wenn du nicht fühlst , daß alles in dir zittert . Immer muß man daran denken und sich darauf einstimmen wie zu einer Andacht . « Erst tief in der Nacht kam Ellen nach Hause und wie in einer großen inneren Erschütterung . Auf den Knien hätte sie dem Himmel danken mögen , daß sie diesen Menschen gefunden hatte , wenn er ihr auch noch so wehe tat . Erbarmungslos nahm er das Messer und legte ihre innersten Wunden bloß , schnitt alles hinweg , was darüber wucherte . » Und nun sieh selber zu , wie du es wieder heil bekommst . Wenn du keine Kraft hast mitzugehen , so bleib nur am Wege liegen . Ich will nicht der sein , der dich aufhebt und tröstet . « Und dann lächelte er wieder , als wollte er sagen : » Ich weiß schon , was an dir ist , aber zeig es mir . Hart sein , stark sein , dann zeig ich dir den Weg . Sonst ist es mir nicht der Mühe wert . « Fast alle Nachmittage war sie jetzt bei ihm , er ließ sie mit nach seinem Modell arbeiten und lehrte sie sehen . Bisher war sie nur wie im Finstern umhergetappt , hatte sich mit verbohrtem , hartnäckigem Fleiß gequält , durch den undurchdringlichen Nebel zu kommen , und es hatte nichts geholfen , bis er ihn mit seinem Zauberstab zerteilte und sich plötzlich eine lichte Weite vor ihr auftat . Sie saß zu seinen Füßen und ließ sich lehren . Seit dem Abend bei Zarek war etwas Schwüles in ihr Beisammensein gekommen , das vorher nicht gewesen . Wenn das Modell fortging , blieb Ellen noch , bis es Zeit zum Abendakt war . Manchmal zog er sie dann auf seine Knie und sie küßten sich , aber plötzlich beherrschte er sich wieder : » Geh ' jetzt , Kind , du kommst zu spät . « Aber die bange Stunde kam jeden Tag wieder , und endlich ein Abend , wo es über ihnen zusammenschlug . Ihre Zähne gruben sich tief in die Kissen hinein , um den wilden , seligen Aufschrei zu ersticken - ihr war , als läge sie in einem tiefen Abgrund und Sturmeswogen von ungeahnter Qual und ungeahnter Wonne brausten über sie hin , bis sie das Bewußtsein von allem verlor - wie tot in seinen Armen lag , die sie eben noch wie glühendes Eisen umklammert hatte . Henryk war tief erschrocken , es war auch ihm alle Besinnung vergangen , als er den jungen Körper in seiner Gewalt fühlte . Dann sahen sie sich lange an . Ihr war , als ob die ganze Welt leuchtete wie ein Weihnachtsabend . - Früher , in den Träumen ihrer Jugend , hatte sie sich feenhafte Umgebungen ersehnt : leuchtende Farben , schimmernde Gläser mit glühendem Wein - Schleier , durch die rotes Licht und Geheimnisse funkelten , wollüstige Musik in der Ferne . - Und jetzt lag sie mit weit offenen Augen da , ihr schien , als ob sie noch nie so deutlich gesehen hätte - das verwahrloste Atelier im dämmernden Abendschein - sein unschönes Gesicht mit dem wirren schwarzen Haar - und doch fühlte sie das Leuchten und Schimmern , und das rote Glühen war in ihr . Es hätte mehr nicht sein können - in keinem Märchentraum . Er konnte so gut sein , Henryk , er sorgte für sie , ging im Atelier herum und brachte ihr Tee . Dann saß er neben ihr , und in seinen Augen war etwas , was sie noch nie gesehen hatte . Als sie dann später gehen wollte , trennten sie sich mit einem ernsten langen Kuß . » Ellen , und jetzt wollen wir beide arbeiten - schaffen - schaffen ! « Sie stand im Aktsaal vor ihrer Staffelei unter all den andern , sprach mit ihnen in der Pause auf dem Korridor und war abends mit den Freunden im Café - wie alle Tage , aber sie dachte nur , es müßte ihr jeder ansehen , wie es in ihr strahlte . Sie ging im Traume , wie in einer ganz andern Wirklichkeit - jetzt war der Schleier gerissen , der sie vom Leben und von sich selbst geschieden hatte , und was dahinter sich auftat , war nicht Enttäuschung , nicht Reue um etwas Verlorenes - es war , als wäre ihr ein großes Wunder geschehen , das ihr tiefstes Leben weckte . Und auch kein Rausch , der wieder in frostige Alltäglichkeit zerrann , ein unendlicher Reichtum drängte sich in jeden Tag zusammen und verwandelte das ganze Leben . Jetzt konnte sie mit ganzer Seele bei ihrer Arbeit sein und vergaß alle Entbehrungen . Ihre Kraft erneuerte sich in jeder Liebesstunde und in den langen Gesprächen mit Henryk , im Verkehr mit all diesen Menschen , die nur ihrer Kunst lebten . Und doch war sie in dieser Zeit nicht eigentlich verliebt in Henryk ; vor allem fühlte sie tiefe Bewunderung für ihn als Menschen und als Künstler , der ihr Meister war . Das andere gehörte wie von selbst dazu , und sie dachte nicht darüber nach , ob es Liebe war oder nicht , ebensowenig , wie man sich Gedanken darüber macht , warum die Sonne scheint . Weihnachten sollte sie Reinhard wiedersehen , und nun kam ihr allmählich das Bewußtsein zurück , daß es noch eine zweite Welt gab , die wieder an sie herantrat . Das hatte sie alles vergessen , nur hier und da klang es wie eine ferne leise Mahnung an ihr Ohr , und dann rang sie mit dem Entschluß , ihm die Wahrheit zu sagen und sich von ihm zu lösen . Aber als er kam , sie sich nach der langen Trennung wiedersahen , wurde sie wieder schwankend . Er war so strahlend froh , sie wieder zu haben , fühlte sich ihrer so sicher - und Ellen empfand seine tiefe ,