trug auch dem Heger auf , den arbeitswütigen Kerl im Auge zu behalten und ihm bei nächster Gelegenheit den Vorzug vor allen übrigen Taglöhnern zu gehen . Bald darauf , am ersten September , dem Tage des heiligen Ägidius , feierte die Kirche in Soleschau ihr Fest . Alles war , wie es immer gewesen . Die Marktbuden standen auf den gewohnten Plätzen ; die ganze Einwohnerschaft des Dorfes versammelte sich auf der Wiese zwischen der großen Rüster und dem Garten des Herrn Pfarrers . Die Frau Baronin , die sonst in jedem Wetter fein demütig zu Fuß zur Kirche huschte und wackelte , kam heute die fünfhundert Schritte vom Schlosse her gefahren , in höchster Stattlichkeit und Parade . Jakob und Matthias auf dem Bocke , an Riesenexemplare der Livreeraupe gemahnend , in blauen Fräcken mit gelben Längslinien über dem Rüchen , mit gelben Westen und Aufschlägen , die gurkenförmigen Schimmel in schweren , mit Silber beschlagenen Geschirren . Und im weitläufigen » Schwimmer « die kleine , alte , halbblinde Frau , die nach links und rechts grüßte auf gut Glück und manchem ihr unverschämt ins Gesicht starrenden Grobian mit freundlichem Kopfnicken dankte und manchen ehrerbietigen Gruß unerwidert ließ , vor der Kirche angelangt jedoch ausstieg und in ein großes Gedränge geriet , und sich in demselben ungemein tapfer hielt , wie immer . - Alles wie immer . Sie hörte jeden Klagenden , jeden Heischenden an , sie schrak vor keinem noch so bedenklichen Handkuß zurück , kein Bittender ging leer aus , im schlimmsten Falle gab ' s eine schlagfertige Antwort und für diejenigen , die nichts wollten , als ihren Respekt bezeugen , einen Scherz , eine teilnehmende Erkundigung , die allerdings nicht immer an die rechte Adresse kam . Eine Unverheiratete wurde nach ihrem Kinde gefragt , ein junger Ehemann nach seinem Schatz , aber das schadete nicht , erhöhte nur die fröhliche Stimmung , die sich unverhohlen äußern durfte . Die Gutsfrau liebte den Spaß und verzieh ihn , sogar wenn er auf ihre Kosten ging , weil sie sich im Grunde von den Leuten hochgeschätzt wußte - und das war ihre Stärke . Die Gutsfrau zweifelte nicht , daß die Leute sie betrogen und bestahlen , wo sie konnten , verzieh ihnen aber auch die Unredlichkeit , weil sie sich von ihnen geliebt wußte - und das war ihre Schwäche . Das erste Läuten erscholl , der Pfarrer erschien an der Kirchentür in einer Wolke von Weihrauch , umringt von drei Assistenten ; heute wurde die Messe , wie Jakob sich kutschermäßig ausdrückte , » vierspännig « gelesen . » Weicht aus « , rief die Baronin in die Menge ; » laßt mich zur Kirche gehen , ich muß ja für euch beten . « » Wir tun ' s für Euer Gnaden - unsere Schuldigkeit , freiherrliche Gnaden « , sprachen die Leute und gaben Raum , und die alte Frau ging auf den Geistlichen zu , der ihr das Weihwasser reichte , bekreuzte sich andächtig und verschwand in ihrem Oratorium . Alles wie immer . Außergewöhnlich war nur die Schönheit des Tages , an dem auch der verbissenste Wetterkritiker nichts auszusetzen gefunden hätte . Ein grüner Herbst war dem feuchten Sommer gefolgt , ein sonniger Herbst , der die reiche Ernte auf Feldern und Wiesen gemächlich und ohne Hindernis hereinzubringen gestattete . Alle Besitzenden waren in der besten Laune , die sich auf dem Markt in reger Kauflust äußerte . Frauen und Männer standen an den Buden , prüften die Ware , feilschten sie an ; abgeschlossen sollte der Handel erst nach der Messe werden . Zweites Läuten . Hohe Zeit auch für die minder Andächtigen , sich in das schon halb gefüllte Gotteshaus zu begeben . Der Zug der Kirchengänger wird dichter , die Männer schreiten vorbei am Pfarrersgarten , an dessen Einfassung wie vor sieben Jahren Pavel lehnt . Damals ein verwahrloster , zerlumpter Junge , heute ein gedrungener , kraftstrotzender Bursche , dessen Kleidung sich von der der anderen nur dadurch unterscheidet , daß sie besser sitzt und sorgfältiger gehalten ist . Nach den Männern kamen die Frauen . Pavel fühlte es in jedem Nerv , in jedem Blutstropfen - nun kamen die Frauen . Er lehnte sich zurück an die Stakete , kreuzte die Beine und nahm eine gleichgültige Miene an . Was kümmerten ihn , die an der Spitze gingen , die Mädel ? Er hatte mit keiner etwas zu tun , hatte vielmehr für jede einzelne mehr Geringschätzung , als sie alle zusammen ihm gegenüber aufbrachten , die armen Gänse . Nach den Mädeln kommen die Frauen , die jungen zuerst , und unter ihnen die eine ... die eine , deren Namen er nie mehr aussprechen , für die er blind und stumm sein will von jetzt an bis zu seiner letzten Stunde . Was durch ihn für sie geschehen war , hatte er nie erwogen , nie überlegt ; es war eben getan worden , werkzeugmäßig , unter einem übermächtigen Zwang , ohne klares Bewußtsein , ohne den Gedanken an ein Verdienst von seiner Seite , an eine Verpflichtung von der ihren . Neulich aber , im Wirtshausgarten , als sie ihn angeklagt und beschimpft , da schwand das Dämmern , da schieden Licht und Schatten sich grell , da sagte er sich , was alles er für sie getan hatte ... Unerhörtes , Ungeheures - und sie ? Er rechnete zum ersten Male und schloß auch gleich die Rechnung ab . Es ist aus zwischen ihm und ihr , sie lebt für ihn nicht mehr ... Und dennoch fühlt er ihr Nahen ! ... Warum fühlt er ' s , wenn es aus ist ? ... Er warf den Kopf zurück und hob den Blick empor zum höchsten Wipfel der Rüster und sah dort oben etwas , das seine Aufmerksamkeit fesselte . Inmitten der grünen Zweige , der Blätterunendlichkeit , einen großen , himmelanragenden , abgestorbenen Ast . - Der