daran . Oder wollte er Hedwig nicht wehe thun ? Schließlich entschuldigte er seine Feigheit mit dem lähmenden Einflusse , den diese dunstige Krankheitsatmosphäre auf ihn ausübte . Gewiß ! Er hätte viel gescheiter gethan , wenn er seiner Apathie nachgegeben und sich in letzter Stunde noch entschuldigt hätte . Das wäre wohl auch den beiden Menschen lieber gewesen , die da neben ihm saßen und sich redlich bemühten , das Unglück ihres Lebens zu verhüllen ... und doch nicht Komödianten genug waren , um das scheinen zu können , was sie nicht sein konnten ... Die Fenster standen offen . Auf der Straße war es still . Nur ab und zu stolperte ein Wagen über das Pflaster . Nun strich ein Luftzug herein , raschelte in den Papieren auf dem Schreibtische , zupfte an der grünen Gardine vor dem Bücherregal und gab der Lampenflamme ein kurzes , stechendes Zusammenzucken . Adam fühlte sich mit einem Male sehr angeheimelt von dieser einfachen , mit verhalten geschwätzigem Schweigen erfüllten Umgebung . Eine gewisse Stimmung ... ein zartes Fluidum rührender Poesie ließ sich schließlich auch aus dieser Gruppirung der Atome herausfühlen ... Der Herr Doctor wurde wärmer ... er erinnerte sich einiger Träumereien seiner Jugend ... einiger Träumereien , die ihm als Ideal ein schlichtes , bücherüberfülltes Arbeitszimmer vorgegaukelt ... und er saß unter seinen Schätzen , weltentrückt , weltentfremdet , unversuchbar ... aber viel Drang zu suchen und forschen war in ihm ... und viel tiefe Herzensstille - und Adam beneidete einen Augenblick seinen Wirth um die Enge und Weltabgekehrtheit seiner Klause ... und um eine Natur , die sich in ihren besten Stunden durch ernste , neutrale Betrachtung alles Seins und Werdens und gesammeltes Versenktsein in die Räthsel des Kosmos erlösen durfte vom Staube und der beklemmenden Enge des Daseins ... Oh ! Er genoß dieser großen Stunden manche nicht minder . Aber immer wieder ließ er sich in das Leben ... in dieses fade , ermüdende , abflachende und wurzelausrodende Werkeltagsleben hinausverführen ... Und darum denn so oft dieser Ekel ... und darum so oft diese namenlose , zermarternde Angst vor einem Verhängnisse , das über ihm schwebte - und dem zu trotzen er doch keine Waffen besaß ... keine Waffen mehr besaß ... Nein ! Er hatte nicht mehr die Kraft , mit souveräner Ironie auf das Leben zu verzichten - auf seine kargen Reize und Freuden , welche er aufsuchte , um sie einfach hinzunehmen ... kaum , um sie mit vollem , starkem , innerem Dabeisein zu genießen - und die er trotzdem so oft auch mit wahnsinniger Wuth und Gier aufsuchte , um sich zu vergessen - um sich zu betäuben ... um seine harte Seelennoth ... das bohrende Grübeln über die Fruchtlosigkeit seines Arbeitens ... die Unzuverlässigkeit seines Temperaments ... die sociale Lüge und Aussichtslosigkeit seiner Lage durch physische Ausschweifungen abzustumpfen ... » Wollen Sie nicht etwas Caviar nehmen , Herr Doctor - ? « » Ich danke recht sehr - « Eigentlich aß Adam Caviar sehr gern . Aber der ihm von Fräulein Hedwig angebotene sah nicht besonders appetitlich aus ... schien doch schon ein Wenig alt , trocken , zähe , salzig geworden zu sein . » Aber etwas Wurst oder Käse oder etwas Beef nehmen Sie doch noch - ja ? . Bitte ! . « » Wenn Sie gütigst gestatten - « Adam bediente sich . » Papa , Du vergißt Dein Bier ganz ... willst du nicht ' mal trinken ? . Es ist zwar etwas warm ... unser Keller taugt nicht viel - « » Mir ist gar nicht recht , Kind ... Du weißt ja ... und Bier - ich glaube , es ist besser , wenn ich ' s stehen lasse - es könnte mich noch mehr reizen - gieb mir bitte lieber noch einen Schluck Thee - obwohl Thee meinen Nerven - aber verzeihen Sie nur , Herr Doctor ! Wir haben ' s diesmal schlecht getroffen ... Sie hätten uns übrigens schon längst wieder einmal aufsuchen sollen ... Hedwig sprach öfter von Ihnen - ich bin heute leider sehr unpäßlich - vorgestern fühlte ich mich so wohl und frisch , wie lange nicht - und nun - « Ein neuer Hustenanfall unterbrach die mühsam , schleppend , unter stoßendem Athmen hingelispelten Worte Irmers . Adam sah zu Hedwig hinüber . Sie hatte sich zu ihrem Vater gekehrt und wischte diesem mit einem frischen , leinenen Tuche den Schweiß von der in krankhafter Blässe glänzenden , dick überperlten Stirn . Jetzt fühlte sie den unangenehm scharfen Blick Adams . Sie wurde unruhig ... in ihr Gesicht trat ein seltsamer Ausdruck , der zugleich Scheu , Aengstlichkeit , Verlegenheit ... einen leisen Aerger über die Ungeschicklichkeit ihres Vaters ... und doch auch eine gewisse Freude - aber worüber ? - verrieth . » Was arbeiten Sie jetzt , Herr Doctor ? « fragte Irmer nach einer kleinen Weile und sah mit müdem , erloschenem Blick zu seinem Nachbar hin . » Ach Gott ! Dies und Das ! Es ist nicht der Mühe werth . Ich mache jetzt anthropologische Studien - die sind werthvoller und ... nothwendiger - « bemerkte Adam kurz . Hedwig sah mit unsäglich wehmüthigem Blicke zu ihrem Vater hin . Eine längere Pause entstand . Adam betrachtete mit sehr gemischten Empfindungen die beiden Menschen , die da vor ihm saßen . Er fühlte sich nicht wohl bei ihnen - nein ! Ihre Hülflosigkeit machte ihn nervös ... peinigte , beklemmte ihn . Und doch appellirten sie , gewiß ganz , ohne daß sie es wollten , an sein Mitleid . Sie erwählten ihn unwillkürlich zum Vertrauten ihrer Schmerzen ... und sie wandten sich , gewiß nicht minder unbewußt , an ihn um Hülfe ... um Linderung ... Rettung ... Nun fiel es Adam schwer aufs Herz ... nun that es ihm sehr weh , daß er nicht helfen konnte ... Das » Schicksal « mußte wieder einmal seinen üblichen Lauf nehmen .