? Er zuckte ungeduldig mit den Schultern . Was sollte diese Quälerei ? Er hatte jetzt wichtigeres zu thun , als seine Nerven mit dergleichen Selbstanbohrungen auf den Hund zu bringen . Seine ganze Kraft brauchte er , seine volle Energie für die grossen Geschehnisse , die vor ihm lagen . Es war nicht genug , ein Bühnenwerk zu schreiben , man musste auch die Kunst verstehen , es wirkungsvoll auf die Bretter zu bringen . Das war jetzt seine Aufgabe , bei der er Lotte ebenso wenig brauchen konnte , wie er sie bei dem ersten Teil seiner Arbeit hatte entbehren können . Jetzt musste er frei sein , wie er damals gebunden sein musste , ganz frei in Kopf und Herzen , um handeln zu können nach seinem Gutdünken . Das Gelingen würde ihr ja dann doch wieder zu gute kommen . Sobald er erst seinen grossen Erfolg hatte , wollte er sich ihr ja gern wieder widmen , gern für sie sorgen . Wer weiss , ob nicht wieder eine Schaffensperiode für ihn kam , in der er sie ebenso nötig hatte , wie während der Werdezeit des Frühlingsdramas ! Nur jetzt durfte nichts , kein Band , keine Pflicht ihn von dem nächsten abziehen und beengen . Nichts durfte fressen an der werdenden That , sie zum Krüppel machen , noch ehe sie geboren ward . Er hasste Missgeburten , körperliche sowie geistige . Er verachtete alles Halbe . Ganz und blühend wie seine Liebeszeit gewesen war , sollte jetzt die Zeit seines Erfolges heranreifen ; die abfallenden Blüten des halbverwelkten Liebesbaumes durften die reifende Frucht des Ruhmes nicht in ihrem Wachstum hemmen . So gegen den ärgsten Feind , den er jetzt zu besitzen glaubte , gegen Lottes Liebesansprüche gerüstet und gestählt , trat er vor die niedere Thür zu Lottes kleiner Wohnung . Sie war nicht verriegelt , nur eingeklinkt , so dass er ungehört eintreten konnte . Lotte sass an dem schmalen , weitgeöffneten Fenster . Schwül drang die Sommerabendluft , vermischt mit dem schweren Duft von Levkojen , Heliotrop und Reseda , die auf einem kleinen Blumenbrett vor dem Fenster blühten , in das enge Gemach . Lotte sass still , fast regungslos da . Die Arbeit lag ihr unberührt im Schoss , schlaff hingen die Arme ihr am Leibe herab , und thränenverdunkelt war der starre , ins Leere gerichtete Blick . Trotz all seiner eisernen Vorsätze gab es Gerhart doch einen Stich ins Herz , als er sie so sitzen sah , ein Bild stummer , zerbrochener Verzweiflung . Einen Augenblick blieb er auf der Schwelle stehen , zögernd wie ein Unberufener . Dann trat er ein paar Schritte auf sie zu und rief zärtlich ihren Namen . Müde , ohne sich zu rühren , sah sie zu ihm auf . » Du bist ' s , Gerhart ? Kommst Du endlich einmal ! « Ein schwacher Schimmer der Freude zog über ihr abgehärmtes Gesicht . Er zog ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihr wirres goldbraunes Haar . » Kleines , was machst Du mir für Geschichten ? Du siehst ja erbärmlich aus ! « Sie antwortete nicht , sondern sah ihn nur immer tieftraurig an . Dann nach einer kleinen Weile sagte sie tonlos : » Wann wird Dein Stück aufgeführt , Gerhart ? Es ist höchste Zeit . Ich - sei mir nicht böse - ich fühle mich totkrank und ich ertrüge es nicht , wenn jemand - O Du weisst ja was ich meine . Gerhart , schweige doch nicht so unbarmherzig - ich will ja nichts , nichts von Dir - ich will mich selbst durchs Leben schlagen . Du sollst frei sein von mir - nur heirate mich , heirate mich ! « Ehe er es hatte hindern können , war sie zu seinen Füssen niedergestürzt , und seine Knie umklammernd , stöhnte sie auf wie ein waidwundes Tier . Er hob sie auf und legte sie auf ihr kleines weisses Bett . Sie war blass wie eine Tote und auch aus seinem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen . Das hatte er nicht erwartet ! Was musste sie leiden , gelitten haben , dass ihre sanfte zärtliche Natur bis zu einem solchen Ausbruch sich verirren konnte ! Und doch sie musste es tragen , musste es erdulden wie so viele tausende von armen Mädchen es vor ihr getragen hatten , es nach ihr tragen und erdulden würden . Er beugte sich zu ihr nieder , um sie zu küssen . Sie rührte sich nicht . Reglos mit geschlossenen Augen lag sie da . Wie schön sie waren , diese Märtyrerinnen der freien Liebe , wie rührend schön ! Wenn er es recht bedachte , lag doch eigentlich kein Grund zu dergleichen Verzweiflungsscenen vor , die sie alle früher oder später aufführten . War es nicht zu tausend Malen poetischer , von der Höhe des Liebesglücks ins Nichts , ins Dunkel zurückzusinken , als die hohe Flut der Leidenschaft im flachen Eheleben verebben , langsam und stetig vergehen zu sehen , wie ein Gewandstück , das man philisterhaft bis zu Ende trägt , nur weil man es einmal besitzt , so lange trägt , bis die Nähte von selbst zerfallen und der Stoff morsch und brüchig wird ! Thörichte Mädchen , die ihr jammert um das allzu jähe Ende ! Klebt ihr so fest an der eklen Erdenscholle ? Habt ihr so gar keinen Schwung , euch für ein Ikarusschicksal zu begeistern ? Auf zur Sonne , und dann mit jähem Sturz herab in die Tiefe , ins ewige Vergessen ! Und er küsste sie leidenschaftlich . Und so ganz durchdrungen war er von seinen unsinnigen eiteln Phantastereien , dass er dies zerbrochene Geschöpf um seine eigenen Küsse beneidete . - Am nächsten Morgen traf Lotte Frau Korn auf der Treppe . Die gutmütige Person hatte sich eine ganze Weile hinter ihr hergeschlichen , ehe sie sich das Herz gefasst hatte , Lotte anzureden