränen der Reue mit mitleidiger Hand selber aus den Augen wischt und hingeht und lieber einen Weihnachtsteufel in seinen Händen schnarren macht . Siehst Du , aller Rede kurzer Sinn : ich lache jetzt meine ganzen , dummen Todgedanken weg , kaufe mir einen Weihnachtsteufel , schnarre den ganzen Weg bis hin in die Marmorvilla und schnarre treppauf und vor den scheuen Augen der hoheitsvollen Frau drinnen . Und wenn sie auch mit geängstigten Blicken zu mir sagt : » Einhart , - ach nicht doch ! « Dann werde ich wenigstens noch die Schnarre im Ohre haben eine Woche lang , um mich ganz wie ein Ausgelassener zu geberden , mich herumzulümmeln in Seidensesseln und zu tun , als wenn mir die ganze Welt ein Rauch wäre , wie nichts . Lebe wohl , kleine , sanfte Blickerin ! Hast Du noch die Augen wie frische Kirschen im Julimonat ? Denkst Du noch manchmal , daß es einen Einhart Selle gibt , der aus den stillen Nachtseen