verlassen . Und als der kleine Conrad , das Büblein , auf unsichern Beinchen durch das Gärtchen pendelte , lud sie ihn auf den Arm und zeigte gegen den Pfauen : » Denk , Büblein « , bedauerte sie , » der schöne Reiter , der heute mittag über den Balken sprang - weißt du noch ? - der ist jetzt tot . « Bei diesen Worten schrie Jucunde in den höchsten Tönen , wie ein Ferkel , das von der Köchin abgestochen wird , während ihr Cathri einen feindseligen Blick in den Nacken bohrte . Das Büblein aber juckte auf dem Arm : » Hü , hü « , lallte es . Endlich verzog sich die Neuberin doch , obschon ungerne . » Ich komme Euch dann mahnen , wenn Euer Zug einfährt . « Kaum spürte sich Jucunde mit Cathri allein , so reckte sie , ohne den Kopf zu erheben , ihre Hand mit gespreizten Fingern aus , Cathris Arm suchend , den sie krampfhaft drückte . So wie Verwandte an der Leiche eines Angehörigen zu tun pflegen , um die Gemeinsamkeit des Schmerzes zu bekunden , wenn die Worte versagen . Allein Jucundens Finger waren naß von Schleim und Tränen . Cathri riß sich unwillig los , stand auf , und indem sie mit dem Taschentuch angelegentlich die Stellen wischte , wo Jucundens Finger sie beschmutzt hatten : » Ich verbitte mir dergleichen ! « erklärte sie empört . Hierauf setzte sie sich wiederum , indessen noch weiter am äußersten Rand der Bank , so daß sie nur auf dem linken Schenkel ruhte . Um aber ähnlichen Vertraulichkeiten vorzubeugen , bemerkte sie strenge mit nachdrücklicher Betonung : » Ich liebe nicht Zudringlichkeiten von fremden Personen . « Jucunde verübelte ihr die kränkende Abfertigung nicht , sondern demütig ihr nasses Antlitz erhebend : » Euch also hat er lieb gehabt « , bewunderte sie mit dem Ton ehrerbietigster Unterwürfigkeit . » Das geht Euch nichts an ! « herrschte Cathri . Jucunde ließ ihren Kopf wieder auf den Arm sinken . » Dort an jenem Tisch , an jenem Tisch , dort ist er gesessen « , erzählte sie zwischen herzbrechendem Weinen . Hernach wies sie ihre wunde Hand vor , war aber vor Tränen nicht imstande , die Erklärung hinzuzufügen . » Oh , hätte ich ihn doch nicht ziehen lassen ! « schluchzte sie . » Warum war ich nur so kalt ! So keusch ! So zurückhaltend ! Warum lief ich ihm nicht nach und holte ihn ein und warf mich ihm in den Weg und hielt ihn an den Knien fest ! Er säße jetzt hier im Garten , gesund und lebendig . - Und ohne Abschied , ohne Gruß ! Oh ! « - Sie schlug den Kopf auf die Arme . » Und er schaute sich noch nach mir um , und ich zeigte mich nicht ! Oh ! « Sie raufte sich die Haare und tat wie wahnsinnig . Von nun an sprach sie nichts mehr , sondern weinte beständig . Es schien unmöglich , daß ein Geschöpf erbärmlicher weinen könnte . Und doch , wenn sie von Zeit zu Zeit den verstörten Blick nach dem Pfauen richtete , dessen weiße Mauern noch durch die Spätdämmerung schimmerten , so barsten immer wieder frische Schleusen ihres Leides , daß die Tränen und Schluchzer sich jählings verdoppelten . Und unwillkürlich strebten immer von neuem ihre breiten , plumpen Finger nach Cathris Arm , wie ein verstümmeltes Tierchen , das den Stummel vorstreckt , aber ängstlich wieder zurückzieht , weil es erfahren hat , daß es dort außen wehtut . Die Neuberin wuselte wichtig heran : » Habt Ihrs gehört ? « meldete sie außer Atem . » Sie sind noch einmal aneinander geraten , die Wagginger und die Waldishofer , hinter den Reben in den Rubisthaler Flühen . Die Waldishofer seien durch den Wald und hätten ihnen den Weg abgeschnitten . Sie sollen ganz unvernünftig gehaust haben , die Waldishofer , wie die wilden Tiere , nicht wie Menschen , besonders der Christian , der Wachtmeister . Das ist doch wahrhaftig auch nicht recht . Es sind ja schließlich doch auch Menschen , die Wagginger ; wenn auch vielleicht ein bißchen lustig und übermütig . Sie sind halt jung . Wir wenigstens , so oft sie bei uns einkehrten , haben uns niemals über sie zu beklagen gehabt . - Es seien ein paar im Rebberg liegengeblieben ; den Fürsprech von Oberwaggingen haben sie auf dem Fuhrwerk heimgetan , und den Matthiesen-Michel hat man nach Herrlisdorf tragen müssen ; er werde schwerlich mehr aufkommen . « » Das ist recht , das freut mich « , bemerkte Cathri . Da zitterte die Luft und bebte die Erde , elektrische Signale tingelten , durch die Finsternis rollte unter Zischen und Brausen eine unförmliche , schwarze Masse mit roten Augen daher , jählings ins Riesenhafte wachsend , wie aus dem Boden steigend . » So , das ist jetzt Euer Zug « , mahnte die Neuberin . Cathri machte sich hastig auf , einen kurzen Dank zurückwerfend . » So wollt also Ihr mich auch verlassen ! « jammerte Jucunde , » so habe ich denn niemand auf der ganzen Welt mehr , der mich ein klein wenig versteht und mich ein bißchen tröstet ! « In dem Augenblick , da Cathri über die Straße eilte , fuhr ein Chaisechen flink auf leisen Rädern heran , mit klingenden Schellen und trippelndem Rößlein . » Ist der Conrad noch in der Pinte , oder ist er wieder daheim ? « rief ihr Benedikt wohlgemut entgegen . Sie hielt sich indessen nicht mit einer Antwort auf , sondern gewann die Station , wo eben der Zug bremste . Noch hatten die Räder sich nicht vollends beruhigt , so flogen bereits aufgeregte Rufe hin und her . » Wißt ihrs schon ? « » Was ? « » Wo ? « » Wann ? « » Nicht