die wenigst patriotische Tat ihres Lebens . « Franziska hatte den Brief genommen , augenscheinlich in der Absicht , ihn auf ihrem Zimmer in aller Muße zu lesen , aber Petöfy war andern Sinnes und fuhr fort : » Ich bin neugierig zu hören , was sie dir schreibt . Es werden keine Staatsgeheimnisse sein , überflieg es also und laß mich wissen , was ich wissen darf . Nur die Überschrift möcht ich mit eigenen Augen sehen ... Liebe Gräfin ... Ah , das ist gut ; und nun lies . « Franziska nahm den Brief zurück und las : » Ich bin noch altmodisch genug , meine liebe Franziska , Briefe durch Einlage zu schicken ; in meiner Jugend tat man dies oft und gern , jetzt lächelt man darüber . Jede neue Zeit dünkt sich eben klüger als die vorausgegangene . So war es von jeher , und ich entsinne mich , über vieles gelacht zu haben , was meine Mutter , trotzdem sie doch manches Freiere von England her mit herübergebracht hatte , noch als einen Gegenstand von besonderer Wichtigkeit ansah . « » Alltagsbetrachtung ! « unterbrach der Graf . » Aber laß uns weiter hören . « » Ich freue mich , daß Dein Leben auf Schloß Arpa Dich so glücklich macht , und find es klug , daß Du das Ungrische so gleichsam von verschiedenen Seiten her in Angriff nimmst . Aber wenn Du den Rat einer alten Frau nicht verschmähst , so gehe darin nicht zu weit . Es wird das klügste für Dich sein , deutsch zu bleiben und das Ungrische nur so weit gelten zu lassen , soweit es gelten muß . Alles , was in Deinem neuen Leben an Dich herantritt , mußt Du freundlich ansehen und ein Wort der Anerkennung dafür haben , auch selbst gegen besseres Wissen , aber Du darfst nicht selbst ungrisch sein oder werden wollen . Es wird einem ein solches Opfer in den seltensten Fällen gedankt . Und kann auch kaum . Denn so gewiß ein Sichselbstvergessen unser Schönstes ist , so geziemt sich dies Selbstvergessen doch immer nur im Sinn und Dienste des christlichen Ideals . Wir sollen unser Ich opfern um der erlösenden Liebe willen , das ist etwas Großes , aber wir sollen uns , unser Volk und unsere Sprache nicht aufgeben , bloß um einer andern in gleicher Selbstsucht und Selbstgerechtigkeit befangenen Nationalität willen . « » Und doch hat sie ' s getan . Aber fahre fort . « » All das ist weder nach Gottes Gebot noch nach dem Gesetz der Klugheit , und ich lebe der Überzeugung , daß der Herr Curatus von Szegenihaza diese meine Meinung teilen wird . Wär es anders , so wär er mehr ungrisch als christlich , was ich nach dem Bilde , das ich in früherer Zeit von ihm empfangen habe , nicht glaube . Der Unglücksfall auf dem See hat mich tief erschüttert , am meisten aber , daß die Gegenwart des Allerheiligsten das Unglück nicht abwenden konnte . Vielleicht daß um eines Schuld und Missetat willen soviel Unschuldige den Tod miterleiden mußten . « » Judith hat eine Neigung « , warf hier der Graf ein , » an den einfachsten Erklärungen vorüberzugehen und immer nach wenigstens einem Geheimnis zu suchen , wenn es ein Wunder nicht sein kann . Das Fährboot kenterte , weil es überladen und der Fährmann betrunken war . C ' est tout . Aber laß mich auch den Schluß hören . « » Durch Graf Adam wirst Du , noch ehe Du diese Zeilen liest , von unserer Absicht eines kurzen Herbstaufenthalts auf Schloß Arpa vernommen haben . Wenn ich sage , von unserer Absicht , so heißt das , Egon begleitet mich . Er wünscht an den Wolfsjagden teilzunehmen , die der alte Graf Pejevics in der Umgegend von Schloß Falcavar und auf seinen Gütern überhaupt abzuhalten gedenkt . Auch der junge Graf , den du ja kennst , wird , wenn er Urlaub erhält , bei den Jagden zugegen sein . Ich freue mich sehr auf diesen Aufenthalt , den ersten wieder seit nun gerade zehn Jahren . Wohl ist es wahr , die Stätten unserer Jugend bleiben uns allzeit teuer , und wir hängen daran mit der Kraft einer ersten Liebe . Sage dem Pfarrer meinen Gruß , ebenso dem alten Toldy . Sowie der Regen nachläßt , den wir hier unausgesetzt seit fast zwei Wochen gehabt haben , brechen wir auf . Ein Telegramm meldet Euch zuvor noch Bestimmtes und wenn nicht die Stunde , so doch den Tag unserer Ankunft . In herzlicher Ergebenheit Deine Judith v. Gundolskirchen , geb . Gräfin Petöfy « Franziska legte den Brief aus der Hand und sagte : » Wie liebenswürdig ! Und am liebenswürdigsten da , wo sie mich tadelt . Ich glaube , daß sie recht hat und daß es in der Tat eine Gefahr in sich birgt , sich irgendwo gewaltsam einbürgern zu wollen . Ich muß alles mehr abwarten lernen . Das aber überrascht mich doch , und du selbst , Petöfy , schienst etwas der Art andeuten zu wollen , die Gräfin , deine Schwester , so wenig ungrisch zu sehen , trotzdem sie doch ihrer ungrischen Jugendtage mit Vorliebe zu gedenken scheint . Ist sie deutsch geworden ihrem deutschen Eheherrn oder einfach ihrem deutschen Namen zuliebe ? « » Weder das eine noch das andere . Kirchliche Leute haben eben die Kirche . Die bedeutet ihnen Heimat und Vaterland , und nur die . Die Nationalitäten sind ihnen nichts und empfangen ihre Schätzung erst aus der Frage , wieweit sie der Kirche dienen oder nicht . Übrigens ist Judith nach Art aller Langsamen und Schwerfälligen auch rascher Entschlüsse , ja vollkommener Überhastungen fähig , und da wir , wie der Augenschein , Gott sei Dank , zeigt , seit sechs Stunden ein anderes Wetter haben , so können wir sie nach sechsmal sechs Stunden erwarten .