noch ein Schlußwort , Herr Franke . Was zurückliegt , liegt zurück . Können Sie darüber nicht hin , so muß ich das respektieren . Aber können Sie ' s , so sag ich Ihnen , Sie kriegen da eine selten gute Frau . Denn sie hat das Herz auf dem rechten Fleck und ein starkes Gefühl für Pflicht und Recht und Ordnung . « » So hab ich Lenen auch immer gefunden , und ich verspreche mir von ihr , ganz so wie der Herr Baron sagen , eine selten gute Frau . Ja , der Mensch soll die Gebote halten , alle soll er sie halten , aber es ist doch ein Unterschied , je nachdem die Gebote sind , und wer das eine nicht hält , der kann immer noch was taugen , wer aber das andere nicht hält , und wenn ' s auch im Katechismus dicht daneben stünde , der taugt nichts und ist verworfen von Anfang an und steht außerhalb der Gnade . « Botho sah ihn verwundert an und wußte sichtlich nicht , was er aus dieser feierlichen Ansprache machen sollte . Gideon Franke aber , der nun auch seinerseits im Gange war , hatte kein Auge mehr für den Eindruck , den seine ganz auf eigenem Boden gewachsenen Anschauungen hervorbrachten , und fuhr deshalb in einem immer predigerhafter werdenden Tone fort : » Und wer in seines Fleisches Schwäche gegen das sechste verstößt , dem kann verziehen werden , wenn er in gutem Wandel und in der Reue steht , wer aber gegen das siebente verstößt , der steckt nicht bloß in des Fleisches Schwäche , der steckt in der Seele Niedrigkeit , und wer lügt und trügt oder verleumdet und falsch Zeugnis redet , der ist von Grund aus verdorben und aus der Finsternis geboren , und ist keine Rettung mehr und gleicht einem Felde , darinnen die Nesseln so tief liegen , daß das Unkraut immer wieder aufschießt , soviel gutes Korn auch gesäet werden mag . Und darauf leb ich und sterb ich und hab es durch alle Tage hin erfahren . Ja , Herr Baron , auf die Proppertät kommt es an , und auf die Honettität kommt es an und auf die Reellität . Und auch im Ehestande . Denn ehrlich währt am längsten und Wort und Verlaß muß sein . Aber was gewesen ist , das ist gewesen , das gehört vor Gott . Und denk ich anders darüber , was ich auch respektiere , geradeso wie der Herr Baron , so muß ich davon bleiben und mit meiner Neigung und Liebe gar nicht erst anfangen . Ich war lange drüben in den States , und wenn auch drüben , geradeso wie hier , nicht alles Gold ist , was glänzt , das ist doch wahr , man lernt drüben anders sehen und nicht immer durchs selbe Glas . Und lernt auch , daß es viele Heilswege gibt und viele Glückswege . Ja , Herr Baron , es gibt viele Wege , die zu Gott führen , und es gibt viele Wege , die zu Glück führen , dessen bin ich in meinem Herzen gleicherweise gewiß . Und der eine Weg ist gut und der andre Weg ist gut . Aber jeder gute Weg muß ein offner Weg und ein gerader Weg sein und in der Sonne liegen und ohne Morast und ohne Sumpf und ohne Irrlicht . Auf die Wahrheit kommt es an , und auf die Zuverlässigkeit kommt es an und auf die Ehrlichkeit . « Franke hatte sich bei diesen Worten erhoben , und Botho , der ihm artig bis an die Tür hin folgte , gab ihm hier die Hand . » Und nun , Herr Franke , bitt ich zum Abschied noch um das eine : grüßen Sie mir die Frau Dörr , wenn Sie sie sehn und der alte Verkehr mit ihr noch andauert , und vor allem grüßen Sie mir die gute alte Frau Nimptsch . Hat sie denn noch ihre Gicht und ihre Wehdage , worüber sie sonst beständig klagte ? « » Damit ist es vorbei . « » Wie das ? « fragte Botho . » Wir haben sie vor drei Wochen schon begraben , Herr Baron . Gerade heut vor drei Wochen . « » Begraben ? « wiederholte Botho . » Und wo ? « » Draußen hinterm Rollkrug , auf dem neuen Jakobikirchhof ... Eine gute alte Frau . Und wie sie an der Lene hing . Ja , Herr Baron , die Mutter Nimptsch ist tot . Aber Frau Dörr , die lebt noch « ( und er lachte ) , » die lebt noch lange . Und wenn sie kommt , ein weiter Weg ist es , dann werd ich sie grüßen . Und ich sehe schon , wie sie sich freut . Sie kennen sie ja , Herr Baron . Ja , ja , die Frau Dörr ... « Und Gideon Franke zog noch einmal seinen Hut , und die Tür fiel ins Schloß . Einundzwanzigstes Kapitel Rienäcker , als er wieder allein war , war von dieser Begegnung und vor allem von dem , was er zuletzt gehört , wie benommen . Wenn er sich , in der zwischenliegenden Zeit , des kleinen Gärtnerhauses und seiner Insassen erinnert hatte , so hatte sich ihm selbstverständlich alles so vor die Seele gestellt , wie ' s einst gewesen war , und nun war alles anders , und er hatte sich in einer ganz neuen Welt zurechtzufinden : in dem Häuschen wohnten Fremde , wenn es überhaupt noch bewohnt war , auf dem Herde brannte kein Feuer mehr , wenigstens nicht tagaus , tagein , und Frau Nimptsch , die das Feuer gehütet hatte , war tot und lag draußen auf dem Jakobikirchhof . Alles das ging in ihm um , und mit einem Male stand auch der Tag wieder vor ihm , an dem er der alten Frau , halb