in der Nähe des Schreibtisches mit Heftnägeln befestigt war . » Gestern hat Hovannessian mir das Bild erklärt , « sagte Helene , » es ist ausgezeichnet gemacht , nicht wahr ? Der Junge da , in dem zerrissenen roten Kittel mit dem Kreuz auf der Brust , den zeigte er mir ganz gerührt . Der kämpft noch , sagte er , die anderen haben sich schon ergeben . Und dann , ganz ruhig : Bei diesem habe ich immer an ihre Freundin Josefine gedacht , da ist eine große Ähnlichkeit . Und seine Augen brannten zwei Löcher in das Bild , sag ich dir , so hat er es angestaunt . « » Sprich nicht von ihm , « murmelte Josefine , ihr Ton bat : Sprich noch ! sprich mehr von ihm ! Aber Helene gehorchte den Worten : » Gottchen , ruhig Blut ! Das bete ich immer für dich , liebste Josy - ich hab ' s ja zum Glück , bin als Amphibium geplant gewesen und rein aus Zufall ' n Mädchen geworden . Ich sage dir , so was Bequemes wie mein Temperament - - « Ja , Josefine hatte Augenblicke heftigen Verlangens nach dem Manne , den sie liebte . Sie haßte und verachtete sich unbeschreiblich in diesen Augenblicken , aber sie kehrten immer wieder . War er fern , dann blieb er ihr Held , ihr Adler , ihr edler Zypressenbaum , aber seine Nähe reizte und quälte sie zuweilen so , daß sie fortgehen mußte . Sie stand dann , nach Fassung und Ruhe suchend , in ihrem Schlafzimmer , rang die Hände , biß ihre Lippen , reckte verlangend die Arme nach der Tür . Und schämte sich ! schämte sich ! Dann trieb der Drang sie wieder zurück zu ihm , und sie machte absichtlich kleine enge Schritte , hielt die Arme ängstlich dicht an sich gedrückt , wenn sie wieder ins Zimmer trat . Einmal auf ihn zufliegen und ihn totküssen ! Einmal ! Aber sie kam scheu und langsam und sah mit wilder Eifersucht Hermann oder Rösi in seinem Arm . Kaum beherrschte sie ihre Blicke . Wenn Zwicky neben ihm stand , vertraulich die Hand auf Hovannessians Schulter , Helene und Bernstein scherzend mit ihm spielten , ihn um den Tisch herumjagten oder die Erwachsenen und die Kinder ihn dicht umdrängten , dann kam ihr eine wahnsinnige Lust , zu rufen : Er ist mein ! mein ! Fort ihr alle ! Wie könnt ihr wagen , ihn zu berühren ? Ihr ganzes Wesen war in Empörung in solchen Augenblicken ; - gegen Laure Anaise , die sich oft mit naiver Bewunderung in Hovannessians Nähe drängte , entstand dann ein spontaner Widerwille in der Seele der Frau , gegen den sie umsonst mit allen Gründen der Vernunft ankämpfte . Dann kam eine Wut über sich selbst , eine Zerknirschung , eine Verachtung , die in tiefster Selbsterniedrigung sich genugtun wollte . Sie wollte an Hovannessian schreiben , ihm ihre ganze wilde lodernde Leidenschaft enthüllen und ihm sagen : So sehr hast du dich in mir geirrt ! so schlecht bin ich ! Aber sie schrieb nicht , denn wenn sie allein war , verflog der unheilige Sturm , und ihre Seele kniete andachtsvoll vor ihrem Abgott . Sie war wieder rein , wieder glücklich , sie wollte ihn nicht für sich , der ganzen Welt sollte er leuchten , viele beglücken durch sein Dasein , so wie er sie beglückte . Wenn sie dich kennen , dann werden sie nicht mehr trauern , nicht mehr allein sich fühlen ; keine Niedrigkeit , keine Gemeinheit , keine Angst vor dem Abgrund wird sie mehr quälen , wenn sie dich kennen , meine Sonne ! In solchen Augenblicken schien ihre Liebe ihr ein Gottesdienst ; sie vergoß Freudentränen vor einem Altar ; die Gewißheit , daß das Leben gut sei , weil auf ihrem Altar dieses Bildnis stand , umtönte sie wie himmlischer Gesang . Sie hob die Hände und betete wie ein Kind : » Mach mich gut ! mach mich fromm , daß ich zu dir in Himmel komm ! Amen . « Zwischen frommer Ekstase und wildem Begehren hin und her gerissen , gehetzt und müde , griff sie dann nach der Arbeit , der immer wartenden , wie zu einer heilenden Arzenei . Und in der Arbeit schien es ihr , als lebe sie erst jetzt wirklich . Das andere war ein Tanzen und Taumeln auf stürmischer Flut ; hier war sie selbst , hier stand sie ruhig am Steuer und drehte das Rad und spähte sorglich nach den Sternen und den Klippen . Sie wuchs in dieser Zeit an Einsicht und Stoffbeherrschung ; ihr Blick vertiefte sich mehr und mehr , und ein Gefühl der Überlegenheit über ihre eigenen Leidenschaften wehte manchmal kühl herauf . Ich liebe ihn , weil ich ihn lieben will , dachte sie dann ; wenn ich nicht will , dann kann ich diese Lampe auslöschen . Es wird dann Nacht sein , aber man kann auch im Finstern leben . So vergingen zwei Monate , und dann kam ein Abend . Jener Abend . Josefine war noch spät in der chirurgischen Abteilung geblieben . Die ihr liebe Krankenschwester Wanda war abwesend ; ein kleiner Halbtagsausflug nach Rapperswyl war ihr gewährt worden unter der Bedingung , daß sie Ersatz stellen könne . Josefine war für sie dageblieben . Es war schwül ; den ganzen Tag hatten die Fliegen ihre Kranken gequält , und die offenen Fenster hatten nicht vermocht , frischere Luft in der überfüllten Abteilung zu schaffen . Dieser Spitaldunst , zusammengesetzt aus den scharfen , durchdringenden Gerüchen des Jodoforms , des Chloroforms und des Karbols und aus den Ausdünstungen der Kranken und ihrer Wunden , war der Medizinerin noch immer eine schwer zu ertragende Last . Schrecklich waren vor allem die eiterhüftigen jungen Mädchen ; in ihrer Nähe roch es nach Tod und Verwesung , und doch