. « » Ist es nicht hübscher so ? « fragte Severina . » Freilich - weil Du dabei bist . Und wenn man so von all den verrückten Menschen hört , die die Liebe so tragisch nehmen und sich und anderen das Leben damit sauer machen , freut man sich der eigenen , modernen Vernünftigkeit , « sagte Joachim behaglich . » Die ganze Vernünftigkeit , die Du manchmal in diesem Punkt an Dir rühmst , « bemerkte Severina mit einem zärtlichen Lächeln , » ist weiter nichts als Dein ruhiges Glücksgefühl . Wenn Du früher zu lieben glaubtest , fandest Du fast immer Entgegenkommen ; stellte es sich dann heraus , daß es bloß eine beiderseitige Täuschung gewesen war , tröstetest Du Dich aus dieser Erkenntnis sehr schnell . « » Die Liebe liebt das Wandern , Gott hat sie so gemacht , Von einer zu der andern , Fein ' s Liebchen , gute Nacht ! « sang Joachim halblaut . » Und jetzt , « fuhr Severina eifrig fort , » wo Du zum erstenmal wirklich liebst , mich , findest Du grenzenlose Gegenliebe . Du hast also gar keine Gelegenheit zur Unvernunft ! Aber das ist gewiß , daß auch ein stilles Glück , ein vernünftiges Glück durch einen Querstrich ins übermenschlich Traurige umschlagen kann . Wenn ich Dir untreu würde , Du ertrügst es nicht . Und ich - ich stürbe , wenn Du mich verrietest . « Sie hing leidenschaftlich an ihm . » Aber , Kindchen , « sagte er mißmutig , » Du weißt , ich kann die überspannten Redensarten nicht leiden . Ob ich Dir treu bleibe - Du mir - wer kann ' s beschwören ? Aber wir wollen es hoffen . Wenn wir erst verheiratet sind , macht sich das von selbst . « Severina zitterte . O , über seinen leichten Ton ! Aber gewiß , es war nur der Ton . » Lanzenau sagt mir , « erzählte Joachim , » daß er Aussichten für mich hat . In drei Wochen kann es sich entscheiden . Dann soll Fanny aber die erste sein , die es erfährt , vor ihr schäme ich mich der Heimlichkeit am meisten . Wie sie sich wohl freut , sie ist so teilnehmend . Weißt Du , bei der Geschichte mußte ich immer denken , daß Ginevra gewiß ebenso ausgesehen hat wie Fanny - es ist so das heldenhafte Genre . « » Nein , bei all ihrer Schönheit finde ich dafür Fanny nicht ideal genug . Sie ist viel zu klug und energisch , als daß man sie sich als Type für eine Ginevra denken könnte . « Sie sprachen noch einige Augenblicke von Fanny voll Anhänglichkeit und Verehrung , wie sie immer thaten , und dann schieden sie . Joachim ging in der angenehmsten Stimmung denselben Weg zurück . Dieser führte ihn durch den Nutzgarten , im Warmhause sah er Licht . Der Gärtner war dort , der die Oefen zuschraubte und die Thüren verschloß . Joachim trat ein . Der Schein der Stalllaterne , die der Mann an den Ast eines Orangenbaumes gehängt hatte , lag ungewiß auf dem glänzenden Dunkelgrün der Lorbeeren und Orangen . Auf den Borden an der schräg aufsteigenden , von Eisenstäben durchkreuzten Glaswand stand Topf an Topf Rosen , Kamelien und der keimende Frühlingsflor der Hyazinthen und Maiblumen . Von dort her leuchteten zwei helle Rosenblüten , der Stolz des Gärtners , der seiner Herrin gestern noch die so künstlich gezeitigten Knospen gezeigt . Ohne Bedenken ging Joachim darauf zu und schnitt sie mit seinem Taschenmesser ab . Er lachte den entsetzten Gärtner aus und versicherte , daß es der Rosen würdiger sei , im Zimmer der Herrin zu welken , als hier still zu blühen . » Ich wollte ihr morgen den Topf in den Blumentisch stellen , « klagte der Mann . » Es sind noch fünf Knospen daran , gute Nacht ! « Pfeifend ging Joachim dem Hause zu und trat in das Speisezimmer . Die Frauen waren nicht anwesend . Er legte auf ihre Servietten je eine Rose und wartete . Fanny und Adrienne , als sie erschienen , freuten sich des Blumengrußes sehr . Daß er nur durch einen Raub in Fannys Gewächshaus ermöglicht war , nahm ihm nichts von seinem Reiz . Man setzte sich heiter zusammen , Fanny befestigte die La france-Rose in ihrem Knopfloch . Die Lampe brannte auf dem Tisch , rings war die totenhafte Stille eines ländlichen Winterabends . Das Glücksgefühl , welches Fanny den ganzen Tag darüber gehabt , daß sie unter sich seien , steigerte sich beinahe bis zum jubelnden Uebermut . Die Dienerschaft auf Mittelbach hatte noch nie ein so vergnügtes Lachen aus den Zimmern der Herrschaft gehört . Joachim spielte sich gewaltig als alleinigen Beschützer und Hausherrn auf , und das stand ihm reizend . Endlich setzte er sich an den Flügel und sang und sang , als wollte er sein ganzes Herz ausschütten : all die ungemessene Jugendlust , alle Liebesfreude , alles Ahnen tieferen Empfindens , das er in Gedanken gern von sich wies , alles strömte er in Liedern aus . Bunt ging es durch einander , Lustiges und Trauriges . Aber die Musik ist eine eigene Zauberin . Mit Schmeichelei fängt sie die Seelen und faßt sie dann mit ihrem Pathos . Der Uebermut entschlüpfte unversehens so dem Sänger wie den Hörern , und Joachim reihte Lied an Lied von Schumann , Brahms und Jensen . Und als er , sich selbst berauschend am Text und der Melodie , das Lied von Jensen gesungen : » Lehn deine Wang ' an meine Wang ' , Dann fließen die Thränen zusammen ! Und an mein Herz drück fest dein Herz , Dann schlagen zusammen die Flammen . Und wenn in die große Flamme fließt , Der Strom von unsern Thränen , Und wenn dich mein Arm gewaltig umschließt - Sterb ' ich vor Liebessehnen ! «