ziehen sie aus ? An einem entlegenen Erdenwinkel werden sie unbekannte gelbe Männer treffen , die ihrerseits von ihnen nie vorher gehört haben . Tausende von Meilen trennten sie bisher von einander , und sie konnten weder Freund noch Feind sein , denn sie wussten nicht einmal von der gegenseitigen Existenz . Trotzdem wird jetzt einer den andern umbringen , und man wird das schön und patriotisch nennen . Wie sinnlos scheint es doch alles ! Viele ziehen jetzt aus jung und gesund und werden nie wiederkehren , durch Krankheiten mehr noch als durch Kugeln hingerafft . Andere werden wohl zurückkommen , aber wie ? Und alles , um die Fehler anderer zu sühnen ! Und wenn man nun an die Chinesen denkt , an diese armen Unbekannten . Wie viel noch namenloseres Elend wird dort entstehen ? Aber auch da wird es nicht die eigentlich Schuldigen treffen , sondern auch wieder die , so sich nicht wehren können , jene Klasse Menschen , deren jahrtausendelanges Leiden in allen Ländern und bei allen Völkern gleichsam eine unterste Erdschicht bildet , auf der sich alles andere aufbaut , alles , worin wir es so herrlich weit gebracht . Die jetzt also ausfahren , schliessen sich der grössten aller Flotten an , die in endlosen Schiffreihen hinaus segelt in verschleierte Fernen , zu unbekannten Häfen ; jener Flotte , die bestanden hat , so lange es Menschengeschichte gegeben , deren Anfang in die nebligen Fernen urältester Vergangenheit reicht , die seit den Tagen der Ägypter , Perser und Griechen von Jahr zu Jahr gewachsen ist , die nimmer enden wird . Sie ist bemannt mit grauen Leidensgestalten , mit den Zahllosen , den Namenlosen , die von jeher die Schuld der Wenigen getragen . Und alles ist Fügung Gottes . 55 Bay View , 19. Juli 1900 . Wenn mein Bruder nachmittags aus New York zurückkehrt , gehe ich ihm immer entgegen , jedesmal von neuem hoffend , dass er endlich Kunde des Wunders bringen wird . Aber jedesmal schüttelt er schon von weitem den Kopf - keine Nachricht , noch immer keine . Dann fragt er mich , womit ich den Tag verbracht , und wenn ich ihm die stets gleiche Antwort gebe , dass ich Ihnen , liebster Freund , geschrieben habe , sagt er kein Wort , aber ich lese ihm den Gedanken von der Stirn » Wozu noch ? « Er spricht ihn jedoch nie aus und lässt mich ruhig gewähren - wie eine hoffnungslos Kranke , die uns jammert und der man so gern ein paar Stunden des Wahnes gönnt . Muss ich nicht jeden jammern ? ich und die Vielen , die sich seit Wochen grämen wie ich ? Wie ich ? Mir ist , als könnte sich kein zweiter Mensch so in Angst verzehren , als sei dies Leid nur einmal möglich in der weiten leidvollen Welt . 56 Bay View , 20. Juli 1900 . Was wird in solchen Zeiten nicht alles wieder in mir wach ! Alter Aberglaube ersteht wieder , den ich auf immer für abgetan hielt - selbst in das Handeln mit dem lieben Gott verfalle ich zurück . Wie lang , wie lang ist es doch her , dass ich den alten Kaufherrn mit dem langen Silberbart um etwas angegangen bin , aber heute hab ich ihn stürmisch gebeten : » Lass ihn nur leben , lass ihn nur gerettet sein , und ich will dafür auf alles verzichten , will ihn nie wiedersehen , nie mehr seine Stimme hören , nie mehr seine Hand halten - aber lass ihn leben , lass ihn gerettet sein . « Ich weiss nicht , ob er mich erhört hat ; und doch müsste er es eigentlich , denn es ist ein Handel so recht nach alttestamentlichem Sinn - ich biet ihm mein Leben , mein Glück , mein Alles an , um einen andern zu retten - solche Verträge soll er von altersher geliebt haben ! 57 Bay View , 21. Juli 1900 . Gestern noch eine entsetzliche Beschreibung des Endes aller Fremden in Peking und heute bringt Wu-ting-fang dem Washingtoner Auswärtigen Amt ein Chiffre-Telegramm des amerikanischen Gesandten in Peking ! Es ist in allen Zeitungen abgedruckt : » In britischer Gesandtschaft unter fortwährendem Feuer chinesischer Truppen , rascher Entsatz allein kann allgemeines Massacre verhindern . « Seit Tagen versprach Wu , eine direkte Verbindung mit Mr. Conger herzustellen . Aber niemand glaubte ihm . In seiner Vielrederei , Vielgeschäftigkeit und Wichtigtuerei glich er zu sehr der mouche du coche der Fabel ; aber alles soll ihm verziehen sein , was er in seinem Babuenglisch sonst etwa zusammenphantasiert hat , wenn nur dies eine wahr ist , denn es ist doch der erste Hoffnungsschimmer , der uns wiedergegeben ist . Schwach ist er freilich - aber wir können doch wieder hoffen . Die armen , tapferen Menschen halten sich noch immer und sie werden gerettet werden - sie müssen gerettet werden . Aber nun nur Eile , aus Barmherzigkeit Eile , dass uns nicht noch in letzter Stunde unser Liebstes entrissen werde ! Denkt der Ärmsten , die dort hinter den hohen grauen Mauern harren und horchen , ob sie den dröhnenden Schritt der heranrückenden Befreier vernehmen - denkt auch der Ärmsten , welche in allen Ländern mit sehnsüchtigem Herzen harren und horchen auf den ersten Ton lieber Stimmen , die von jenseits der hohen grauen Mauern nach langem Schweigen wieder erklingen und von all den Leiden der letzten Wochen reden werden . Oh ! Eilt euch ! eilt euch ! 58 Bay View , 28. Juli 1900 . Es ist beinahe , als ob die Welt es nicht wahr haben wolle ! In Europa glaubt man jetzt ebenso hartnäckig an das Pekinger Massacre , wie früher an die Bedeutungslosigkeit der Boxer-Bewegung . Nur mit Sensen sollten die Aufständischen bewaffnet sein , ein starker Regen , hiess es , würde sie auseinandertreiben . Jetzt kann man sie nicht furchtbar genug schildern .