Male nahm die Entzündung ab . » Wir wollen Sie heilen « , hatte sie zu ihm gesprochen ; es ließ sich wirklich so an . Bald gelang ihm sogar - in der Tat , er hatte das Talent zum Glück - daß er aus dem Vorrecht , jeden Morgen mit ihr allein zu wohnen und ihr seine Liebe darzubringen , Zufriedenheit und hiemit Seligkeit schöpfte ; denn wenn ihm nichts unleidlich wehe tat , war er immer selig . Und warum sollte er nicht zufrieden sein ? Täglich eine Stunde ihrer Gegenwart in Freundschaft und Eintracht , eine Art neuer Parusie auf höherer Stufe , überdies durch ein gemeinschaftliches Geheimnis , das Geheimnis seiner Liebe , mit ihr verbunden , - wer von allen Menschen , außer dem einzigen Statthalter , dessen Rechte zu schmälern er ja niemals beabsichtigt hatte , besaß denn so viel ? Ob sie ihn nun liebe oder nicht liebe , darum sorgte er sich nicht ; ja , es interessierte ihn nicht einmal , da er , der Frühreife , sich schon seit unvordenklichen Zeiten in die Überzeugung eingelebt hatte , daß des Menschen Heil oder Unheil nicht von außen , sondern von innen kommt , und daß der Schein den nämlichen Dienst tut wie die Wahrheit , meist sogar einen besseren . Nicht ihre Liebe bedurfte er , sondern bloß ihre Gegenwart , damit sein durstiges Herz ihren Anblick , ihre Stimme , ihre Gebärden und Bewegungen trinke . Wie er denn von jeher mit Vergnügen ihren Haß und Abscheu angenommen hätte , wenn er sie dafür hätte heimnehmen , gefangenhalten und an die Wand schließen dürfen . » Zapple , schrei , schilt , verwünsch : nur bleib bei mir . « Von dieser begehrten Gegenwart nun hatte er , ohne Gewalt zu gebrauchen , ohne sie rauben und an die Wand schließen zu müssen , durch ihre friedliche Einwilligung ein kostbares gesichertes Stücklein ; das sie ihm auch sorglich aufsparte und behütete , indem sie , solange er bei ihr war , jede Störung barsch beseitigte , jeden Eindringling kurz abfertigte ; nicht einmal ihr Bruder wurde vorgelassen . So daß er sich gewissermaßen ein wenig mit ihr verheiratet fühlte ; eine heimliche Ehe zwar , doch nur um so süßer . Durch das trauliche Sonderstündchen gedieh dann allmählich ein kameradschaftlicher Verkehr zwischen ihnen . Seine Liebe , nunmehr als selbstverständlich vorausgesetzt , hatte nicht nötig , immer von neuem ausgesprochen zu werden , sie rückte zur harmonischen Begleitung in die untere Notenlinie hinab , zwar die Stimmung beherrschend , aber Raum für andere Gespräche und Unterhaltungen freilassend , die dann oben im Diskant wie durchgehende Noten nach Laune und Belieben schalteten . Sie konnten wie Bruder und Schwester miteinander plaudern , Kunstblätter betrachten , vierhändig Klavier spielen ( » ich hatte gemeint , Sie wären unmusikalisch ! « ) ; oder sie erzählte ihm von ihren Mädchenjahren , besprach mit ihm die Zukunft ihres Kindes , zeigte ihm die Räume und Einrichtungen ihrer Wohnung . Sogar zu Neckereien fanden sie die Unbefangenheit . » Das also ist die böse Frau , die einem so grausam weh getan hat « , lächelte er . » Huhu ! « drohte sie , zog eine grimmige Miene und krallte die Finger . » Laß sehen , zeigen Sie « , scherzte er ein andermal , » schauen Sie mich , bitte , wieder einmal so feindselig an wie einst . « » Das kann ich jetzt nicht mehr « , lehnte sie ab , einfach , wahr und gut . Als er einmal eine Nadel , die ihr entfallen war , blitzschnell vom Boden aufhob , nannte sie ihn » Herr von Wolzogen « . » Frau von Stein « , erwiderte er , sich verbeugend . Wenn er beim Klavierspielen heimtückisch ihren kleinen Finger unabsichtlich berührte , patschte sie ihm auf die Hand ; wenn er im Gespräch einen unliebsamen Kraftspruch äußerte , auf den Arm . Eines Morgens überfiel sie ihn mit einem Panthersprung aus dem Hinterhalt und würgte ihn herzhaft . » Ihr Namenstag heute « , erklärte sie dem Verdutzten . Nur ein einziges Bedenken schaffte ihm dann und wann etwas Unbehagen : wo bleibt denn bei alledem Freund Statthalter ? warum ist der niemals sichtbar ? wieso gelingt uns Tag für Tag das trauliche Alleinsein , obwohl zuweilen oben in der Studierstube ein Stiefel scharrt und Tabakrauch wie ein warnendes Orakel durch die Ritzen qualmt ? Das Geheimtun , welches seinem Herzen süß schmeckte , wollte , wenn schon nichts Böses geschah , seinem Gewissen nicht recht munden . Andererseits konnte er doch auch nicht oben an der Studierstube anklopfen und Meldung abstatten : » Herr Direktor , wissen Sie das Neueste ? Ich habe nämlich die Ehre , Ihre Frau Gemahlin ergebenst zu lieben ; Sie können übrigens ruhig auf beiden Ohren schlafen ; denn wir sind unschuldig wie zwei Osterlämmer , ein weißes und ein schwarzes . « Nein , gegen eine solche Biederei empörte sich sein Geschmack . Es gibt eben Dinge , die , obgleich sie nicht böse , vielmehr hoch und edel sind , dennoch die Geheimhaltung verlangen ; deswegen , weil sie durch die bloße Kenntnis eines Dritten entweiht würden . » Und schließlich , das geht sie an , nicht mich ; er ist ja ihr Ehemann , nicht meiner . Also , wenn ihr Gewissen es erträgt - « Nachdem das so einige Wochen zwei gedauert hatte , wurde ihr Benehmen anders , nämlich undeutlich , wechselvoll , gegensätzlich ; nie fand er sie so wieder , wie er sie tags zuvor verlassen hatte . Zunächst überraschten ihn Rückfälle in ihr altes Mißtrauen ; offenbar waren Einflüsterungen geschäftig ; vermutlich von Freundinnen , vielleicht auch von Neidern und Eifersüchtigen . » Wenn es in Dur nicht gegangen ist , versucht mans in Moll « , warf sie ihm einmal ohne jeden Anlaß hin , anzüglich , mit gescheitem Blick .