Matineen , von L ' hombre-Partien und Aufführungen französischer Komödien . Aber es kam anders . Schon vor Ablauf des Jahres mußten sich beide Parteien überzeugen , daß man nicht füreinander passe ; die Gräfin war zu klug , der Nachbaradel nicht klug genug . Besonders die Frauen . Ihr Französisch ( nur noch übertroffen durch ihr Deutsch ) , die geheuchelten literarischen Interessen , das beständige Sprechen über Dinge , die ihnen ebenso unbekannt wie gleichgiltig waren , mußten den feinen Sinn einer Dame verletzen , die zwischen dem persönlichen Umgang mit einem Prinzen und dem geistigen Verkehr mit hervorragenden Geistern ihr Leben geteilt hatte . Nur die Flüchtigkeit erster Begegnungen hatte über diese Verhältnisse täuschen können . Die Gräfin , als sie den Tatbestand überschaute , brach allen Umgang ab und beschränkte sich , ihre Lesepassion wieder aufnehmend , mehrere Jahre lang auf einen allerengsten Kreis , der sich aus ihrem Bruder Berndt auf Hohen-Vietz , aus dem auf Hohen-Ziesar lebenden Grafen Drosselstein und dem dreiundachtzigjährigen Seelower Superintendenten , der schon die Schlacht bei Mollwitz als Feldprediger mitgemacht hatte , zusammensetzte . Ihrem tiefen Bedürfnisse nach Moquerie und Klatsch , dem in diesem frauenlosen Kreise ( Berndts Gemahlin schloß sich aus ) nur sehr unvollkommen entsprochen wurde , suchte sie durch ein briefliches Geplauder mit dem Prinzen zu Hilfe zu kommen , der , ein Feinschmecker auf dem Gebiete der chronique scandaleuse , nicht müde wurde , sie zur Fortsetzung einer beiden Teilen gleich gewinnbringenden Korrespondenz zu ermutigen . Das ging bis 1802 , wo der Prinz starb . Erst nach dieser Zeit empfand sie wieder den Hang , aus ihrer Einsamkeit , die ganz und gar gegen ihre Natur und ihr durch die Verhältnisse nur aufgezwungen war , herauszutreten . Und so geschah es . Die Frauen , gegen die sie , mit den Jahren sich steigernd , eine fast zur Manie gewordene Abneigung hegte , blieben nach wie vor ausgeschlossen ; aber den kleinen Männerkreis , der bis dahin ihren Umgang gebildet hatte , suchte sie zu erweitern . Der Wechsel im Besitz auf mehreren der ihr benachbarten Güter bot dazu eine bequeme Gelegenheit , und jener Gesellschaftszirkel begann sich zu bilden , der , schon ein Jahrzehnt vor Beginn unserer Erzählung , zu allerhand kritischen Bemerkungen von seiten ihres Bruders Berndt , zugleich aber auch zu dem Verteidigungs-Konklusum der Gräfin : » Tous les genres sont bons , hors l ' ennuyeux « , geführt hatte . » Gut « , hatte Berndt geantwortet , » aber dann erfülle auch die Bedingung . Du wirst doch nicht den Kammerherrn von Medewitz als hors l ' ennuyeux bezeichnen wollen ? « » Doch « , hatte die Schwester repliziert und eine Unterredung abgebrochen , in der beide Geschwister , jeder von seinem Standpunkte aus , im Rechte waren . Die Gräfin , selbstisch in all ihrem Tun , verfuhr nicht nach allgemeinen Gesichtspunkten , sondern nach allerpersönlichstem Geschmack . Ihr Umgangskreis , den Berndt ziemlich spitz als » allerlei Freunde « bezeichnete , war nicht darnach gewählt worden , ob er andern , sondern lediglich darnach , ob er ihr gefiele . Was sie am meisten verachtete , waren herkömmliche Anschauungen ; ihre Laune war souverän . Wer ihr ein Lächeln abnötigte , ihr Gelegenheit zu einem Sarkasmus bot , war ihr ebenso unterhaltlich als derjenige , der ihr eine Fülle von Esprit , einen Schatz von Anekdoten entgegenbrachte . Nur die unausgesprochenen Menschen waren ihr interesselos , während alles Aparte , gleichviel , ob es nach der Beschränktheits- oder der Klugheitsseite hin lag , einen prickelnden Reiz für sie hatte . Sehen wir im folgenden Kapitel des näheren , welcher Art diese » allerlei Freunde « von Schloß Guse waren . Drittes Kapitel Allerlei Freunde Die » allerlei Freunde « bildeten einen weiteren und einen engeren Kreis . Der engere Kreis war eine Siebenzahl und bestand aus folgenden Personen : Graf Drosselstein auf Hohen-Ziesar , Präsident von Krach auf Bingenwalde , Generalmajor von Bamme auf Quirlsdorf , Baron von Pehlemann auf Wuschewier , Domherr von Medewitz auf Alt-Medewitz , Hauptmann von Rutze auf Protzhagen , Doktor Faulstich in Kirch-Göritz . Es wird unsere nächste Aufgabe sein , der bloßen Vorstellung dieser Herren , die mit Ausnahme Doktor Faulstichs alle das sechzigste Jahr erreicht oder überschritten hatten , eine kurze Charakterisierung folgen zu lassen . Wenn dies ein Verstoß gegen die Gesetze guter Erzählung ist , so möge der Leser Nachsicht üben , und um so mehr , als der zu begehende Fehler vielleicht mehr scheinbar als wirklich ist . Denn mit wie großem Recht auch die Vorführung abgeschlossener , ihr Tun und Denken zettelartig am Mantel tragender Gestalten verworfen und statt dessen jene Erzählungskunst gepriesen werden mag , die die Phantasie des Lesers in den Stand setzt , das nur eben Angedeutete schöpferisch auszubilden und zu vollenden , so mögen doch Ausnahmen überall da gestattet sein , wo , wie hier , das Nebeneinanderstellen fertiger Figuren nicht viel mehr bedeuten will als eine weniger um der Bildnisse selbst als um des Ortes willen , wo sie sich finden , dem Leser vorgeführte Porträtgalerie . Die vornehmste Erscheinung in Schloß Guse , zugleich dem Zirkel am längsten angehörig , war Graf Drosselstein . In Königsberg geboren , in dessen Nähe auch die Familiengüter lagen , war er , trotzdem er die Provinz gewechselt hatte , ein vollkommener Repräsentant des ostpreußischen Adels . Dieser Adel , dem Hofe und dem » Dienste « ferner stehend , hatte freilich - wenigstens damals noch - darauf verzichten müssen , seinen Namen gleich ruhmreich wie die märkisch-pommerschen Familien in unsere bis dahin wenig mehr als eine Reihe von Schlachten darstellende Geschichte einzutragen , aber was ihm dadurch an Volkstümlichkeit und historischem Klang verlorengegangen war , war wieder aufgewogen worden durch das Bewußtsein gewahrter Unabhängigkeit . Weniger ein- und untergeordnet in das Räderwerk des militärisch-bureaukratischen Staates , hatte sich ganz Ostpreußen und besonders sein Adel - im einzelnen zu seinem Nachteil