» Ich sehe zunächst ein , daß wir uns gar nicht so zu übereilen brauchen , denn die Worte Nafar Ben Schuris haben gelautet : In diesem Falle können wir schon morgen oder doch übermorgen aufbrechen . Hat sich vielleicht etwas zugetragen , wodurch dieses Uebermorgen so vollständig ausgeschlossen ist , daß wir uns jetzt nicht eimal von dem heutigen Ritte ausruhen dürfen ? « » Nein . Es ist nichts geschehen . Aber bist du denn so ermüdet ? Ich bin es keineswegs , und von dir ist man solche Schwächen ja auch nicht gewöhnt . « » Vorsichtig und bedacht zu sein , ist niemals eine Schwäche , lieber Halef . Wir wissen über die Dschamikun ja nicht mehr , als wir von ihnen wußten , ehe wir hier diese unsere Freunde trafen . Oder genügt es dir vielleicht , von ihnen nur zu wissen , daß wir jetzt ihre Feinde sind und mit gegen sie ziehen wollen ? « Er sah mich an , nickte dann verständnisvoll vor sich hin und sagte hierauf : » Ja , daran habe ich freilich nicht gedacht ! Und doch haben wir dieser deiner Gepflogenheit alles zu verdanken , was wir jemals erreicht haben . Du pflegst alles auf das reiflichste zu bedenken und mit dem Geiste anzuschauen , ehe du handelst . Du greifst niemals einen Gegner an , ohne genau zu wissen , wer er ist , wo er ist und wie stark er ist . « » Nun , wissen wir das von den Dschamikun ? « » Nein . « » Und doch bist du bereit , sofort mit aufzubrechen ! Dürfen wir es wie kleine Knaben machen , die aufeinander losschlagen , ohne zu wissen , was es für einen Ausgang nehmen kann ? « Er wollte antworten , wurde aber durch das Erscheinen eines Mannes daran verhindert , welcher langsam den Berg heraufgekommen war und , als er uns sah , seine Schritte zu uns lenkte und sich ohne Wort und Gruß zu uns setzte . Seinem Aeußern nach war er keineswegs eine Person , von der man hätte sagen mögen , daß sie zu dem Scheik und zu uns gehöre . Sein Körper war von um ihn herumhängenden Fetzen nur halb bedeckt . Die hindurchblickenden nackten Stellen hatten ebenso wie das Gesicht , die Hände und die unbekleideten Füße einen dicken Schmutzüberzug . Ein Zeugstück , welches man in Deutschland einen verbrauchten Hader nennen würde , war um seinen Kopf gewunden . Darunter hingen lange Haare heraus , welche wahrscheinlich altersgrau waren , aber derart von fettiger Unreinlichkeit starrten , daß man ihre Farbe unmöglich bestimmen konnte . Trotzdem waren sein Gang und seine Haltung so würdevoll und selbstbewußt , als ob er über uns allen hoch erhaben sei . Seine Gesichtszüge waren außerordentlich regelmäßig , Stirne und Wangen trotz des Alters beinahe ohne Falten . Ich sagte mir , daß er ein schöner Greis sein werde , sobald er sich gereinigt und anders gekleidet habe . Geradezu selten schön waren seine großen , sonderbaren Augen . Es schien , als ob eine bisher unberührte Gazellenunschuld in ihren dunklen Tiefen wohne . Und doch konnten aus diesen Tiefen Blitze aufsteigen , als ob sich da unten plötzlich ein verborgener Krater geöffnet habe . Dann bekam die schwarze Pupille einen hellen , fast möchte ich sagen , gelben Ueberschein , und die Lider öffneten sich hoch und weit , als ob alle Ströme und Fluten einer unbekannten seelischen Welt hervorbrechen wollten . Das sah ich natürlich nicht sofort , im ersten Augenblicke , sondern ich beobachtete es nur nach und nach , denn dieser Mann flößte mir ein so ungewöhnliches Interesse ein , daß ich ihn beobachtete , ohne es mir eigentlich bestimmt vorgenommen zu haben . Es giebt Menschen , zu denen man innerlich hingezogen wird , obgleich die äußeren Verhältnisse dies gar nicht zu gestatten scheinen . Ich will aufrichtig gestehen : der Schmutz dieses Fremdlings wirkte abstoßend , und doch war er unter allen Anwesenden der einzige , dem ich ohne allen Vorbehalt meine Hand hätte geben können . Warum , das wußte ich nicht , aber ich fühlte so . Der Scheik schien es für ganz selbstverständlich zu halten , daß dieser Mann sich zu uns setzte . Er nickte ihm nicht nur freundlich , sondern mit dem Ausdrucke der Ehrfurcht zu und sagte dann zu uns : » Das ist Sallab , der Fakir . Wohin er kommt , bringt er den Segen Allahs mit . « Hierauf kreuzte Sallab die Hände auf der Brust und sprach , nicht etwa mit der gewöhnlichen , widerlichen Salbung dieser stets für fromm und oft sogar für heilig gehaltenen Leute , sondern im Tone ruhiger Selbstverständlichkeit : » Allah ist ja nur Segen , bloß Segen ; er kann gar nichts anderes sein ! « Hierauf nannte der Scheik ihm unsere beiden Namen . Als dies geschah , bemerkte ich zum erstenmal den erwähnten Aufschlag und das ebenso schnelle Niedersinken seiner Augenlider . Es war nur ein Moment , aber in diesem raschen Blicke lag eine Bedeutung , welche mir erst später klar wurde . Hierauf verhielt er sich genau so , als ob er diese Namen jetzt zum erstenmal gehört habe . Das Wort Fakir erklärte es zur Genüge , daß er sich hatte zu uns setzen dürfen . Selbst der vornehmste Mann wird es wenigstens öffentlich vermeiden , zu zeigen , daß er sich für etwas Besseres halte , als so ein » Glaubensheld « für den Durchschnittsmuhammedaner ist . Damit wir auch in Beziehung auf unsern Gesprächsgegenstand wüßten , woran wir mit ihm seien , machte der Scheik gegen uns die Bemerkung : » Wir können weitersprechen . Sallab bekümmert sich nicht um die Angelegenheiten dieser Erde . Er lebt bereits das Leben , welches für andere Leute erst nach ihrem Tode beginnt . « » So erlaube , daß wir uns nach den Dschamikun erkundigen ! « sagte Halef